"Russland ist nicht unser Feind"

Interview mit Friedrich Kramer, Friedensbeauftragter der EKD, über Friedensdemonstrationen, Waffen für die Ukraine und die friedenspolitischen Aufgaben der evangelischen Kirche
Demonstration für Frieden in der Ukraine in Berlin
Foto: Kathrin Jütte
Demonstration gegen den Krieg in der Ukraine am 27.2.2022 in Berlin.

zeitzeichen: Am Sonntag sind Hundertausende in Berlin auf die Straße gegangen, um für den Frieden in der Ukraine zu demonstrieren. Das dürfte Sie als Friedensbeauftragten gefreut haben. Aber hat es auch Putin beeindruckt?

FRIEDRICH KRAMER: Nein und Ja. Ich glaube, dass er die Zivilgesellschaft unterschätzt hat und es immer noch tut. Die Friedensbewegung hat sich nicht nur in Berlin, sondern weltweit kraftvoll zurückgemeldet. Auch in Russland sind Menschen auf die Straße gegangen und haben klar gemacht, dass sie diesen Krieg nicht wollen. Das waren bewegende Momente. Ob das Putin beeindruckt? Schwer zu sagen. Nimmt der innere Kreis der russischen Führung überhaupt noch eine Wirklichkeit wahr? Das vermag ich nicht zu beantworten.

Ungewöhnlich war an den Friedensdemonstrationen des Wochenendes, dass immer wieder auf Transparenten auch Waffen für die Ukraine gefordert wurden. Die Bundesregierung hat sich nun doch dazu entschlossen, Waffen zu liefern. War das richtig?

FRIEDRICH KRAMER: Nein. Die ursprüngliche Haltung der Bundesregierung, in ein Krisengebiet keine Waffen zu liefern, halte ich nach wie vor für richtig. Denn Deutschland verschließt sich möglicherweise durch diese Waffenlieferungen Verhandlungsoptionen für die Zeit nach dem Krieg. Die Bundesregierung ist hier unter dem medialen und öffentlichen Druck eingeknickt. Das ist nachvollziehbar, aber ich halte das für nicht klug.

Damit lassen wir die Ukrainer gegen einen mächtigen Gegner allein…

FRIEDRICH KRAMER: Nein, das tun wir nicht. Ich kann verstehen, dass dieses Gefühl bei manchen aufkommt. Aber es gibt auch in der Ukraine Friedensaktivisten, die dazu aufrufen, nicht zu den Waffen zu greifen und die russischen Soldaten dazu auffordern, nicht auf ihre Brüder zu schießen. Wir haben in Deutschland mittlerweile eine mediale Stimmung, die uns selber im Krieg sieht. Dem muss man widersprechen: Wir sind nicht im Krieg. Das wäre der Fall, wenn Russland ein Mitgliedstaat der NATO angreifen würde.

Anfang Februar haben Sie in einem Interview dazu aufgerufen, „auch die Sicherheitsinteressen Russlands nüchtern in den Blick zu nehmen.“ Halten Sie das aufrecht?

FRIEDRICH KRAMER: Ja, denn wer auf die Vorgeschichte des Konfliktes schaut, muss feststellen, dass diese Fragen für Russland in den vergangenen 30 Jahren nicht zufriedenstellend gelöst worden sind. Wir haben es verpasst, einen gemeinsamem Sicherheitsraum mit Russland aufzumachen. Dabei wird es auch in Zukunft nur mit Russland Sicherheit in Europa geben, nicht gegen Russland. Der Rückfall in die Rhetorik des Kalten Krieges und der Schützengräben wird Europa nicht sicherer machen.

Margot Käßmann hat die orthodoxen Kirchen in Russland und der Ukraine dazu aufgerufen, als Vermittler tätig zu werden. Ist das realistisch?

FRIEDRICH KRAMER: Die orthodoxe Kirche in der Ukraine ist ja in Bezug auf die Ukraine zerrissen, es gibt dort mehrere orthodoxe Kirchen, und die Lage ist sehr kompliziert. Es hat mich sehr beeindruckt, wie der zur russisch-orthodoxen Kirche gehörende Metropolit von Kiew, Onuphry, sich geäußert hat. Er spricht von Brudermord und fordert Putin auf, den Krieg zu beenden. Aber ich sehe nicht, dass wir von den orthodoxen Kirchen in der Ukraine und der orthodoxen Kirche in Moskau insgesamt Impulse für Friedensgespräche erwarten können.

Was kann die Evangelische Kirche in Deutschland nun tun, um den Menschen in der Ukraine zu helfen?

FRIEDRICH KRAMER: Wir haben ja Partnerkirchen in der Region, etwa über das Gustav-Adolf-Werk und können über diese Verbindungen die Menschen unterstützen. Und wir müssen unsere Köpfe wieder freimachen von den neuen Feindbildern. Russland ist nicht unser Feind. Wir können im Gespräch bleiben und gemeinsam beten, weil wir einen gemeinsamen Herrn haben.

Und was können wir jenseits der Kirchendiplomatie tun, etwa in den Ortsgemeinden?

FRIEDRICH KRAMER: Öffnet die Kirchen, betet, die Kraft des Gebetes ist nicht zu unterschätzen. Wir können die Tradition der Friedensgebete am Montag wieder aufnehmen. Das kann auch nochmal zu einer zivilgesellschaftlichen Klärung beitragen und Antworten geben auf die Frage, was wir wollen. Wir brauchen eine Friedensordnung, in der man sich auf das Recht verlassen kann und dorthin müssen wir wieder kommen. Wir dürfen diesen Anspruch nicht über Bord werfen, indem wir aufrüsten und auf das Recht des Stärken setzen.

Der Koblenzer Militärdekan Roger Mielke sieht die Evangelische Friedensethik angesichts der russischen Invasion vor einer Zeitenwende und fordert neue inhaltliche Bestimmungen. Stimmen Sie dem zu?

FRIEDRICH KRAMER: Nein, ich sehe die Friedensethik nicht an einem Wendepunkt. Wenn Russland die NATO angreifen würde, hätten wir eine neue Situation, die tatsächlich eine solche Wende nach sich ziehen müsste. Aber da sind wir nicht. Und je lauter die medialen Kriegstrommeln geschlagen werden, desto mehr sind wir als Kirche gefordert, die Stimme des Friedens zu erheben und den anderen nicht zum Feind zu erklären. Wir haben die USA zum Freund, und das ist gut so für die europäische Friedensordnung. Und wir müssen Russland nach dem Krieg dort wieder hineinholen. Was sich jedoch geändert hat, ist die mediale Meinungsbildung, die sehr viel aufgeregter und schneller vonstatten geht, als zu Zeiten der letzten Friedensdenkschrift. Deshalb braucht die friedenspolitische Debatte nun Vorsicht, Augenmaß und Nüchternheit. Wir sind nicht im Krieg.

Haben Sie Angst, dass wir es naher Zukunft sein werden?

FRIEDRICH KRAMER: Nein. Ich glaube nicht, dass Putin die NATO angreift. Das Bedrohungspotenzial auf der anderen Seite ist einfach zu groß. Das wäre Harakiri.

Das Interview führte Stephan Kosch am 28.2.2022 via Zoom.

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Foto: EKMD / Anne Hornemann

Friedrich Kramer

Friedrich Kramer ist Bischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und Friedensbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Foto: Rolf Zöllner

Stephan Kosch

Stephan Kosch ist Redakteur der "zeitzeichen" und beobachtet intensiv alle Themen des nachhaltigen Wirtschaftens.


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