Glaubwürdigkeit in Gefahr

Wie „Brot für die Welt“ für mehr Klimagerechtigkeit kämpft
Protestaktion der ACT-Alliance auf der Klimakonferenz in Glasgow. Der Zusammenschluss kirchlicher Hilfswerke kritisiert die ausbleibenden Zahlungen an die Länder des Südens.
Foto: ACT-Alliance
Protestaktion der ACT-Alliance auf der Klimakonferenz in Glasgow. Der Zusammenschluss kirchlicher Hilfswerke kritisiert die ausbleibenden Zahlungen an die Länder des Südens.

Die vergangene Klimakonferenz der Vereinten Nationen in Glasgow brachte für die Länder des Südens keine konkreten Ergebnisse. Annika Rach, Referentin für internationale Klimapolitik bei „Brot für die Welt“, war in Glasgow dabei und beschreibt die Ereignisse. Und sie fragt danach, wie die kirchliche Entwicklungszusammenarbeit angesichts solcher Erfahrungen die Glaubwürdigkeit gegenüber denjenigen aufrechterhalten kann, die am stärksten unter dem Klimawandel leiden.

Am 9. August 2021 saß ich zähneknirschend im sechsten Stock des Werkes für Diakonie und Entwicklung. Ich überflog den aktuellen IPCC-Sachstandsbericht, der einen staatenübergreifenden wissenschaftlichen Überblick über den anthropogenen Einfluss auf den Planeten beschreibt. Die Erkenntnisse: erwartend zermürbend. Als ,,Code red‘‘ für die Menschheit bezeichnete UN-Generalsekretär António Guterres die neuesten Resultate.

Schon seit geraumer Zeit frage ich mich, wie wir Vertrauen und Glaubwürdigkeit gegenüber unseren Partnern von „Brot für die Welt“ aufrechterhalten können. Während die Klimakrise die Lebensbedingungen vieler Menschen in Ländern wie Äthiopien oder Bangladesch dramatisch verschärft, bleiben die Bemühungen um Klimaschutz in einem Land wie Deutschland unzureichend. Es geht um eine globale Krise, für die wenige verantwortlich sind. Fast achtzig Prozent aller Emissionen werden von den G20-Staaten ausgestoßen, darunter ist Deutschland der achtgrößte Emittent.

Hilfe zur Selbsthilfe und eine gemeinsame Arbeit auf Augenhöhe für mehr Klimagerechtigkeit sind unsere Ansätze hier bei „Brot für die Welt“. Augenhöhe bedeutet Vertrauen, Achtung und gleichberechtigte Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen aus dem globalen Süden. Mit über sechshundert Projekten in fast achtzig Ländern unterstützen wir bereits jetzt viele lokale und überregionale Projekte, die Anpassungsmaßnahmen sowie Klimaschutz fördern. Doch wie können wir es als kirchliches Entwicklungswerk schaffen, Glaubwürdigkeit in Zeiten des Klimanotstandes aufrechtzuerhalten sowie die Wahrung der Schöpfung nicht aus den Augen zu verlieren?

Mehr als drei Monate vor der UN-Klimakonferenz (COP26) in Glasgow wird die Dramatik der Klimakrise durch den IPCC-Bericht noch einmal deutlich. Bereits ab 2030 könnte die globale Durchschnittstemperatur um mehr als 1,5 Grad Celsius steigen. Noch klarer stellt der Bericht heraus, dass die Auswirkungen der Klimakrise bei einer Erderwärmung um zwei Grad Celsius weitaus drastischere Folgen für den Planeten herbeiführen werden. Fast wie ein Wahlkampf-Motto klingt Boris Johnsons Betitelung der COP26 im Vorfeld als ,,Keep 1,5 alive‘‘. Es ist eine wichtige Aufgabe, die Klimagerechtigkeit wieder in Zusammenhang mit dem 1,5-Grad-Pfad zu bringen, von dem man in den vergangenen Jahren weit abgekommen ist. Auch wurde in Politikkreisen häufig von der ,,letzten Chance‘‘ gesprochen – obgleich die Beschlüsse auf Klimakonferenzen nur die Hausaufgaben für die beteiligten Staaten vorgeben –, die Umsetzung erfolgt später. Wäre die Konferenz in Glasgow jedoch wirklich die letzte Chance für Klimagerechtigkeit gewesen, hätte sie diese wohl verpasst.

Unser Ziel für die COP26 war unter anderem, die Glaubwürdigkeit beizubehalten, indem wir uns mit zivilgesellschaftlichen Bündnispartnern dafür einsetzen, dass Deutschland einen fairen Beitrag zum Klimaschutz leistet. Genauso wichtig war es jedoch für uns, die Stimmen der Partnerorganisationen aus dem globalen Süden zu verstärken und denjenigen Mitsprache zu ermöglichen, die bereits jetzt am schlimmsten von der Klimakrise betroffen sind. Nur wenn sie gehört werden, kann ein Pfad für mehr Klimagerechtigkeit eingeschlagen werden.Seit Jahrzehnten begleiten wir, gemeinsam mit Menschen aus dem Süden, die Verhandlungen der Klimarahmenkonventionen der Vereinten Nationen (UNFCCC) und setzen uns für weltweite Klimagerechtigkeit ein. Obwohl die Zusammenarbeit immer intensiver und international übergreifender wird, bleibt uns immer weniger Zeit, unsere Glaubwürdigkeit deutlich zu machen, indem wir die Politiker:innen dazu aufzufordern, die Krise aufhalten zu wollen.

Nicht nur der IPCC-Bericht ließ den Druck auf die Verhandlungen steigen. Es wurde auch deutlich, dass das Versprechen der reichen Länder, ab 2020 jährlich hundert Milliarden US-Dollar Klimafinanzierung für Entwicklungsländer bereitzustellen, nicht eingehalten wurde. Das stimmte unsere Partner:innen wenig optimistisch. Die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Konferenz, bei der man Glaubwürdigkeit und Vertrauen wieder verstärkt, waren schwierig. Als einen „Ort mit ungerechten Zugangsvoraussetzungen“ betitelte einer unserer Partner aus Fidschi die COP26 in Glasgow. Allein aus der Pazifik-Region, wo viele der Inselstaaten schon jetzt nur noch wenige Meter über dem Meeresspiegel liegen, konnten Verhandler:innen aus vier Inselstaaten aufgrund der pandemischen Situation nicht anreisen: Reisebeschränkungen, fehlender Impfschutz und horrende Preise machten eine Teilnahme unmöglich. Die Konferenz, die über die Zukunft aller Menschen entscheidet, war so exklusiv wie noch nie.

Gedämpfte Hoffnung

Was wir uns dennoch gemeinsam mit unseren Partner:innen aus dem globalen Süden als Ziel gesetzt hatten: gemeinsam Druck auf Entscheidungsträgerinnen auszuüben und die Verursacherstaaten zurück in die Realität zu bringen, in der die Klimakrise schon jetzt jährlich Menschenleben fordert. Die Arbeit an dieser Mammutaufgabe wurde zur emotionalen Achterbahnfahrt für uns und unsere Partnerorganisationen, mit einem Ausgang, der die Glaubwürdigkeit von Politiker:innen in Frage stellt.

Drei unserer Partner:innen aus Nepal, Bangladesch sowie Guinea nahmen als aktive Verhandler:innen teil. Die restlichen angereisten Organisationen schlossen sich als Beobachter:innen an. Eine unserer gemeinsamen Forderungen war, den Umgang mit klimabedingten Schäden und Verlusten umgehend fair zu gestalten. Das bedeutet: finanzielle Mittel bereitzustellen, die über Kredite und humanitäre Hilfe hinausgehen. Wissenschaftler:innen sprechen derzeit von einer Schadenssumme in den Entwicklungsländern von 290 bis 580 Milliarden US-Dollar pro Jahr ab 2030, sollten die hauptverantwortlichen Länder nicht damit beginnen, ihre Emissionen drastisch zu senken.

Von hoher Relevanz war es daher, dass unsere Partner:innen die schon jetzt dramatische Situation an die Verhandler:innen herantragen, damit Entscheidungsträger:innen endlich die notwendigen Schritte zur Umsetzung des Pariser Abkommens realisieren und konsequente Maßnahmen umsetzen. Der tägliche Austausch mit den Partner:innen sowie Bündnispartner:innen ließ Hoffnung aufkommen; Hoffnung auf eine klimagerechtere Welt, in der die Glaubwürdigkeit, gemeinsam eine sozialgerechtere Zukunft für alle anzubieten, wieder aufkeimt.

Diese Hoffnung sowie die vorherrschende Handlungsbereitschaft in der Zivilgesellschaft wurden herb gedämpft. Mehr als zwei Wochen lang schlugen wir uns gemeinsam mit unseren Süd-Partner:innen die Nacht um die Ohren, versuchten durch Arbeitsgruppen bilaterale Treffen mit Verhandler:innen auszumachen, damit sich diese in offiziellen Verhandlungen für Klimagerechtigkeit und den 1,5-Grad-Pfad einsetzen. Wir veranstalteten gemeinsame Podiumsdiskussionen, welche die dramatischen Auswirkungen der Klimakrise auf wirtschaftlicher, aber auch nicht-wirtschaftlicher Ebene thematisierten.

Doch das Resultat am Ende der Konferenz war enttäuschend: Bei den derzeitigen Bemühungen könnte man bis Ende des Jahrhunderts mit einer Erderwärmung um 2,7 Grad Celsius rechnen – jedoch auch mit einem deutlich höheren Anstieg, sollten die UNFCCC-Vertragsstaaten ihre Versprechen nicht einhalten. Unseren Süd-Partner:innen war die Enttäuschung in ihre Gesichter geschrieben: Eine Anreise von oftmals mehr als 24 Stunden, Quarantänebestimmungen bei Rückkehr ins Herkunftsland und im Gepäck dann eine Abschlusserklärung, die weit weg ist von einem Klimaschutz, der die Krise eindämmen kann.

In Deutschland fragen wir uns mittlerweile, inwieweit die kommenden Generationen eine lebenswerte Zukunft haben werden. Doch diese Frage ist in vielen Staaten der Erde leider schon beantwortet. Extremwetterereignisse werden die Menschen in den kommenden Jahren immer häufiger heimsuchen. ,,Was soll ich meinen Kindern sagen, wenn sie mich nach einer lebenswerten Zukunft fragen?‘‘ Diese Frage eines Partners müssen wir uns als entwicklungspolitisches Werk weiter stellen, und es bleibt unsere Aufgabe, die Glaubwürdigkeit unsererseits aufrechtzuerhalten und unsere Partner:innen weiter tatkräftig zu unterstützen.

Die Klimakrise betrifft uns früher oder später alle. Daher sollte sich die amtierende Bundesregierung nicht nur, wie im Vorfeld des Wahlkampfes, als ,,Klimaregierung‘‘ betiteln, sondern unbedingt für Klimagerechtigkeit einsetzen und damit verbundene Maßnahmen ergreifen. Das Verfehlen von nationalen Klimaschutzzielen senkt die Glaubwürdigkeit und darf nicht so hingenommen werden. Jedes Zehntelgrad Erwärmung zählt und jedes Jahr, in dem wir früher Klimaneutralität erreichen, ist wichtig für die Existenzen derer, die schon jetzt drastische Auswirkungen des Klimawandels spüren. Gemeinsam mit unseren Partner:innen aus dem globalen Süden setzen wir uns jetzt erst recht dafür ein, dass Deutschland, die EU und andere große Emittenten ihrer globalen Verantwortung nachkommen und sich nicht weiter auf dem Verfehlen von selbstgesteckten Zielen ausruhen. Das bedeutet, dass wir uns weiter dafür einsetzen, die Stimmen aus dem Süden in den entwicklungspolitischen Diskurs einzubringen und Räume für kritischen Dialog zu schaffen. Alleine können wir die Glaubwürdigkeit, die Krise eindämmen zu wollen, nicht aufrechterhalten, aber als kirchliches Entwicklungswerk können wir weiterhin einen Beitrag leisten, indem wir gemeinsam mit unseren Partner:innen Missstände offenlegen, lokale  Anpassungsmaßnahmen an die Klimakrise finanziell unterstützen und Klimaschutzprojekte im Süden fördern. 

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