Neugier auf Gott

Ein Nachruf auf Eberhard Jüngel
Eberhard Jüngel (1934-2021)
Foto: epd
Eberhard Jüngel (1934-2021), Foto von 2007.

Vor drei Tagen starb der große Theologe Eberhard Jüngel im Alter von 86 Jahren.  Jüngel, einer der bedeutenden Theologen des 20. Jahrhunderts, gehörte von 2000 bis 2011 dem Herausgabekreis von zeitzeichen an. Der Autor unseres Nachrufs, der Lüneburger Regionalbischof Stephan Schaede, war vor knapp dreißig Jahren Assistent an Jüngels Lehrstuhl in Tübingen.

„Der hat etwas gesehen!“ – Das war wohl das größte mit blitzenden Augen kommunizierte Kompliment, das Eberhard Jüngel einem Autor während seiner Lehre gemacht hat. „Der hat etwas gesehen!“ – Die Schar derer, die er mit dieser Beobachtung auszeichnete, war übersichtlich. Martin Luther längst nicht immer. Karl Barth und Bultmann schon eher. Martin Heidegger bisweilen. In jedem Falle Platon, Paulus und Immanuel Kant.

Eberhard Jüngel jagte Tag für Tag der Sprache, den Worten nach, zehrte vom guten Gespräch, und lauerte so dem Wort Gottes auf, und dies immer in der Ambition, etwas sehen zu wollen; daher seine lebenslange Suche nach plastischen Sprachbildern, auf der Suche nach Metaphern, um Gott dem Unfassbaren eine zerbrechliche Fassung zu geben. Diebisch freuen konnte er sich, wenn ihn kluge Geister etwas sehen ließen. Den „Schwadronören“, die von Innovationen und Transformationen redeten, blieb er skeptisch gegenüber. Die Beschwörung von Paradigmenwechsel fand er lächerlich. Seit der Reformation hat es für ihn in der Theologie nicht im Ernst je einen Paradigmenwechsel gegeben. Das ließ ihn bei allem Anspruch und ihm nachgesagten Arroganz chronisch selbstkritisch und für sich und andere bescheiden bleiben. „Ich bilde keine theologische Schule und ich will auch keine theologischen Schülerinnen und Schüler haben“.

„Lesend denken, denkend lesen“

In seinen Vorlesungen und Seminaren schärfte er regelmäßig ein: Theologie ist nicht die Neuerfindung von Gedanken. Sie ist konzentriertes Nachdenken, nachdenken und nachhören vor allem biblischer Texte. Theologie sei, so sagte er immer wieder, konsequente Exegese. So konzentrierte sich seine Entdeckerfreude – und in der blieb er, solange er vernehmen konnte, unersättlich auf die Entdeckung von dem, was andere neben ihm und vor allem bereits vor ihm  gedacht hatten. Wo andere in Seminar- und Vorlesungsankündigungen seitenlange Texte schrieben, stand bei ihm nur ein Satz. „Es geht in der Veranstaltung darum, lesend denken und denkend lesen zu lernen.“ Vor allem in seinen Seminaren – am Freitagabend zu später Stunde, in Vorlesungsstärke besucht, wurde zum Erlebnis, wie hochemotional Denken das protestantische Herz bildet. Den hinter ihm auf dem Katheder aufgeschlagenen Text rührte er nicht an. Denn der war verinnerlicht. „Sie müssen Texte zehnmal von vorne nach hinten, und  zehnmal von hinten nach vorne lesen. Dann geht ihnen womöglich etwas auf.“  Bis ins Strapaziöse hinein war er aufmerksam nicht nur im Seminargespräch. Aufgehen sollte die in seinen Augen höchste Kunst einer vor Gott verantworteten theologischen Unterscheidung der Geister. Beziehen Sie Position!

So war Eberhard Jüngel theologischer Lehrer mit Leib und Seele. Im Zentrum seiner theologischen Existenz stand, für die Theologie zu begeistern, im Zentrum standen die Studierenden, eine Forschung, die aus der Lehre erwuchs.  Nach einer zerbrechlichen Verewigung durch das Abfassen von mehrbändigen Büchern war ihm nicht – wenngleich die Liste seiner wirkungsvollen Publikationen lang ist und sein Hauptwerk „Gott als Geheimnis der Welt“ sicher zu den bahnbrechenden theologischen Werken des 20. Jahrhunderts zählt. Seine Freude am Wort und an der Geselligkeit fand seinen Ausdruck in einer Gastfreundschaft bis in die tiefe Nacht hinein bei bestem Rotwein, von dem er gerne sagte, dass er funkele. Ausdruck von Liebe, von der er bis ins Kitschige hinein zu dozieren wusste.

Kirche als Ort besonderer Freiheit

Wenig Sinn hingegen hatte er für kulturbeflissene Attitüden. Er hielt es für ein elementares Menschenrecht, nach getaner Arbeit oder vor der nächtlichen Abfassung von Texten für die EKD reichlich Filme, und vor allem Filme mit vielen Toten, sehen zu dürfen. Der EKD, den Kirchen hielt er die Treue, bei aller Verwunderung über so manches kirchenleitendes Mittelmaß. Denn die Kirche hatte er, selbst kirchenfern aufgewachsen, früh schon als Ort besonderer Freiheit erlebt, in dem der Wahrheit die Ehre gegeben werden durfte. So konnte auf sein Betreiben hin in den Kammern für Theologie und öffentliche Verantwortung der EKD, in der EKD-Synode in etlichen internen Beratungsgängen die Theologie immer wieder zum Puls- und Herzschlag der Kirche werden.

Kirchliche Aufgaben, die er übernahm, übernahm er gründlich. Kein Gebäude der Württembergischen Landeskirche dürfte je zuverlässiger renoviert worden sein als das Evangelische Stift. Denn als dessen Ephorus war er täglich während der Umbauarbeiten präsent, prüfte, stellte Rückfragen, regte an und avancierte zum gefürchteter Gast der Bauleitung, täglich präsent. Nichts ließ er durchgehen.

Immens seine Freude am Fall der Mauer, die einer niemals zur Schau getragenen inneren biographischen Zerreißprobe endlich ein Ende setzte, und der Freiheit die Ehre gab. Als Zeichen seiner wissenschaftlichen Weltläufigkeit kann dann die Art gelesen werden, wie er nach seiner Emeritierung die Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) und dort der interdisziplinären Forschung eine neue Fassung zu geben verstand.  Zeitlebens interessierten ihn eben die Stimmen der anderen, anderer Disziplinen und Lebenskontexte. So war es kein Wunder, dass der Orden pour le meritè ihn zu seinem Kanzler berief.

„Hinreißend, erstklassige Unverschämtheiten“

Eberhard Jüngel, ein menschgewordener Ausbund an Gaben und Stärken? Nein, er kannte seine Abgründe nur zu gut. Längst nicht immer war er ein Menschenfreund. Geltungsbedürftige Kolleginnen und Kollegen, die ihm gehörig auf den Wecker gingen, ließ er dies deutlich spüren. Überhaupt konnte er seine Magdeburger Herkunft nicht verleugnen und ließ regelmäßig rhetorisch hinreißend erstklassige Unverschämtheiten in den Raum hinabsausen. Auch war sein Gesang alles andere als schön. Voller Musik aber und von fesselnder Kraft waren seine Predigten auch im Vortrag, mit einer Bildkraft, die die homiletische Fachzunft verblassen ließ. Er war ja nicht nur Frühprediger in Tübingen, Domprediger in Berlin. Der unscheinbare intime geistliche Ort hatte für ihn gleiches Gewicht. Dort für geistreiche Unterbrechungen zu sorgen, bei denen Menschen von ihren Werken ausruhen konnten, um sich an den Werken Gottes zu freuen, war seine hohe Gabe.

Eines Karfreitages kam es etwa zu diesem: „Gott im Totentanz! Eine ungewöhnliche, eine gefährliche Vorstellung! Aber die ist nun ausschließlich für den Tod gefährlich – Gott im Totentanz, das ist einer, der aus der Reihe tanzt, der mitten im Tod nicht nach dessen Pfeife tanzt. Gott im Totentanz – das führt in die fruchtbaren Gefahren der Freiheit – das führt hin zu Ostern.  Andernorts dies: „Über einer verschlafenen Welt leuchtet das Licht des Ostermorgens“. Es leuchtet jetzt auch über Eberhard Jüngel. Er hat etwas gesehen, wer, wenn nicht er. Er hat uns endgültig angesteckt mit der Neugier auf das, was Gott ihn jetzt wird sehen lassen.

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Stephan Schaede

Stephan Schaede, Jahrgang 1963,  promovierte in Systematischer Theologie. Er war von 2010 bis 2020 Direktor der Evangelischen Akademie in Loccum. Zuvor arbeitete er an der FEST in Heidelberg und war Pfarrer in Niedersachsen. Seit 2020 ist er Regionalbischof im Sprengel Lüneburg.


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