Mutiger werden

Was Kirche von Rezo lernen kann

Als Rezo, der bekannte You Tuber, dessen Video zur (Selbst)Zerstörung der CDU im Mai millionenfach angeklickt wurde, kurz vor Weihnachten seine ZEIT-Kolumne zur Positionierung der Kirchen zur Klimakrise veröffentlichte, war das für mich eine große Überraschung.

Rezo gibt in seiner Kolumne freimütig zu, dass er zunächst vermutet hatte, dass die Kirchen zur Klimakrise keine klaren Standpunkte hätten und es folglich auch mit ihrer Kritik an den politisch Handelnden nicht weit her sein könnte. Dann habe er aber angefangen zu recherchieren und sei zu seinem großen Erstaunen auf „glasklare“ Positionierungen gestoßen. Für die Kirchen, genauer die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und die Deutsche Bischofskonferenz, sei der Klimaschutz ganz offensichtlich ein Thema mit hoher Priorität. Sie sprechen sich sachlich gut informiert für konkrete Maßnahmen wie zum Beispiel. eine umfassende und sozialverträgliche CO2-Bepreisung aus, richten deutliche Forderungen an die Politik, beteiligten sich selbst an den Klimastreiks und begründen ihre Positionen ausführlich aus dem Glauben heraus.

Rezos Erstaunen ist für mich nicht neu. Wenn ich als Referentin der EKD für Nachhaltigkeit über die kirchlichen Positionen und referiere, löst das immer wieder Erstaunen aus – sowohl innerhalb der Kirche als auch in der Zivilgesellschaft. Man traut es offenbar den Kirchen nicht zu, dass sie sich kompetent mit solchen Fragen auseinandersetzen. Dass sich die EKD und Landeskirchen schon seit über vierzig Jahren mit Umweltfragen befassen, die EKD seitdem zahlreiche Impulspapiere zu Umwelt -und Entwicklungsfragen veröffentlicht hat und der Ökumenische Rat der Kirchen schon 1975 eine nachhaltige und verantwortliche Gesellschaft forderte, ist vielen unbekannt.

Rezo, dessen Eltern - beide Pfarrer – die aktuellen Verlautbarungen ebenfalls nicht kannten, bringt das Dilemma klar auf den Punkt: „Das ist doch merkwürdig: Da positionieren sich zwei riesige moralische Institutionen, denen laut den aktuellsten Zahlen noch immer über die Hälfte aller Deutschen angehören, so klar und dringlich zu einem der politisch und gesellschaftlich relevantesten Themen – und wir merken es alle gar nicht.“

Warum ist das so? Rezos Erklärung: „Eine These wäre, dass wir zumindest in Bezug auf das Klima kein Problem mit der Kirche haben, sondern gemeinsam mit der Kirche ein Medienproblem. Selbst bei aktiver Suche nach Artikeln habe ich fast keine große Zeitung gefunden, die über die …Stellungnahme gegen die Klimapolitik der Bundesregierung berichtet hat. Dabei sind das berichtenswerte Nachrichten, die vielleicht nicht die meisten Klicks generieren, aber mit möglichen Überschriften wie "Katholische Kirche kritisiert Klimapaket der CDU" auch nicht völlig aufmerksamkeitslos untergehen würden“.

Rezo beschreibt damit ein Grundproblem, das den Kirchen nicht unbekannt ist. Hochkarätig und multiprofessionell besetzte kirchliche Think Tanks verfassen Texte zu wichtigen gesellschaftlichen Themen wie Migration, Friedensethik, Klimawandel oder Tierwohl. Zur Veröffentlichung solcher Texte im Rahmen einer Pressekonferenz erscheinen jedoch nur eine Handvoll Journalisten. Vielen sind die Texte zu lang, zu differenziert, wenig geeignet für eine knackige Schlagzeilen. Es ist erfreulich, wenn Journalisten sich die Mühe machen, mehr als die Zusammenfassung zu lesen, genauer nachzufragen und die Differenziertheit des Inhaltes widerzugeben. Aber selbst dann schaffen es EKD-Texte fast nie auf prominente Stellen der Tageszeitungen.

Auch Rezo merkt kritisch an, dass die Verhältnismäßigkeit für die Relevanz von Meldungen oftmals verloren geht. Er fordert die Journalisten auf, mehr darüber nachzudenken, worüber es sich lohnt zu schreiben – nicht ohne einen selbstkritischen Blick auf die Relevanz seiner eigenen Produkte. „Also, liebe Zeitungen, da geht mehr. Kann echt nicht sein, dass ihr über einzelne Tweets von mir zig Artikel schreibt, darüber aber kaum berichtet“.

Auch die Kirchen tragen ihren Anteil an der bescheidenen Medienresonanz ihrer Texte. Sei es, dass die Kommunikationsstrategien nicht immer die effektivsten sind, mancher guter Text „in den hintersten Ecken der Websites“ (so Rezo) schlummert oder es ihnen schlicht an personellen Ressourcen für eine offensivere Öffentlichkeitsarbeit und die wahrnehmbarere inhaltliche Arbeit an Sachfragen mangelt,

Noch schwieriger ist es für die Kirchen, in den sozialen Medien Fuß zu fassen, die zudem meistens viel zu atemlos sind für eine eingehende Auseinandersetzung mit komplexen Themen. Rezos Arbeit, bei der man eine gründliche Recherche deutlich herauslesen kann, ist da eine wohltuende Ausnahme, die nicht hoch genug gewürdigt werden kann.

Ein Problem der sozialen Medien besteht darin, dass sie zu sehr auf möglichst hohe Klickzahlen angelegt sind – unabhängig von den Inhalten. Die Monopolmacht von Google, Amazon und Co zeigt sich hier als Problemverstärker. Denn ihr vorrangiges Ziel ist ja nicht, bestimmte Inhalte zu verbreiten, sondern Werbeeinnahmen zu generieren. „Ein Inhalt, der Hass verbreitet, wird sechsmal mehr angeklickt als einer, der die Wahrheit sagt“ so hat es schon der Ratsvorsitzenden der EKD Heinrich Bedford-Strohm in einem ZEIT-Interview auf den Punkt gebracht und eine „Ethik der Algorithmen“ gefordert.

Sieht man sich die über 1000 Kommentare an, die die Kolumne von Rezo hervorgerufen hat, so muss man leider feststellen, dass hier kaum eine inhaltliche Auseinandersetzung mit seinen Recherchen zum Thema Kirchen und Klimaschutz stattfindet. Das Bild von Kirche ist bei den meisten Kommentaren negativ zementiert und wird pauschal mit Inquisition, Hexenverfolgung und Kreuzzügen in Verbindung gebracht. Das erspart die Mühe, sich wie Rezo tatsächlich kundig zu machen und mit aktuellen kirchlichen Aktivitäten und Stellungnahmen zu befassen. Besonders problematisch sind die Verachtung und der Hass, mit denen einige Teilnehmer sich in solchen Kommentaren weitgehend argument- und inhaltsfrei gegenseitig verbal nieder machen.

Die Kirchen sollten sich deshalb bei aller Trauer über die geringe Medienresonanz hüten, zu sehr auf die Quantität ihrer medialen Wirkung zu schielen. Die Botschaften und die Werte, die sie vertreten, sind nicht immer eingängig und leichtverdaulich. Und sie werden auch nicht von allen geteilt. Im Gegenteil, gerade bei ihren Positionen zur Klimakrise stoßen sie nicht nur auf viel Zustimmung, sondern auch auf viel Widerspruch. Das gilt sowohl für die Analyse der Ursachen wie auch für die Maßnahmen, wie der Klimawandel begrenzt werden kann. Hier ist es besonders wichtig, sich weder zu sehr an den Unterstützenden noch an den Gegnern zu orientieren, sondern danach zu fragen, was aus theologisch-ethischer Sicht zum Verhältnis von Gott und Mensch zu sagen ist und wie aus christlicher Perspektive dem Wohl von Menschheit und Mitschöpfung gedient werden kann.

Klare, verständliche und gut begründete Positionen zu formulieren und diese – ohne moralisch belehrend oder besserwisserisch zu sein – selbstbewusst zu vertreten, entbindet Kirche jedoch nicht davon, sich Gedanken darüber zu machen, wie diese inner- und außerkirchlich wahrgenommen werden.

Nach einem Grundsatzpapier der EKD zur Agenda 2030 aus dem Jahr 2018 haben die Kirchen verschiedene kommunikative Rollen inne, die nicht gegeneinander ausgespielt werden sollten. Sie sollten Mahner, Mittler und Motor für eine nachhaltige Entwicklung sein. Sie sollten also angesichts der zerstörerischen Folgen des menschengemachten Klimawandels für eine gesellschaftliche Transformation, eine persönliche wie gesamtgesellschaftliche Umkehr zu einer nachhaltigeren Lebensweise eintreten. Sie sollten bei der Frage, wie die Zielkonflikte auf dem Weg dorthin zu lösen sind, vermitteln und für faire und sachbezogene Dialoge eintreten. Und sie sollten selbst in ihrer eigenen Praxis Vorbild sein und zeigen, wie eine nachhaltigere Praxis aussehen könnte.

Gerade in dieser Kombination als Mahner, Mittler und Motor sollten die Kirchen mutiger werden. Zu oft noch scheuen sie sich vor mutigen Beschlüssen für die eigene Praxis oder vor deutlichen Worten gegenüber den politisch Verantwortlichen, weil sie fürchten, Kirchenmitglieder zu verprellen oder an gesellschaftlicher Akzeptanz zu verlieren.

Rezo macht den Kirchen auf jeden Fall Mut zu mehr Selbstbewusstsein, Sichtbarkeit und Streitbarkeit in ihren öffentlichen Verlautbarungen „…in Zeiten, in denen die Menschheit kurz davor ist, die Schöpfung in großen Teilen zu vernichten und große Teile der Welt unbewohnbar zu machen, ist es vielleicht an der Zeit…. auf christliche Art, sichtbarer zu kämpfen… Ich bin mir ziemlich sicher, dass Jesus es gutheißen würde, wenn Christen ihre Kritik an der Politik lauter äußern… und vehement an die christlichen Standpunkte erinnern, bis wir es alle mitbekommen haben, und die Politik… danach handelt“.

Bei aller Sympathie für Rezos Ermutigungen, kann ich seine Erwartungen an die Wirksamkeit von kirchlichen Äußerungen jedoch nicht ganz teilen. Ich verstehe Kirche als einen Akteur unter vielen in einer vielstimmigen und vielfältigen Gesellschaft. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die Erwartung, dass alle ihre Positionen wahrnehmen und die Politik sich ungeteilt an ihnen ausrichtet, halte ich hingegen  für vermessen. Denn das wäre ein Rückfall in Zeiten, die wir uns in einer demokratischen und säkularen Gesellschaft nicht zurückwünschen sollten.

Trotzdem kann ein wenig mehr Selbstbewusstsein nicht schaden. Die Kirchen sollten mutiger darin sein, schwierige Fragen anzupacken und aus der Perspektive des christlichen Glaubens Antworten zu formulieren, die zugleich klar, einladend und überzeugend sind. „Traue dich, o Christenheit“ lautet der Zuspruch an die Kirchen im neuen Jahrzehnt. Und gleichzeitig braucht es Leserinnen und Leser – online wie offline –, die neugierig und offen genug sind , nachzufragen, für welche Inhalte und Werte die Kirchen von heute in der Gesellschaft wirklich eintreten.

Mehr Mut zur Sichtbarkeit und Klarheit würde die Kirchen ohne Zweifel vor allem bei jungen Menschen attraktiver machen. „Ich hätte Bock drauf“ schreibt Rezo. „You are very welcome- Rezo!“, ist meine Antwort.

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