Vom Widerspruch

… als Wahrheitskriterium

Täglich dachte ich früher nach, wer ich sei. Zerrissen zwischen Bildern – des Dichters, des Gläubigen, des Handelnden und des Asketen, überlagert von vielen Projektionen und dem täglichen betenden Basteln von nützlichen Gottes-, Götzenbildern, Fluchtpunkten wechselhaften Denkens, dazu auch des Gelehrten und Lehrenden, das alles in geordneten Zeitfenstern. Ich mochte dies oder das sein. Aber der Spielregel entkam ich nicht: Ich entwarf mich. Ich verbrachte viel Zeit damit, mich in die Bilder einzufügen, die ich für mich entwarf […] Gestern schaute ich in den Spiegel über dem Waschbecken und sah nur das leere Badezimmer.“ So spricht Ich über sich auf der Hälfte dieses neuen Buches von Christian Lehnert, das, um es gleich vorwegzunehmen, das stärkste und reifste ist, was Christian Lehnert bis dato veröffentlicht hat.

Liegt es an der monolithischen Denkungsart, deren Sog man sich in ihrer mystisch-präzisen Webart nicht entziehen kann wie einst bei W. G. Sebald? An der Fähigkeit der Versenkung, die einem Ziseleur gleicht? An der unerbittlichen geistigen Geradlinigkeit, die ihn immer wieder zum Visionären, Schauenden treibt?

Das Buch wechselt kapitelweise zwischen der Geschichte eines alten Hauses und seines neuen Besitzers und dessen Sinnen über das Lamm. Dem Haus, einem alten Bauernhaus im Erzgebirge, sind 14 Kapitel gewidmet; dem Lamm 13 Kapitel, deren jedes durch einige Verse aus der Offenbarung eröffnet wird. Das verbindende Ich versenkt sich in Arbeit und Landschaft, in Stille und Stillstand der Zeit – es gibt sich hin, hadert, erkennt, schafft, schläft, erkrankt, gesundet. Die sich ändernde Wahrnehmung geht mit einer Rückbesinnung und Neuorientierung einher: „Denn was wissen wir wirklich? Und was sind soziale Rituale, die uns über unserer Unwissenheit beruhigen? Über der tief in den Knochen sitzenden, letzten Angst? Wirksamste Therapie war schon immer der Glaube. Auch die zeitgenössische Medizin scheint einer Religion immer ähnlicher zu werden. […] Es scheint, als sei unter anderem die Medizin an die Stelle des alten Jenseits getreten, indem sie Heilung und Tröstung verspricht und Glück und am Ende ein selbstbestimmtes kurzes, schmerzloses Verlöschen […] Ärzte sind Priester in weißen Talaren; sie befolgen genau und in steriler Präzision eine Liturgie technischer Vollzüge und bannen das Unvorhersehbare? Und wer ihnen nicht traut, fällt als Ketzer aus der Ordnung?“

Die Denkschärfe Christian Lehnerts hat in diesem weise forschenden Buch alles Trennende abgelegt. Die Motorsäge seiner Gedanken legt wie die der alten Mystiker, die ihm zu Dialogpartnern geworden sind, frei. Aber sie dekonstruiert nicht, sie stabilisiert, neu ordnend in Einsicht und Erkenntnis. Es scheint, als habe er mit diesem Buch vertrautes Neuland betreten. Als sei diese Art poetischer Prosa jene Form, die sein Sinnen und Sein am besten zu offenbaren versteht. Es ist seine Form, in der er, einmal mehr um das Ganze ringend, Wissen sortieren und Geschichte verhandeln kann, um der Zeit ihre Bedeutsamkeit wie ihre Bedeutungslosigkeit aufzuzeigen und uns für die Wahrnehmung von Polarität und Gleichzeitigkeit zu öffnen.

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