Faszinierend

Religion und Glaube

Unwillkürlich verschwimmen für den Leser die Bilder – hier der 80-jährige, gealterte und doch so vital wirkende Jurist, damals am selben Ort der etwas ältere Papst Benedikt XVI. mit seiner berühmt gewordenen Rede zum Thema Islam und Gewalt, die als „Papstzitat von Regensburg“ in die Annalen eingegangen ist. Mit Überlegungen zum Thema Glaube und Vernunft ist auch das Thema bei beiden annähernd gleich.

Kirchhof ist bekannt als Bundesverfassungsrichter, gewichtiger Steuerrechtsexperte und jener Hochschullehrer, den Angela Merkel im Bundestagswahlkampf 2005 in ihr „Kompetenzteam“ als möglichen Finanzminister geholt hatte und der im hitzigen Wahlkampf von Bundeskanzler Gerhard Schröder als „dieser Professor aus Heidelberg“ geschmäht wurde. Seinem Renomee hat das letztlich nicht geschadet; später hat er einmal erklärt, er sei dankbar für den „Denkzettel“, den ihm das Wahlvolk verpasst habe.

Im November 2022 hatte Kirchhof die Gastprofessur „Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI.-Stiftung“ an der Universität Regensburg übernommen. Der vorliegende Band dokumentiert seine vier Vorlesungen sowie eine Diskussionsrunde mit Angehörigen der Fakultät für Katholische Theologie. Von ungefähr kam die Berufung auf diese Professur wohl nicht; Kirchhof hat sich wiederholt als gläubiger Katholik geäußert; er ist im Vorstand des Cusanus-Werkes, in der Görres-Gesellschaft und in der dem Gedankengut Romano Guardinis verpflichteten Eugen-Biser-Stiftung.

Am früheren Papst, erklärte er in einem Interview, hätten ihn immer wieder dessen Überlegungen zum Verhältnis von Glaube und Vernunft fasziniert, die dieser „nicht als Gegensätze, die sich überwinden wollen, sondern als Regeln, die sich gegenseitig begrenzen und fördern“ sah. Dieser Gedanke durchzieht auch seine Vorlesungen. In deren Mittelpunkt rückt er Überlegungen zur Freiheit, zum säkularen Staat und zur Frage, was Kirchen und Religionen für diesen Staat leisten können und sollen.

Einen Staat ohne Religion kann es nicht geben. Dieser Gedanke durchzieht das ganze Buch. Kirchhof begründet dies mit dem Streben des Menschen nach allgemein gültigen moralischen Prinzipien, worauf die Vernunft allein keine befriedigende Antwort geben könne. Eine Rechtsgemeinschaft, wie sie der demokratische Staat ist, ermögliche dem Menschen die Räume für dieses Suchen und Fragen: „Die Geschichte der Menschheit zeigt die Suche der Menschen nach Gott, der, wenn ein Gott existiert, nur der eine für alle Menschen sein kann. In Verfassungsstaaten begegnen sich Kirche und Gesellschaft in unterschiedlicher, sich vervollständigender Freiheit.“

Institutionell finde der Glaube seinen Halt in den Kirchen. Sie geben, so Kirchhof, den Menschen Gottvertrauen, Menschenvertrauen und Selbstvertrauen und damit das Fundament einer Gewissheit, die Angst und Furcht als schlechte Ratgeber in schlechten Zeiten überwindet. Die Vereinfachung der Welt, wie es heute unter technologischen Gesichtspunkten geschehe, verfehle nur zu oft die Humanität, die Freiheit und Einzigartigkeit des Lebens. Religion hingegen könne „aus der Sackgasse des allein Vernünftigen“ hinausführen und die „begrenzte Reichweite menschlicher Vernunft“ öffnen. Letztlich, so resümiert Kirchhof, sei der Staat auf die Christen als moralisch handelnde, verantwortungsbewusste Bürger angewiesen; ohne sie habe der demokratische Staat keinen festen Halt.

Als bekennender Katholik mahnt er seine Kirche zu Reformen für eine „Entfaltung menschlicher Vielfalt in Seelsorge und Gottesdienst“. Am selben Ort, an dem seinerzeit Papst Benedikt eine vielfach als konservativ angesehene Rede gehalten hatte, sagt Kirchhof jetzt, die Kirche solle prüfen, „ob sie es in ihrer Verantwortung für die heutige Welt noch vertreten kann, Frauen vom Priesteramt fernzuhalten“. Und gleich danach: „Die Kirche sollte den Versuch wagen, verheiratete und unverheiratete Priester zuzulassen“ und eine faktische Befristung des bischöflichen Amtes vorzunehmen.

Kirchhof hat erkennbar die Sorge, ein Staat ohne das moralische Gerüst des Christentums könne ins Schlingern geraten. Beide Seiten, das wiederholt er in ständiger Variation, bedingen einander: „Wenn wir dieses Prinzip für den säkularisierten deutschen Staat verallgemeinern, begegnen sich die religiöse Sendung, sich um das Innere des Menschen zu kümmern, mit dem rechtlichen Auftrag, die äußere Ordnung des freien Menschen zu gewährleisten.“

Wer Kirchhof bei früheren Gelegenheiten zu juristischen und politischen Kontroversen erlebt hat, wird ihn als durchaus temperamentvollen Streiter in Erinnerung haben. Das spürt man auch hier; nämlich ein Selbstbewusstsein, als Christ im Staat gebraucht zu werden. Nicht ganz lassen sich leise Fragen unterdrücken, ob der postmoderne Staat in seiner libertären Haltung sich wirklich noch an christliche Vorstellung von Gott und Mensch gebunden fühlt und seinen Zusammenhalt in christlichen Wertvorstellungen sieht. Ob andernfalls aus Freiheit, wie Kirchhof meint, Willkür wird? Ein weites Feld, würde Theodor Fontane sagen.

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