Glaubensleben

Impulse des liberalen Christentums

Der Sammelband Christsein im Alltag bietet Erkundungen zu der Frage, wie ein persönlich und gesellschaftlich überzeugendes Glaubensleben heute aussehen kann. Dabei handelt es sich um Impulse liberaler Christen, die bei der Jahrestagung des Bundes für freies Christentum 2022 vorgetragen wurden.

Vor dem Hintergrund eines starken Rückgangs der Kirchlichkeit und religiösen Sozialisation suchen die Autoren nach Brücken, über die christliche Inhalte für heutige Menschen und die Gesellschaft relevant werden könnten. Werner Zager betont in seinem Beitrag die Bedeutung von Vorbildern für die Vermittlung des Christlichen. Entscheidend sei dabei nicht der blinde Gehorsam oder die Idealisierung, sondern gewissermaßen das Hineinwachsen in dieses glaubwürdige Leben und Handeln.

Spannend lesen sich seine Kurzvorstellungen vorbildhafter Christen aus dem liberalen Protestantismus: Albert Schweitzer, Dietrich Bonhoeffer, Sophie Scholl und Martin Luther King. Ihnen gemeinsam ist die Hingabe des eigenen Lebens an einen höheren Zweck, bis hin zur Bereitschaft zum Martyrium. Der Glaube wird dabei in ein Handeln übersetzt. Die Religion bleibt nicht bloße Dogmatik. Es gilt wohl durch die Zeiten hindurch dieses Wahrheitskriterium: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ (Matthäus 7). Er schreibt: „Vorbild im Sinne gerade eines liberalen Christentums vermag nur zu sein, wer sein Christsein glaubwürdig lebt, indem er oder sie für das einsteht und mit Herz und Verstand vertritt, was er oder sie glaubt und wovon er oder sie überzeugt ist. Im Konfliktfall kann dies bedeuten, dass glaubwürdiges Christsein die Bereitschaft zum Martyrium mit einschließt.“ Doch sollte diese „Bereitschaft zum Martyrium“ tatsächlich zum Maßstab für glaubwürdiges Christsein erhoben werden? Oder nicht eher als eine besondere und außergewöhnliche Ausnahmesituation behandelt werden? Ist die Bereitschaft zum Martyrium nicht äußerst ambivalent? Generell ist die Frage, ob neben die Vermittlung der hohen Idealität dieser Genies der Menschlichkeit nicht auch „geglückte Halbheiten“ (Fulbert Steffensky) und das „kleine Heilige“ im Alltag gewürdigt werden sollten.

Aufschlussreich ist auch der Beitrag über ein zeitgemäßes Sprechen vom Glauben. Raphael Zager diagnostiziert darin, dass traditionelle christliche Begriffe wie Gnade, Erlösung und Rechtfertigung heute kaum noch verständlich sind. Vielmehr sollte lebensnäher vom Evangelium gesprochen werden – etwa in der Thematisierung jener Situationen, in denen heutige Menschen im weitesten Sinn religiöse Erfahrungen machen: bei Geburt, Umgang mit dem Sterben, Fragen nach dem Sinn des Lebens, Schuld, Werteüberzeugungen. Im Anschluss an Erik Flügge plädiert er für vier Wesensmerkmale heutiger religiöser Rede: „Relevanz, starke Emotionen, Pointiertheit und theologische Substanz.“

Dass glaubwürdiges Christsein nicht nur eine Sache der Innerlichkeit ist, zeigt Hans-Georg Wittig mit seinem dringlichen Plädoyer für einen „Atompazifismus“, für dessen Verwirklichung sich Christen einsetzen sollten. Denn in Zeiten atomarer Kriegsoptionen und einer hochgradig vernetzten, globalisierten Welt bedeute die Pflicht zur Nächstenliebe auch die Pflicht zur „Fernstenliebe“. Denn: „Wenn wir zulassen, das gemeinsame Überleben aufs Spiel zu setzen, brauchen wir über sonstige Bedingungen gelingenden Miteinanders kaum noch nachzudenken“, so Wittig, der sich auch gegen die „Renormalisierung des Militärs“ und für „die Überwindung der Institution des Krieges“ und die „Umstellung auf nicht-militärische Formen der Konfliktaustragung“ ausspricht. Die entscheidende Heilungsmöglichkeit sieht er in einer „Entfeindungsliebe“, einer „Ehrfurcht vor dem Leben“, die eine Kultur der Gewaltfreiheit fördert. Diese speist sich letztlich aus dem Glauben an die „Güte des Schöpfers“.

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Stefan Seidel

Stefan Seidel (*1978) ist evangelischer Theologe und Psychologe sowie Leitender Redakteur der Evangelischen Wochenzeitung Sachsens „Der Sonntag“. Zuletzt ist von ihm im Claudius-Verlag das Buch Nach der Leere. Versuch über die Religiosität der Zukunft erschienen.


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