Noch wirksam, aber reformbedürftig

KMU VI: Mitglieder erwarten grundlegende Veränderungen von ihren Kirchen
Graphik: Mensch mit Fernglas vor Kirchturm
Foto: EKD-SI/BECKDESIGN GmbH
"Wie hältst Du`s mit der Kirche?" Graphik auf dem Cover der neuesten Kirchenmitgliedsschaftsuntersuchung.

Die Zahl der Kirchenmitglieder sinkt, weil auch die Religiosität in der Bevölkerung insgesamt abnimmt. Diese, nicht ganz unumstrittene Schlussfolgerung aus der neuen Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU VI), die auf der EKD-Synode in Ulm vorgestellt wurde, bedeutet aber nicht, dass Katholiken und Protestanten sich gesellschaftlich zurückziehen sollten. Im Gegenteil: Die Mitglieder und auch die Konfessionslosen erwarten soziales und politisches Engagement. Und grundlegende Reformen.

„Wir müssen alle auch bereit sein, uns irritieren zu lassen“, stimmte Edgar Wunder vom Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD auf den dann folgenden Vortrag ein. Er und sein Kollege Christopher Jacobi stellten den Synodalen in Ulm am Dienstagmorgen erste Ergebnisse der aktuellen Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU VI) vor. Alle zehn Jahre werden die Kirchenmitglieder und Konfessionslose befragt, diesmal erstmalig auch katholische Christen und Christinnen. Deshalb ist die Datenmenge besonders groß, den knapp 5.300 Befragten wurden 592 Fragen gestellt. Die detaillierte Auswertung wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen, aber erste Erkenntnisse aus der Studie konnten Wunder und Jacoby den Synodalen vorstellen.

Dazu zählt: Nicht nur die Kirchenbindung in der Bevölkerung geht zurück, sondern auch die Religiosität insgesamt. 43 Prozent der Deutschen gehören derzeit keiner Konfession an, doch ihr Anteil wächst um gut ein Prozent pro Jahr. Ab Ende der 2020er-Jahre werden die Kirchmitglieder also spätestens in der Minderheit sein. Bereits jetzt aber sind 56 Prozent der Bevölkerung als „Säkulare“ zu bezeichnen, zu ihnen zählen interessanterweise auch etwa ein Drittel der Kirchenmitglieder. 13 Prozent sind die kirchlich-religiös, 25 Prozent religiös-distanziert und nur sechs Prozent sind Anhänger alternativ-religiöser Praktiken (Wahrsagerei u.ä.), Tendenz noch deutlicher sinkend als bei kirchlich gebundenen Menschen (lesen Sie  dazu auch die methodische Kritik an der Studie von drei Mitgliedern ihres wissenschaftlichen Beirates).

Eine weitere Erkenntnis: Unter den Kirchenmitgliedern verschwinden die konfessionellen Profile. „Wir treten ein, in eine postkonfessionelle Situation“, sagte Edgar Wunder. In vielen zentralen christlichen Aussagen näherten sich Katholik*innen und Protestant*innen an. Das gilt auch für religiöse Handlungen wie dem tägliches Gebet, dass auf beiden Seiten noch etwa 15 Prozent der Mitglieder praktizieren. Unterschiede gibt es ein wenigen Punkten, etwa bei der Teilnahme an Wallfahrten (eher katholisch) oder dem Wertlegen auf eine gute Predigt (eher evangelisch). Auch bei der dritten Erkenntnis sind beide Kirchen in ähnlicher Situation: Die Mitglieder haben große Reformerwartungen. Unter evangelischen Christ*innen stimmen 80 Prozent der Aussage zu, dass die Kirche sich entschieden verändern muss, um zukunftsfähig zu bleiben, unter katholischen sind es fast 100 Prozent. Mit den bislang eingeleiteten Reformen sind die Protestanst*innen allerdings deutlich zufriedener als die ihre katholischen Brüder und Schwestern.

Doch trotz aller Kritik von außen und innen und der abnehmenden Religiosität, besitzen beide Kirchen weiterhin eine hohe soziale Reichweite, so die Studie. Drei von vier Menschen ist die Pfarrperson der eigenen Gemeinde bekannt, den wenigstens wohl durch einen regelmäßigen Gottesdienstbesuch. Und Kirchenmitglieder engagieren sich überdurchschnittlich ehrenamtlich nicht nur in der Kirche. Das korrespondiert mit der Erkenntnis, dass Kirchen weiterhin über „wirksame Handlungsmöglichkeit innnerhalb dominanter gesellschaftlicher Trends“ verfügen. Diakonie und Caritas genießen ein sehr hohes Vertrauen in der Gesellschaft, die evangelische Kirche (separat von der Diakonie betrachtet) liegt in diesem Punkt noch vor den politischen Parteien und der katholischen Kirche, wenn auch hinter der Bundesregierung.

Diesen Einfluss sollte sie nutzen, meint die Mehrzahl der Befragten, etwa für den Einsatz für geflüchtete Menschen und für den Klimaschutz. Solches Engagement und die Beschäftigung auch mit nicht im engeren Sinne religiös konnotierten Themen erwarten zwei von drei Kirchenmitgliedern. Die oft kolportierte These , dass die Kirchen Mitglieder verlieren, weil sie sich zu politisch äußern, bestätigt die KMU nicht. Dieser Grund war der am wenigsten genannte bei denjenigen, die aus der Kirche ausgetreten sind, deutlich öfter sei zu wenig politisches Engagement als Motivation für den Kirchenaustritt genannt worden. Insofern, so Jacoby und Wunder, wäre es ein Fehler, wenn die Kirchen die Kirchen ihre Kommunikation auf religiöse Fragen beschränken würde.
 

Weitere Information zur KMU VI sind zu finden auf der Website kmu.ekd.de.  Mitte Mai 2024 erscheint ein wissenschaftlicher Begleitband mit vertiefenden Auswertungen, Anfang 2025 ein Diskussionsband zu den Schlussfolgerungen, die aus den KMU-Ergebnissen gezogen werden können

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Foto: Rolf Zöllner

Stephan Kosch

Stephan Kosch ist Redakteur der "zeitzeichen" und beobachtet intensiv alle Themen des nachhaltigen Wirtschaftens. Zudem ist er zuständig für den Online-Auftritt und die Social-Media-Angebote von "zeitzeichen". 


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