Unterschiede

Krieg und Alltag in der Ukraine

Kann es Normalität geben im Krieg? Ein Alltagsleben angesichts allgegenwärtiger Bedrohungen? Kaum vorstellbar. Und doch ist es so. Irgendwann hört man die Sirenen nicht mehr – oder man ignoriert sie. Einfach weil man müde ist, erschöpft von dem dauerhaften seelischen Druck, erschöpft von den Nachrichten und den Bildern aus dem ganzen Land. Und weil man Sehnsucht hat – nach eben dieser Normalität. Wie der ukrainische Filmproduzent: Er bleibt bei Alarm, wie er dem Reporter aus Deutschland erzählt, im Bett und tut damit das, was viele andere auch tun. Gleichsam als ein Akt persönlicher Notwehr, zum Selbstschutz.

Der deutsche Reporter ist Daniel Schulz. Er schreibt nicht nur für die taz und die ukrainische Zeitung Kyiv Post. 2018 erhielt er den Deutschen Reporterpreis und 2019 den Theodor-Wolff-Preis für seinen Roman "Wir waren wie Brüder".

Seit Jahren beobachtet und begleitet Schulz das Geschehen in der Ukraine, die ja nicht erst seit 2022 im Krieg ist, sondern bereits seit 2014, als „russländische Soldaten“ in den Donbas einfielen. „Russländische Soldaten“ nennt Schulz in seinem Buch, das soeben unter dem Titel Ich höre keine Sirenen mehr bei Siedler erschienen ist, die Truppen, die die Ukraine in den Krieg gezwungen haben. Eine sprachlich wichtige Nuance, die ein Denkanstoß sein kann für den westlichen Blick auf Russland und den Angriffskrieg auf die Ukraine. Denn Russinnen und Russen sind nur eine von 160 Ethnien in der „Russländischen Föderation“ und Russisch ist nur eine von 135 Sprachen. Das sei etwas, was viele in Deutschland gerade erst lernen, sagt Schulz: Viele Soldaten seien ja keine Russen, sondern Angehörige von Minderheiten, deren Gebiete sich Moskau im Laufe seiner imperialen Geschichte einverleibt hat. So, wie es sich jetzt die Ukraine einverleiben will.

Was das bedeutet für das überfallene Land zeigen die täglichen Fernsehbilder. Die Geschichten hinter den Bildern erzählt Schulz. Sein Buch handelt von Zerstörung, Gewalt, Tod, Kälte und Elend, aber auch vom Mut und von der Zuversicht der Menschen. Der Autor hat Kulturschaffende, Künstlerinnen und Künstler, Journalistinnen und Journalisten getroffen – und „ganz normale“ Menschen.

Zum Beispiel Ivan. Er ist über sechzig und war Hausmeister in einem Kindergarten in Jahidne, etwa 140 Kilometer nördlich von Kiew. 27 Tage war er unter unwürdigsten hygienischen Bedingungen mit 350 anderen Frauen, Männern und Kindern auf 197 Quadratmetern unter der neben seinem Kindergarten gelegenen Schule eingepfercht. Es waren „russländische“ Soldaten, die die Menschen dort hineingetrieben haben, damit die ukrainische Armee die Schule, in deren Klassenräumen sich die Invasoren breit gemacht hatten, nicht zu sehr unter Feuer nahm. Tote gab es dennoch. Ihre Namen haben die Überlebenden auf eine Wand in der Schule geschrieben. Sieben wurden von feindlichen Soldaten erschossen. Einer nur deshalb, weil er sein Handy nicht hergeben wollte. Als Ivan den deutschen Reporter durch den Ort des Geschehens führt, wird klar: Die Liste ist nicht vollständig.

Die Zahl der Toten in der Ukraine wächst von Tag zu Tag. Unter Soldaten und unter Zivilisten. Dennoch – auch davon berichtet Daniel Schulz – ist die Ukraine kein monolithischer Block. Auch hier gibt es unterschiedliche Haltungen im Blick auf den großen östlichen Nachbarn, vor allem weil hier Menschen leben, die russische und ukrainische Wurzeln haben. Menschen, die sich nicht mehr sicher sind, was sie sagen dürfen.

Und noch etwas erzählen Schulz’ Geschichten: dass im Krieg manches so normal gut oder so normal schlecht läuft wie zuvor. In diesem Sinne ist die Episode vom Knöllchen für widerrechtliches Parken auf einem Behindertenparkplatz vielleicht sogar ein winziger Trost.

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