Scharfsinnig

Über den Pfarrberuf

Man mag sich inmitten der komplexen Großwetterlage der evangelischen Kirche, die auch die Berufsausübung ihrer pastoralen Repräsentanten existenziell berührt, von diesem Band eindeutige Orientierung erhoffen. Dies gilt umso mehr, als beide Autorinnen über langjährige und vielfältige Erfahrungen im Pfarramt, in der kirchlichen Pfarrausbildung und auch in kirchenleitender Verantwortung verfügen.

Insofern lässt bereits die Umschlagankündigung aufhorchen, wenn es heißt, dass durch diesen Band ein „Update aktuell wirksamer Ansätze der Pastoraltheologie“ geliefert und „Essentials für die Gestaltung des Pfarrberufs heute“ entwickelt werden sollen. Wer aber nun allzu rasche, klare, gar einfache Antworten erwartet – und pastoralkluge Handreichungen solcher Art existieren bereits zuhauf –, wird durch die differenzierenden Ausführungen permanent produktiv enttäuscht. Denn zwar ist der Band durchaus klassisch strukturiert: Mit erwartbaren Abschnitten zur gegenwärtigen Situation, praktisch-theologischen Einordnungen sowie eben Essentials des Pfarrberufs, an die sich zusammenführende Impulse und die Identifizierung „besonderer Herausforderungen von struktureller Bedeutung“ anschließen.

Was allerdings auf den ersten Blick als elementare Überblicksdarstellung daherkommt, hat es der Sache nach in sich. Wenn die Autorinnen für Kirche und deren Personal eine „Zwischenzeit“ markieren, so wird damit zum Ausdruck gebracht, dass sich die bisherigen pastoraltheologischen Standards nicht einfach linear in die Zukunft hinein fortschreiben lassen: Vielmehr sind die Autorinnen der Überzeugung, dass es angesichts der gegenwärtigen Relevanzkrise von Kirche ein „Danach und ein neues Normal nicht mehr geben wird“. Die den Pfarrberuf tangierenden aktuellen Veränderungsdynamiken sind sowohl in gesellschaftlicher, personaler als auch in kirchlicher Hinsicht grundstürzend. Dies wird über viele empirische Belege hinaus systematisch dadurch verdeutlicht, dass Trends der Singularisierung und Verflüssigung als wesentliche Treiber der gegenwärtigen Gesamtdynamiken benannt werden.

Pastoraltheologisch mindestens genauso bedeutsam ist die ungeschönte Sicht der Autorinnen auf die Leistungskraft einer bestimmten kirchlichen Organisationslogik sowie den immer noch bestehenden Anspruch auf territoriale Totalpräsenz. Wie ein roter Faden ziehen sich durch die einzelnen Abschnitte die Einsicht in die notwendigen Veränderungen bisheriger Gemeindestrukturen jenseits bisheriger Mitgliedschaftslogiken, das Faktum zunehmend postparochialer Verhältnisse sowie die Erkenntnis einer sich massiv verändernden innerkirchlichen Teilhabe- und Verantwortungskultur weg von berufsständischen Stereotypen hin zu Formen von Multi- und Interprofessionalität. Interessant und weiterführend ist, dass die Autorinnen die damit verbundene Profildebatte nicht aus einer gekränkten Verteidigungshaltung des tradierten Berufshabitus führen. Sondern sie leiten daraus gerade proaktiv die notwendigen Konsequenzen für das Selbstverständnis des pastoralen Personals ab.

Im Kern plädieren sie für einen theologisch kompetenten und experimentierenden Umgang mit den persönlichen Erwartungen und Zielsetzungen. Angesichts der komplexen Rahmenbedingungen bestehe die pastorale Kernkompetenz darin, die gegebenen Spannungen auszuhalten und im besten geistlichen Sinn produktiv zu bearbeiten. Hermeneutische Erschließungs- und Symbolisierungskunst also als Antwort auf die Frage nach dem Proprium des Schlüsselberufs. Die beiden Autorinnen liefern ein scharfsinniges, an den eigenen Berufserfahrungen geschärftes Plädoyer für eine – im wahrsten Sinn des Wortes – Reform an Haupt und Gliedern. Ganz ungeschönt und zugleich mit kritischem Ton gegenüber manch stressverursachender Wachstumsmetapher werden die Herausforderungen, Chancen sowie die verheißungsvollen Seiten des pastoralen Berufs „auf der Schwelle und auf der Welle“ entfaltet. Allerdings zu kurz bedacht ist, dass bei aller – notwendigerweise vielfältigen – pastoralen Innovation mit mindestens zwei «Elefanten im Raum» gerechnet werden muss: mit den innerkirchlichen Verwaltungs- und Rechtsabteilungen, die mit der Dynamik des notwendigen Um- und Neudenkens keineswegs selbstverständlich Schritt halten. Insofern macht es ein Nachdenken über die Rahmen- und Gestaltungsbedingungen pastoraler Existenz in dieser kirchlichen „Zwischenzeit“ erforderlich, noch stärker als bisher die retardierenden und blockierenden Mächte in den Blick zu nehmen. Damit die Lektüre dieses Bandes diejenigen, die für sich selbst über eine mögliche Perspektive Pfarrberuf nachdenken, nicht abschreckt, sondern im besten Sinn und Geist zu einer nicht-solitären, solidarischen pastoralen Verantwortungsübernahme motiviert. Diese kleine, aber feine Pastoraltheologie hat dafür hohes Potenzial.

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