Smarte evangelische Lebenskunst

Warum das Zentrum Digitale Kirche auf dem Kirchentag wieder abgeschafft werden sollte
Foto: privat

Für Silicon-Valley-Begeisterte stellt die jährliche Produktvorstellung von Apple ein Hochamt ihres Glaubens dar. Erst vor ein paar Tagen verkündet: eine neue, lang erwartete Augmented-Reality-Brille. Die „Vision Pro“ AR-Sehhilfe von Apple soll es bald für läppische 3500 Dollar geben. Ein hoher Preis für eine erweiterte Realität, in der vor dem Hintergrund der fleischlichen Welt Videos, Menüs und Nachrichtenartikel vor Augen stehen.

Ich kann mir gut vorstellen, dass ein signifikanter Teil der Bevölkerung in ein paar Jahren kein Smartphone mehr in der Hand hält. Aber ob die Menschen stattdessen eine AR-Brille auf der Nase tragen werden? Es sind zwei gegenläufige Trends, die sich hier kreuzen – und die man auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Nürnberg und Fürth wunderbar beobachten kann.

Denn die Digitalisierung in Form des Smartphones ist uns wahnsinnig selbstverständlich geworden. Fasziniert beobachte ich Kirchentags-Besucher:innen in ihren 70ern und 80ern, die mit großer Selbstverständlichkeit durch die Kirchentags-App manövrieren. Verabredungen zum Wiedersehen werden per Messenger getroffen, den Weg weist selbstverständlich die digitale Landkarte. Wenn jetzt das digitale Kirchentagsticket auch noch zugleich ein gültiger ÖPNV-Fahrausweis wäre. Nicht dran zu denken! Allein auf dem „Markt der Möglichkeiten“ habe ich vier Stände gefunden, an denen mit Virtual-Reality / Augmented-Reality-Brillen gespielt werden darf.

Verschmelzung von analog und digital

Auf dem Kirchentag verschmelzen digitale Karte und analoges Gebiet. So sind auch diejenigen Zeitgenoss:innen Teil der Digitalisierung, die für sich in Anspruch nehmen, doch eigentlich gar nichts von ihr zu halten. Man kann zugleich durchtechnifiziert sein und der Überzeugung, man sei digital-abstinent. Eigentlich ein sicheres Zeichen für ein Suchtverhalten, oder?

Auf der anderen Seite steht der Wert des Analogen nie deutlicher vor Augen als bei evangelischen Großevents. Wir sehen uns nicht allein wieder, sondern es wird sich umarmt, geherzt, Händchen gehalten und (in einer stillen Minute während des Eröffnungsgottesdienstes) geküsst. So jedenfalls ein Renter-Pärchen direkt neben mir. Hannover 1983 war ihr erster Kirchentag. Damals stand das Protestant:innen-Treffen unter dem Motto „Umkehr zum Leben“ und die Evangelischen führten beherzt und heftig die Nachrüstungsdebatte. Das ist jetzt auch schon 40 Jahre her.

Auf einem Spaziergang über den „Markt der Möglichkeiten“ kam ich zufällig an Halle 6 vorbei, wo gerade 2000 Menschen sangen. Ein einzelner Herr mit Gitarre leitete das Singen von einer kleinen, schmucklosen Bühne an. Sangesfest, textsicher und nah beieinander. So einfach kann Kirche manchmal sein. Gemeinsam singen in der Zoom-Konferenz, das geht sehr, sehr schwer. Braucht eine so volle Lebenswirklichkeit wirklich die Erweiterung durch einen permanent vor Augen stehenden Second Screen?

Ich bezweifle es. Viel eher erleben wir, dass Digitalisierung wieder zu einem Nerdthema wird. Nicht vollständig, selbstverständlich. Denn was gebraucht wird, ist ja längst nahezu unbemerkter Teil unseres Alltags geworden. Was darüber hinaus geht – z.B. klobige Brillen für den Preis eines E-Bikes – begeistert hingegen nur Apple-Fanboys und Tech-Nerds.

Künstliche Trennung

En passant unterstreichen wir durch die selektive Aneignung digitaler Werkzeuge ihren Charakter als Hilfsmittel in unserem Leben. Was nützt, das bleibt. (Fast) alles ist uns möglich, aber nicht alles dient zum Guten. Evangelische Lebenskunst ist es zu wissen, wann man das Smartphone aus der Hand legt.

Darum sollte das Zentrum Digitale Kirche (und Gottesdienst) auf dem Kirchentag abgeschafft werden. Es geht um die Nutzer:innen, und die sind in den Zentren Kinder und Jugend und überall auf dem Kirchentag längst digital. Die Absonderung, erst recht in die Ferne Fürths, hält eine künstliche Trennung weiter aufrecht, die wir längst überwunden haben. Die Karte bildet das tatsächliche Gebiet nicht mehr ab.

Ein letztes Beweisstück: Zu den Kirchentags-Promis gehören längst auch die wenigen erfolgreichen evangelischen Sinnfluencerinnen. Josephine Teske (@seligkeitsdinge) und Theresa Brückner (@theresaliebt) werden sowohl in der Nürnberger Innenstadt als auch auf dem Messe-Gelände von ihren Follower:innen und Fans erkannt und angesprochen. Sie brauchen kein eigenes Habitat am Rande des Stadtplans. Sie sind fester Bestandteil der evangelischen Landschaft.

Wenn wir die Digitalisierung aus ihrem (Fürther) Exil befreien, dann wird hoffentlich auch die Debatte um eine lebensdienliche Ethik in der Digitalität nicht mehr in Statusgruppen getrennt, sondern gemeinsam geführt. Von da aus können sich die Evangelischen dann bitte ethisch-moralisch radikalisieren und die Schattenseiten der Digitalisierung und des Plattform-Kapitalismus als Fragen der Gegenwart ernsthaft anpacken.

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