Wunderland

Vom Stummfilm zum Blockbuster

Als Cecil B. DeMille seinem Drehbuchautor Jesse Lasky jr. die Gretchenfrage stellte, bekam er zur Antwort: Er glaube an Gott und an DeMille. Wie kaum ein anderer steht der Name des tiefreligiösen Showmans sowohl für den monumentalen Bibelfilm als auch für dessen kommerziellen Erfolg. Drei der im Kino meistgesehenen Exemplare stammen von DeMille, wie der Theologe Manfred Tiemann in The Bible comes from Hollywood notiert.

Dass die Bibel aus Hollywood kommt, klingt zwar nach einer steilen Aussage, ist aber keineswegs bizarr. Bibelfilme haben die Vorstellungen, die sich viele von den Erzählungen der Heiligen Schrift machen, entscheidend mitgeprägt. Freilich beziehen sich die Produktionen selbst auf ältere Vorbilder. Als Inspiration dienten Gemälde, Passionsspiele und fromme Romane. Ganz genau kam der Bibelfilm 1897 aus Frankreich. Doch schon im selben Jahr zogen die USA nach. Bald sah man staunend zu, wie Jesus auf dem Wasser wandelte oder sich das Rote Meer teilte. Das Kino wurde zum wahren Wunderland.

Längst ist der Bibelfilm ein internationales Phänomen und kommt inzwischen auch aus Bollywood. Filme sorgten für Stürme im Wasserglas („Die letzte Versuchung Christi“, 1988) und verursachten handfeste Skandale („Das Leben des Brian“, 1979). Tiemann, von dem 2002 schon Jesus comes from Hollywood erschien, klopft das Thema von allen Seiten detailliert ab. Das macht er so umfassend, dass sein Buch ein reichhaltiges, auch didaktisch nützliches Dossier zum Nachschlagen darstellt, in dem sogar Dokumentationen und Werbeclips bis hin zum Computerspiel stehen.

Der Autor führt kundig durch die Filmgeschichte, gibt exegetische Hinweise, entdeckt Stereotypen, greift interkulturelle, interreligiöse und feministische Aspekte auf. Er beschreibt die klassischen Verfilmungen wie DeMilles „Die zehn Gebote“ (beide Versionen, von 1923 und 1956), genauso die Werke der Italiener Pier Paolo Pasolini und Franco Zeffirelli, der ideell Hollywood näherstand, aber auch seinen Opern-Background spielen ließ. Die Gigantomanie feierte Triumphe bei Adaptionen der gesamten Bibel, wobei ein früher ehrgeiziger Versuch des Produzenten Dino de Laurentiis am Ende nur die ersten 22 Kapitel der Genesis hervorbrachte („Die Bibel“, 1965).

Ausführlich kommen auch Filme vor, die biblische Texte und Motive apokryph oder transfigurativ in ihre Handlung einlagern. Reizvoll ist das bei der wundersamen Wandlung durch Süßigkeiten in „Chocolat“ (2000) zu beobachten, prekärer beim Synkretismus im Science-Fiction-Kracher „Matrix“ (1999). Das Buch spricht politische Fragen an, zumal US-Bibelfilme im Kalten Krieg dem atheistischen Gegner unter der Hand eine klare Ansage machten. Deutlich wird durchweg, dass jede Umsetzung eine Interpretation ist, auch der Irrglaube an eine ungebrochene historische Zuverlässigkeit der Bibel in evangelikalen Missionierungsspektakeln.

Auch eine so fleißig erschlossene Materialfülle kann nicht vollständig sein und spart etwa Helmut Käutners Nachkriegskabarett „Der Apfel ist ab“ (1946), Harald Reinls Bestseller-Verfilmung „ … und die Bibel hat doch recht“ (1977), Enzo Dorias biblische Evolutionsfantasie „Adamo ed Eva, la prima storia d’amore“ (1986) oder Krzysztof Kieslowskis Filmreihe „Dekalog“ (1988/89) aus.

Beim Korrekturlesen hat man leider zu viele (Tipp-)Fehler übersehen – beispielsweise auf Seite 215, wo es abwechselnd richtig „Rossellini“ und falsch „Rosselini“ heißt, oder auf Seite 207, wenn beim Film „Barabbas“ der Produzent als Regisseur und der Regisseur als Drehbuchautor erscheint. Störend sind auch einige teils wörtliche Wiederholungen im Text.

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