Standardwerk

Über Ernst Troeltsch

Ernst Troeltsch (1865 – 1923) war ein Denker, der sich immer zwischen alle Stühle gesetzt hat. Ernst Troeltsch war ein Christ, der die Spannung zwischen seiner eigenen optimistischen Frömmigkeit und der wissenschaftlichen Kultur der Moderne aufs Schärfste wahrgenommen hat. Ernst Troeltsch war ein Theologe, der unbedingt interdisziplinär gedacht hat und ein weites Netzwerk an Freunden und Bekannten unterschiedlicher Wissenschaften (und anderer Berufe) besaß. Ernst Troeltsch war ein Freund der Synthese und des Kompromisses. Ernst Troeltsch war ein öffentlicher Intellektueller und zeitweise Politiker. Ernst Troeltsch ist ein Klassiker der Theologie, Soziologie und Geschichtswissenschaft. Dieser Klassiker hat nun eine wirklich würdige Biografie erhalten.

Unbestritten ist Friedrich Wilhelm Graf einer der größten Theologiehistoriker der Gegenwart. In vielen Werken hat er die Theologiegeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts erforscht und in unendlicher Kleinstarbeit wesentliche Quellen erschlossen. Sein akademisches Hauptinteresse galt seit den 1970er-Jahren Ernst Troeltsch. Als langjähriger Vorsitzender der Ernst-Troeltsch-Gesellschaft und als einer der Hauptherausgeber der Kritischen Gesamtausgabe hat er einen unschätzbaren Dienst um die Erforschung dieses Denkers geleistet. Nun hat er eine fulminante Biografie vorgelegt, die in mehrerer Hinsicht ein gelungenes Buch darstellt.

Die Biografie zeichnet sich durch drei Vorzüge aus. Erstens ist sie sehr gut und lesbar geschrieben. Sie ist pointiert und ergeht sich nicht in detaillierter Werkexegese. Es gibt keine Endnotenschlachten, aber dafür einen dosierten Humor. Die Kapitel sind kurz und bündig. Die zweite Eigenschaft ist, dass das Werk das umfangreiche Fachwissen und die lebenslange Forschung des Autors atmet und damit auch in der dezidierten Troeltsch-Forschung von großem Wert ist. Es entsteht ein umfassendes Bild. Die vielen Brief- und Memoirenzitate erschließen Troeltsch nicht nur als Denker, sondern auch als Person. Der dritte Vorzug ist das Interesse des Autors an seiner eigenen Gegenwart. Dies ist keine Biografie, die schlicht die Ereignisse und Werke nacherzählt, sondern ein Buch, das im Leben eines Verstorbenen Impulse für die Gegenwart sieht.

Diese letzte Eigenschaft des Buches macht es gerade für eine breite Öffentlichkeit wichtig. Graf profiliert Troeltsch als kompromissorientierten und letztlich demokratischen Modernetheoretiker, der aus seiner christlich-frommen Grundhaltung heraus Gott als „Individualitätsgarant“ gegen jede Vereinfachung und Vereindeutigung der Wirklichkeit erlebte.

Diesem Menschen auf seinem Lebensweg von seiner Jugend in Augsburg über Militärdienst, Studium, Vikariat und akademisches Proletariat zum ersehnten Lehrstuhl für Systematische Theologie in Bonn, dann in Heidelberg, folgt man gern. Arbeitswut und interdisziplinäre Verbindungen lassen ihn zu einem der prominentesten und meistgefragten Gelehrten des Kaiserreiches werden, der dann folgerichtig 1915 an die philosophische Fakultät der Universität Berlin wechselte. In Berlin wurde er in noch viel stärkerem Maß ein öffentlicher Intellektueller, der sich auch in die Tagespolitik einmischte. Er wurde nach „langjährigen harten Lernprozessen“ ein überzeugter Demokrat und in der frühen Weimarer Republik Politiker in der liberalen DDP. Durch die Aufzählung der unzähligen öffentlichen Vorträge bekommt einzig die Berliner Epoche leichte Längen.

Graf stellt dieses Leben unter den Untertitel „Theologe im Welthorizont“. Diesen Welthorizont hatte Troeltsch in zwei Hinsichten: Einmal betrachtete er das Christentum als transnationales Phänomen im Verhältnis zu anderen Religionen; zum anderen sah er als politischer Denker Deutschland nie als Insel, sondern im Konzert mit anderen Staaten und Mächten.

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