Schnellschuss

Neues über den Thesenanschlag
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Ein solches Buch hätten die Anhänger eines Thesenanschlags im vergangenen Jahr gebraucht - oder vielleicht wegen seiner Schwächen auch gerade nicht.

Historische Untersuchungen behaupten im 21. Jahrhundert in der Regel nicht, Wahrheiten zu verkünden. Wenn schon nicht das historische Proseminar, so sollte doch spätestens die grandiose Parodie „Die Wahrheit über Hänsel und Gretel“ vorsichtig gegenüber solchen Behauptungen gemacht haben: Deren Autor Hans Traxler führte vor, wie scheinwissenschaftliche Argumente aus Vermutungen Möglichkeiten und aus Möglichkeiten Wahrheiten machten.

Auch das nun vorliegende Wahrheitsbuch der Mitarbeiter der Stiftung Luthergedenkstätten, Hasselhorn und Gutjahr, leidet unter einer argumentativen Schieflage. Sie wollen etwas beweisen. Das heißt: Sie machen die Argumente stark, die für die Historizität eines Thesenanschlags sprechen und halten den dagegensprechenden Argumenten die in jüngster Zeit von niemandem bestrittene Versicherung entgegen: Widerlegen könnten solche Argumente einen Thesenanschlag nicht. Das können sie in der Tat nicht - denn wir bewegen uns im Feld der Wahrscheinlichkeiten. Nur Hasselhorn und Gutjahr meinen, eine, nein: „die“ Wahrheit mitteilen zu können. Zu diesen vollmundigen Ankündigungen steht ihr Buch in einem merklichen Gegensatz.

Das heißt nicht, dass es schlecht zu lesen wäre, im Gegenteil: Es ist flott geschrieben - so flott, dass man sich wundert, warum es denn eigentlich ein Jahr zu spät kommen musste. Ein solches Buch hätten die Anhänger eines Thesenanschlags im vergangenen Jahr gebraucht - oder vielleicht wegen seiner Schwächen auch gerade nicht. Zur Erinnerung: Seit 2006 die Diskussion um den Thesenanschlag neu entbrannte, weil Martin Treu die in der Forschung schon länger bekannte Notiz Georg Rörers darüber neu publik machte, stützen sich die Verteidiger des Thesenanschlags, bis in große Reformationsdarstellungen hinein, vornehmlich auf eine gewitzte Konstruktion Bernd Moellers: Es habe am 31. Oktober 1517 in Wittenberg einen Druck der Thesen gegeben, der, hergestellt in der Rhauschen Druckerei, „Bey den Augustinern“ auch angeschlagen worden sei.

Dass es hiervon kein Exemplar, kein Zeugnis gab, dass das Ganze auf Konjekturen beruhte, focht kaum jemanden an. 2017 brach Moellers These allerdings krachend in sich zusammen: Der Leiter der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt selbst, Stefan Rhein, teilte mit, dass die Druckerei Rhau-Grunenberg ausgerechnet im Herbst 1517 umzog und überhaupt keine Drucke herstellen konnte. Dass die Handschrift auf einem Exemplar des Leipziger Drucks der Thesen als die von Johannes Lang identifiziert werden konnte, tat sein Übriges: Johannes Lang war es gewesen, dem Luther die Thesen am 11. November 1517 zugesandt hatte - hätte es einen Wittenberger Druck gegeben, hätte er wohl diesen in Händen gehabt. Das Interesse, dieses Desaster der gängigen These zu diskutieren, war gering. Stillschweigend wurde sie fallen gelassen, auch in diesem Buch.

Ein Jahr später also kehren die beiden Autoren die Scherben zusammen und tun so, als wäre nichts passiert. An zwei Punkten wird man ihnen zugestehen müssen, dass sie der Diskussion Neues bieten, im einen Fall wohltuend differenzierend, im anderen mit erschreckenden Argumentationsschwächen. Differenzierend ist es, dass sie gegenüber meiner Argumentation, dass bestimmte Aussagereihen Martin Luthers einen Thesenanschlag am 31. Oktober 1517 ausschlössen, auch andere Aussagen vorbringen, die mit einem solchen vereinbar sind - notabene: „mit ihm vereinbar sind“, ihn aber weder behaupten noch auch nahelegen. Das ändert denn auch nichts an jenen anderen Bemerkungen Luthers, die trotz aller Verrenkungen der beiden Autoren schlicht einen Thesenanschlag am 31.10.1517 in der Chronologie nicht vorsehen.

Grotesk wird allerdings der Umgang der beiden Autoren mit jenem erwähnten Exemplar des Leipziger Thesendrucks aus dem Besitz von Johannes Lang. Der Text, den Luther ihm zugesandt hat, war nach dem jetzigen Stand mit großer Wahrscheinlichkeit ein Exemplar des Leipziger Drucks.

Möglicherweise hat Luther diese Druckauflage auch selbst redigiert. Dass Skeptiker gegenüber dem Thesenanschlag meinten, es gebe kein von Luther autorisiertes Exemplar, wie die Autoren behaupten, stellt einen unsinnigen Pappkameraden dar. Und so unsinnig geht es weiter: Wesentlich bauen sie ihre weitere Argumentation auf dem gegen Luthers Thesen gerichteten römischen Gutachten des Silvester Prierias auf: Erstens habe diesem dasjenige Exemplar der Thesen vorgelegen, das Albrecht von Brandenburg selbst am 31. Oktober von Luther erhielt.

Eben dies war der bisherigen Forschung fraglich, und woher die Autoren es wissen wollen, bleibt im Dunkeln. Zweitens seien bestimmte Fehler im Prierias-Gutachten nur durch den Leipziger Druck zu erklären - folglich sei dieser die dem Papst von Albrecht von Mainz zugesandte (und mithin von Luther stammende) Vorlage. Manches, was sie hier anführen, ist aber keineswegs singulär für den Leipziger Druck (etwa die Textfassung „debitam“ in These 36 - nicht „debitum“! -, die sich auch im Baseler Druck findet, oder der Namenfehler Paschalis für Paschasius in These 29, der sich in allen drei Drucken findet). Was verbleibt, sind im Lateinischen immer einmal vorkommende Varianten, die sich auch aus handschriftlichen Vorlagen erklären lassen. Eine philologische Beweisführung sieht anders aus. Spätestens hier hat man den Eindruck, dass das Buch nicht nur flott geschrieben, sondern auch allzu flott gedacht wurde. Moellers These war zwar von vornherein problematisch - geschickt argumentiert war sie schon. Das ist von dem hier vorliegenden Text kaum zu sagen.

Das Selbstbewusstsein, das im Titel und ihn umgebender Werbung ausgedrückt wird, ist von dem argumentativ schwachbrüstigen Inhalt nicht gedeckt. Die Schlussfolgerung, es sei der Leipziger Thesendruck gewesen, der am 31. Oktober 1517 in Wittenberg angeschlagen wurde, mag viele freuen. Gut begründet, gar gesichert oder bewiesen ist sie nicht. So ist dieses Buch, ein Jahr zu spät, ein letzter Schnellschuss zum Jubiläumsjahr geworden.

Volker Leppin

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Volker Leppin

Volker Leppin (geboren 1966) ist Professor für Kirchengeschichte in Tübingen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen beim Mittelalter, der Reformationszeit und der Aufklärung, in den Themen Scholastik und Mystik und bei der Person und Theologie Martin Luthers.


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