Apartheid

Banker will Reichtumsgrenze
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Wer leistet mehr? Die Krankenschwester, die unsere Hand hält, oder der Immobilienentwickler, der sie mit den hohen Mieten aus den Innenstädten vertreibt?

Victor ist „Partner“, also Mitinhaber seiner Bank. Während seiner Banker-Ausbildung war noch offen die Amoral gelehrt worden, wonach nicht die Unmoral, sondern die Abwesenheit von Moral, von irgendeiner Überzeugung, im Investmentbanking als ein strategischer Vorteil gilt.

Als er sich zum opulenten Mittagessen eine Flasche Wein für 2.400 Euro bestellt, wird ihm plötzlich klar, dass seine Privilegien nicht zu rechtfertigen sind, dass sie allein darauf beruhten, dass als Folge einer Reihe von Zufällen ein System entstanden ist, in dem die Tätigkeit als Investmentbanker höher vergütet wird als fast jede andere Arbeit. Ein altes System, das durch den Neoliberalismus immer wieder repariert worden war. Victor liest in der Zeitung, dass sich der „Megatrend Ungleichheit“ in Deutschland in einer immer rigideren sozialen Undurchlässigkeit verfestigte, und dass 80 Prozent der Teilnehmer einer Umfrage der These zustimmten, dass sich die Gesellschaft auf einen Zustand der „ökonomischen Apartheid“ zu bewege.

Ein radikales Projekt wäre vonnöten, so dachte Victor, um das Volk zu einen und das Land vor seiner drohenden Irrelevanz zu bewahren. Deutschland sei schließlich kein Land der Milliardäre und Jachtbesitzer. Erfüllt von diesen Gedanken, macht er sich daran, ein Manifest zu schreiben, mit dem er sich direkt an den Souverän, das Volk, wenden will. In seiner einführenden Bestandsaufnahme heißt es, es könne nicht sein, dass Tausende Jugendliche dem Winter als Obdachlose entgegensehen müssen, die Überschüsse der Reichen aber in unangemessene Prunkbauten fließen, in zehn Millionen teure Villen.

Von einer Leistungsgesellschaft könne in Deutschland keine Rede mehr sein. Denn ein Gesellschaftssystem, in dem nicht das Talent, sondern die Willkür entscheidet, sei als Mühlstein um den Hals der internationalen Wettbewerbsfähigkeit zu verstehen, läßt Alexander Schimmelbusch seinen Protagonisten im Hinblick auf die nach Einkommen und Bildung der Eltern ungleiche Privilegierung der Jugendlichen formulieren.

Und er wirft die Frage auf: Wer leistet mehr? Die Krankenschwester, die unsere Hand hält, oder der Immobilienentwickler, der sie mit den hohen Mieten aus den Innenstädten vertreibt?

Victor hält dagegen: Die sinnlose Ballung unvorstellbarer Privatvermögen müsse ein Ende haben. Nur mit einer effizienten Zuordnung beschränkter nationaler Ressourcen werde die Politik ihre zentrale Aufgabe erfüllen können, die Verbesserung der Lebensumstände aller Bürger zu gewährleisten. Ohne eine Verteilungsgerechtigkeit werde eine kompromisslose Chancengerechtigkeit aber nicht seriös zu finanzieren sein.

Als geeignete Maßnahme schlägt der Investmentbanker eine harte Vermögensobergrenze vor. Vermögenswerte oberhalb einer Grenze von 25 Millionen Euro pro Bürger seien an das Gemeinwesen abzuführen. Durch die erzwungene Abgabe von Reichtümern oberhalb der individuellen Grenze könnte die weltweit größte staatliche Fondsgesellschaft entstehen. Sie werde es zukünftig erlauben, Zukunftstechnologien zu erwerben und Schlüsselindustrien zu kontrollieren, um die ökonomischen Interessen der Bürger zu sichern.

Alexander Schimmelbusch weiß, wovon er spricht. Der Autor hat selbst etliche Jahre als Investmentbanker gearbeitet. Er hat mit seinem Roman freilich keine politische Handlungsanweisung geliefert. Aber eine Menge Fakten und Anregungen zum Nachdenken darüber, ob es in der auseinanderdriftenden Gesellschaft so weitergehen kann wie bisher oder ob nicht ganz neue Wege beschritten werden müssen, um die wachsende Kluft zwischen arm und (sehr) reich im Land zu überwinden.

Manfred Gärtner

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