Versöhnlich

Neues vom Rias-Kammerchor
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Wer ein musikalisches Sinnbild für die in diesen Tagen vielbeschworene versöhnte Verschiedenheit sucht - hier wird er fündig.

Mögen auch die Wogen im Streit um Zweck und Deutung des Reformationsjubiläums zurzeit hochschlagen (siehe Seite 20), eines ist gewiss unstrittig: Das Jubiläum beschert uns insbesondere in Deutschland herrliche Konzerte und Produktionen, die den Reichtum der Musik der Reformation präsentieren. Um diese Fülle gebührend wahrzunehmen, wird das Jubiläumsjahr nicht ausreichen. Aber das macht nichts, denn das Leben geht ja auch nach 2017 weiter, und die aufgenommene Musik wird nicht schlecht, sondern kann und soll noch lange nachklingen.

Zu solcher nachklingenswerter Musik gehört auf jeden Fall die Produktion mit dem Rias-Kammerchor und der Capella de la Torre. Der Titel Da Pacem (Gib Frieden) ist Programm, denn das gleichnamige altkirchliche Antiphon zieht sich wie ein Leitmotiv durch die CD. Es inspirierte Martin Luther zur Dichtung und Komposition eines seiner bekanntesten Lieder: „Verleih uns Frieden gnädiglich.“ Der Titel Da Pacem ist für die beiden von Katharina Bäuml und Florian Helgath geleiteten Ensembles aber auch insofern Programm, als dass gleichsam subkutan die engen Beziehungen zwischen protestantischen und römisch-katholischen Musikern aufgezeigt und in friedvoller Eintracht zelebriert werden. So erklingt das hinreißende kleine geistliche Konzert „O süßer, o freundlicher Herr Jesu Christ“ von Heinrich Schütz für Solo und Continuo im Verbund mit dem prächtigen Dulcis Jesu patris et salus nostra imago (Süßer Jesu, Ebenbild des Vaters und unser Heil) für zwei Solostimmen, ein prächtiger Bläsersatz von seinem Lehrer Giovanni Gabrieli. Dessen überwältigendes Werk erweitert sich nach der Hälfte zu 20-stimmiger Klangpracht. Daran anschließend geht es dann weiter mit dem archaisch anmutenden „Verleih uns Frieden“ von Martin Luther und Johann Walter, deren individuelle Friedensbitte mit der Motette „Gib unsern Fürsten und aller Obrigkeit Fried’ und gut’ Regiment“ aus der berühmten Geistlichen Chormusik von 1648 von Heinrich Schütz geweitet wird.

Wer ein musikalisches Sinnbild für die in diesen Tagen vielbeschworene versöhnte Verschiedenheit sucht - hier wird er fündig. Dass es die Lutheraner auch prächtig liebten, macht das überwältigende Schlusswerk deutlich, die 17-minütige Magnificat-Komposition „Meine Seele erhebt den Herren“ aus der wunderbaren Sammlung Polyhymnia Caduceatrix & Panegyrica von 1619 von Michael Praetorius, dem zweiten frühen Großmeister des musikalischen Luthertums. Es ist ein intellektueller und sinnlicher Genuss, den beiden Spitzenensemble durch diese Perlenkette musikalischer Kostbarkeiten zu folgen. Und darüber muss man sich auch gar nicht streiten. Großartig!

Reinhard Mawick

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