Die Worte der Reformatoren

Die revidierte Lutherbibel verzichtet auf durchgreifende sprachliche Modernisierung
Am 16. Juni begann der Druck der neuen Lutherbibel im bayerischen Nördlingen. Foto: epd/ Annette Zoepf
Am 16. Juni begann der Druck der neuen Lutherbibel im bayerischen Nördlingen. Foto: epd/ Annette Zoepf
In diesem Monat kommt die revidierte Lutherbibel in den Buchhandel. Fünf Jahre haben siebzig Fachleute an dem Text gearbeitet. Geleitet wurde diese Gruppe von Christoph Kähler, dem ehemaligen Bischof der Thüringischen Landeskirche. Er beschreibt die Grundprinzipien, nach denen der Text bearbeitet wurde und die Herausforderungen, die das mit sich brachte.

Viele Fragen türmen sich auf, wenn eine weitere Revision der Lutherbibel ins Haus steht. Darf man in den alttestamentlichen Weisheitsschriften weiterhin so unbefangen von den „Gottlosen“ reden, oder müsste das missverständliche Wort ersetzt werden? Sollten die Jünger weiterhin ihren „Meister“ oder doch besser den „Lehrer“ anreden? Meinen die Texte eigentlich immer die „Heiden“, also Menschen, denen die Beziehung zum Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs fehlt? Daraus ergeben sich Diskussionen, die letztlich auch darüber entscheiden, welchen Platz die Lutherbibel heute in Gemeinde und Kultur, Theologie und Frömmigkeit einnehmen soll, was ihre herausragende Stellung fördert und was diese gefährdet.

Doch die erste Frage dürfte sein: Was zwingt dazu, die bisherige Ausgabe eigentlich zu ändern? Die Zeichen schrecken: Zwischen 1969 und 1984 gab es eine aufgeregte Debatte über eine Revision der Lutherbibel, die das gesamte deutsche Feuilleton intensiv beschäftigte, und Walter Jens wegen der Fassung des Neuen Testaments von 1975 zu der Invektive „Mord an Luther“ veranlasste. Die Ausgabe von 1984 sorgte dagegen für einen breiten kirchlichen Konsens und bewährte sich in der Praxis. Umfragen erweisen eine erstaunlich hohe Nutzung der Lutherbibel für die Lesungen im Gottesdienst, die Predigten und den Unterricht. Eine Neufassung muss diesen Stand erst wieder erreichen. Zwar gab und gibt es seit Längerem Alternativen zum Luthertext, doch manche von ihnen sind schon wieder so veraltet, dass sie nur noch antiquarisch angeboten werden. Weitere erfreuen sich zwar in bestimmten Kreisen großer Beliebtheit, werden aber von anderen scharf abgelehnt. Nur eine einzige deutsche Bibelübersetzung ist als „Hörbuch“ so merkfähig und stellt gleichzeitig einen gemeinsamen Bezugspunkt zwischen extremen Übertragungen dar. Darum führt auch heute kein Weg an der Leistung des Reformators und seiner Wittenberger Kollegen vorbei. Philipp Melanchthon, Matthäus Aurogallus und Caspar Cruciger haben an der großen evangelischen Gebrauchsbibel mitgewirkt, die heute neben der Zürcher Bibel und der katholischen Einheitsübersetzung Bestand hat und erkennen lässt, worauf die meisten deutschen Bibeln und viele andere europäische Übersetzungen aufbauen. Dieser Meinung war auch der Rat der EKD, als er Forderungen nach einer überarbeiteten, also wiederum modernisierten Übersetzung nach Martin Luther 2003 zunächst zurückwies.

Blaupause erstellt

Erst die nachdrückliche Anfrage der Deutschen Bibelgesellschaft 2006 führte dazu, dass an eine kleine Gruppe von Exegeten ein Prüfauftrag erteilt wurde. Anhand von Stichproben sollte untersucht werden, ob und in welchem Umfang eine erneute Überarbeitung der Standardbibel sinnvoll und nötig sei. Das Ergebnis der Experten um Bernd Janowski, Tübingen, und Christine Gerber, Hamburg, bildete die Blaupause für die Revisionsarbeit. Sie stellten heraus, dass vor fünfzig Jahren die Bearbeiter der Lutherbibel auf der Suche nach einem hypothetischen Ursprungstext waren. Er sollte die ursprüngliche Vorlage des uns bekannten hebräischen Textes gewesen sein. In dieser Meinung hatten sie den übersetzten Wortlaut an zahlreichen Stellen ergänzt oder korrigiert. Ein Beispiel dafür findet sich in Psalm 42,6, wo am Ende des Verses ein vermuteter Refrain eingesetzt wurde. Er entspricht nicht dem hebräischen Ausgangstext, auch nicht der älteren Lutherübersetzung. Denn Luther und seine Berater hatten sich ziemlich streng an die hebräische Bibel gehalten. Dieses Vorgehen der Reformatoren entspricht heute wiederum der Überzeugung der Alttestamentler, die sich ähnlich streng an ein bestimmbares und nachweisbares Stadium des Textes halten: entweder an den überlieferten hebräischen Wortlaut oder an den vorliegenden griechischen Text der Septuaginta. Dazu kamen sprachliche Modernisierungen im Deutschen, für die sich vor allem der Germanist Fritz Tschirch stark gemacht hatte, weil er dem Ideal einer sich ständig höher entwickelnden Sprache anhing. Heutige Germanisten sehen diesen Geschichtsoptimismus höchst skeptisch und lassen wieder syntaktische Freiheiten zu, die Tschirch und seine Schüler als Archaismen tilgen wollten. Im Neuen Testament ergab die Überprüfung zusätzlich, dass das Ideal der Reformatoren, den besten erreichbaren Text zu übersetzen, in späteren Zeiten nur sehr bedingt umgesetzt wurde. So verblieben manche Reste des ziemlich jungen, so genannten Textus Receptus in der Lutherbibel bis heute. Das kann schon verwundern, wenn man berücksichtigt, dass bereits im 19. Jahrhundert die alten Handschriften des Neuen Testaments und die Methoden ihrer wissenschaftlichen Edition in hohem Maß von frommen deutschen Theologen entwickelt worden waren. So hatte sich Luther in Matthäus 6,1 gegen die Vulgata für den griechischen Text des Erasmus entschieden und von „Almosen“ gesprochen, die nicht vor den Augen der Leute ausgeteilt werden sollten. Doch schon die erste Auflage des griechischen Neuen Testaments von Eberhard Nestle aus dem Jahr 1898 lässt erkennen, dass im griechischen Text ursprünglich von „Gerechtigkeit“ die Rede war und „Almosen“ eine spätere Erleichterung darstellte. Angesichts der Bedeutung des Gerechtigkeitsbegriffes für den Evangelisten Matthäus war hier nachzubessern.

Erst zu Beginn der eigentlichen Arbeit wurde das vermutlich größte Defizit der Lutherbibel im weiteren Kreis sichtbar: Die Spätschriften des Alten Testaments, wie Judith, Tobit (Tobias) oder Jesus Sirach, waren schon seit 1534 stiefmütterlich behandelt, ja weithin nicht von Luther selbst übertragen worden. Es gab für sie keine einheitliche Textbasis, mitunter wechselten die Wittenberger Übersetzer in der gleichen Schriftengruppe von einer lateinischen zu einer griechischen Ausgabe. Theologisch wurden diese Bücher „der Heiligen Schrift nicht gleich gehalten“, daher auch nicht so sorgfältig in gemeinsamer Runde redigiert wie die anderen biblischen Schriften. Ähnliches galt noch für die Revision der Apokryphen von 1970. Darum musste die Übersetzung erstmals auf der Basis neuzeitlicher wissenschaftlicher Ausgaben erfolgen. So wurden ganze Passagen neu übersetzt und die Verszählung umgestellt. Dem entspricht auch der Umfang der Änderungen in diesem Korpus, die über 80 Prozent der Verse betreffen und immer noch über 30 Prozent der Vokabeln umfassen.

Diese Schadensbilder vor Augen musste der Rat der EKD entscheiden, mit welcher Zielrichtung eine vollständige „Durchsicht der Lutherbibel“ unternommen werden sollte. Seine Vorgabe lautete, die Lutherbibel am Text der wissenschaftlichen Ausgaben zu überprüfen und nötigenfalls zu korrigieren. Ebenso sollten neuere Erkenntnisse der Exegese angemessen Berücksichtigung finden. Ausdrücklich ausgeschlossen war eine durchgreifende sprachliche Modernisierung, die eine „Neue Wittenberger Übersetzung“ in Analogie zur Zürcher Bibel 2007 hätte ergeben können. Die Bewahrung des theologischen und poetischen Charakters der Lutherbibel und die liturgische Brauchbarkeit bildeten die Grenzen für eine der reinen Philologie verpflichtete Bemühung. Luther hatte sich, wie die Entwicklung des deutschen Psalters zwischen 1524 und 1531 lehrt, von einer oft ziemlich wörtlichen zu einer eher nach dem Sinn suchenden Übersetzung bewegt. Aus „Lass meine Seele voll werden mit Schmalz und Fettem“ in Psalm 63,6 war darum „Das wäre meines Herzens Freude und Wonne“ geworden.

Ehrenamtliche Arbeit

Grundsätzlich kann man Revisionen auf zwei Wegen angehen. Arbeitet eine kleine Gruppe, kann sie bald einen einheitlichen Stil entwickeln. Eine größere Zahl von Fachleuten steigert dagegen die Wahrscheinlichkeit, dass die wissenschaftliche Debatte breit berücksichtigt werden kann. Die Vorzüge jeder Vorgehensweise sind die Nachteile der jeweils anderen. Große Gruppen haben Mühe, zu einheitlichen Ergebnissen zu kommen. Da empfindet der eine das Wort „Zucht“ in weisheitlichen Texten als durchaus angemessen, während die andere darin nur mehr die „Rute“ abgebildet sieht. Solche Entscheidungen fallen einem kleinen Gremium leichter. Die Revision 2017 ist von einer großen Gruppe aus den theologischen Fakultäten und Kirchlichen Hochschulen unterstützt und geleistet worden; insgesamt haben siebzig Menschen an diesem Projekt mitgewirkt - zumeist ehrenamtlich. In dem abgestuften Verfahren schlug zunächst eine Fachkraft Veränderungen zu einem biblischen Buch oder einer Schriftengruppe vor. Diese wurden in einer von sechs Fachgruppen beraten, angenommen, verändert oder abgelehnt (Pentateuch, Geschichtsbücher, Schriften, Propheten, Apokryphen, Neues Testament). Alle Gruppen legten schließlich ihre Ergebnisse dem Lenkungsausschuss vor, der über alle Vorschläge beriet und beschloss. Die Gremien konnten jeweils nur mit Zweidrittelmehrheit eine Änderung annehmen, sonst blieb es bei dem Text von 1984. Der evangelischen Streitkultur entsprach aber, dass die Entscheidungen des Lenkungsausschusses den ersten Bearbeitern nochmals mitgeteilt wurden, was ihnen kritische Einwände ermöglichte. Daraufhin hat sich der Lenkungsausschuss in zweiter Lesung mit diesen problematischen Passagen befasst, vieles verbessert und den endgültigen Text festgestellt. Das Ergebnis nahm der Rat der EKD entgegen und qualifizierte es im September 2015 als „Revision“, da Umfang und Intensität der Überarbeitung diese Bezeichnung rechtfertigen.

Immerhin herrschte sehr bald nach Beginn des Unternehmens ein Konsens: Wo die Übersetzung von 1545 sich als philologisch genauer erwies und heutigen Lesern keine Verständnisschwierigkeiten bietet, sollte sie wiederhergestellt werden. Nach den Beobachtungen an einzelnen Kapiteln könnte das bis zu einem Drittel aller Änderungen im AT und NT umfassen. Dass neben den Texten auch alles Beiwerk, also Überschriften, Kernstellen, Parallel- und Verweisstellen, Karten, Zeittafeln wie die Sach- und Worterklärungen, bearbeitet werden musste, beschreibt die Aufgabenfülle, vor die sich die Revisoren gestellt sahen.

Wie von den Gutachtern anfangs erwartet, hat es einige tausend Änderungen gegeben, auch wenn bei weitem nicht alle Vorschläge umgesetzt wurden. Ob eine Änderung zwingend oder unnötig war, entschied sich bei der Mehrzahl der Stellen in der Diskussion über die Leistungsfähigkeit der deutschen Wortwahl und Syntax, weniger am Verständnis des fremdsprachigen Textes. Die „Rhetorik des Herzens“ (Birgit Stolt) war ebenso angemessen zu berücksichtigen wie die Vertrautheit mit Gebeten wie Psalm 23. Die Zweipoligkeit des normalen Übersetzungsvorgangs erweiterte sich in diesem Projekt auf drei Aspekte, die miteinander ausgeglichen werden mussten: Urtexttreue, Rückbezug auf das Werk der Wittenberger und heutiges Sprachverständnis (nicht: Sprachgebrauch!). Nun lassen sich die vielen verschiedenen Änderungen kaum auf einen einzigen Nenner bringen. Erst die Lektüre ganzer Abschnitte wird ein Urteil ermöglichen, wie behutsam oder energisch die Revision vorgegangen ist. An dieser Stelle aber sollten die oben gestellten Fragen beantwortet werden:

„Frevler“ oder „Gottlose“

Da die „Gottlosen“ in der alttestamentlichen Weisheit in sehr vielen Fällen ganz sicher keine kämpferischen Atheisten meinen, sind sie an vielen, aber nicht allen Stellen durch den zutreffenderen Ausdruck „Frevler“ ersetzt worden. Nur wenn eine dezidiert religiöse, antigöttliche Haltung gemeint ist, bleibt es bei dem älteren Begriff. Ähnliches ergab sich in der gesamten Bibel für den Terminus „Heiden“. Die hebräischen und griechischen Vokabeln meinen oft eher „die Völker“ im Gegenüber zum Volk Israel. Daher wurde die Verwendung der abwertenden Bezeichnung nur noch dort belassen, wo die religiöse Bedeutung der Gottesferne überwog. Weil es schließlich im Deutschen nur die altertümliche Anrede „Herr Lehrer“ gibt, aber die Berufsbezeichnung allein so nicht gebräuchlich, also fremd ist, wird Jesus weiterhin von den Jüngern als „Meister!“ angesprochen. So formulieren selbst die Zürcher Bibel 2007 und die katholische Einheitsübersetzung.

Die Beteiligten erhoffen sich, dass die Hörerinnen und Leser eine zuverlässigere Ausgabe erhalten, die sich sprachlich wieder stärker an Luthers Bibel hält.

Christoph Kähler

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