Der Freund

Astronaut trifft Apfelmann
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So funktioniert Magie, die auch die Musik des schottischen Singer-Songwriters ausmacht.

Dingen einen Namen zu geben, sie zu benennen, ist das Wesen von Magie. Das gibt Macht über sie oder soll es zumindest. Und können die Namen nicht präzise sein, bedarf es der Umschreibung, poetisch, als Bild, im Ritual oder mit Musik. Und das beherrscht Kenny Anderson alias King Creosote faszinierend gut. Peter Rabbit Tea, der siebte von neun Songs seiner neuen Platte „Astronaut meets Appleman“, ist darauf zwar ein Zwischenstück, jedoch bezeichnend für das ganze Album. Stünde der Titel nicht in der Tracklist, bliebe er unverständlich: Tragend ist darin der mehrfach undeutlich ausgesprochene Drei-Wort-Satz Peter Rabbit Tea von Andersons kleiner Tochter. Um die wechselnden Melodien ihres Satzes hat er mit Akkordeon, Geige, Cello, Bass, Harfe und Drums ambient-artig einen Sound gelegt, der einen Song daraus macht. Dadurch bekommen das unbeholfen Tastende, das Ungeschliffene Kontur und damit Zugriff. Genau so funktioniert Magie - die auch die Musik des schottischen Singer-Songwriters ausmacht. Über 50 Alben brachte er schon heraus, meist im Selbstverlag. Einnehmende Melodien, die Verbindung von Folk, Indierock und Pop zu einem ganz eigenen Guss, und sein sanfter, aber fester Tenor sind sein Markenzeichen. Themen sind das Auf und Ab in Beziehungen, Sehnsucht nach Nähe und deren Unmöglichkeit. Die Stimmung reicht von aussichtslos düster bis hoffnungsvoll oder zärtlich heiter - ein unverzagtes Schwelgen in fröhlicher Melancholie, das einen aber nie ins Feuer reißt, sondern den anderen, die auch im Kreis darum sitzen, gewärmt ins Gesicht sehen lässt. Astronaut meets Appleman beginnt bitter: When you need someone to cry on in the depths of despair/I shall be elsewhere, heißt es in You Just Want. Don’t be the one to slam the door, beschwört King Creosote in Melin Wynt.

Zur zweiten Albumhälfte wird der Ton zuversichtlicher, obwohl eigentlich wenig Grund ist, unbeschwert zu sein. Schließlich sind da zwischen Himmel und Erde und nicht zuletzt in uns selbst ungesehene Mächte, denen wir ausgeliefert sind. Der Sound ist raumgreifender und tiefer als früher, aber sehr klar. Die Instrumentierung von Streichern bis Windturbine, Harfe und Bagpipe setzt dabei etliche Gänsehaut-Akzente, in Surface etwa: Das Song-Ich fragt, warum es überhaupt auftauchen soll, wenn es doch eh vom unsichtbaren Freund des Gegenübers ausgestochen wird. Eine dieser Situationen mit Lover auf verlorenem Posten, King Creosote jedoch macht feinsten Power-Pop daraus. Gitarre und Piano beginnen verhalten, dann setzt eine rollende Fuzz-Bass-Linie ein, der Sänger stellt mit Nachdruck aussichtslose Fragen, die Bagpipe atmet pure Einsamkeit. Trotzdem ist so viel Fahrt und Wollen darin, dass aus laufenden Tränen ein lebensfreudiges Lächeln wird. Magie, die zwar ohnmächtig bleibt, aber ungemein tröstlich ist.

Udo Feist

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