Verdienstvoll

Trotz Mängel lesenswert
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179 Portraits geben Auskunft darüber, was Christen jüdischer Herkunft in der Nazi-Zeit widerfuhr.

Siebzig Jahre nach der Befreiung vom Nazismus dürften die Deutschen viel über die Judenverfolgung zwischen 1933 und 1945 wissen.

Wenig bekannt ist aber selbst in den Kirchen, was Christen jüdischer Herkunft widerfuhr. Das mag damit zusammenhängen, dass die meisten überlebten und nach 1945 nicht auffielen. Ermordet wurden diejenigen, die die Nazis als "Volljuden" klassifiziert hatten.

Die Herausgeber Hartmut Ludwig und Eberhard Röhm und andere Autoren porträtieren 179 evangelische Theologinnen und Theologen, darunter den Marburger Neutestamentler Werner Georg Kümmel (1905-1995), dessen Einleitung ins Neue Testament vielen Theologen vertraut ist, und den Oldenburger Landesbischof Gerhard Jacobi (1891-1971). Dass Einzelschicksale geschildert werden, macht die Nazi- und Nachkriegszeit anschaulich und berührend. Als Pfarrer schämt man sich besonders dafür, wie lieblos Landeskirchen jene Kollegen auch nach 1945 behandelten.

Für die einzelnen Porträts sollte man sich Zeit lassen, um das Gelesene zu verdauen und zu meditieren. George Bell, der anglikanische Bischof von Chichester und Freund Dietrich Bonhoeffers, half evangelischen Pfarrern jüdischer Herkunft. Einige fanden Aufnahme in der Kirche von England oder in anglikanischen Kirchen anderer Länder. Ihre Amtsbezeichnungen werden leider ungenau wiedergegeben. Da heißt es von einem, er sei "Reverend" gewesen. Aber "Reverend", auf Deutsch: "Hochwürden", ist keine Berufsbezeichnung, sondern eine höfliche Anrede, die im angelsächsischen Sprachraum dem Namen von Geistlichen vorangestellt wird. Von einem erfährt man, dass er "Vicar" gewesen sei. Aber das Wort, das oft mit dem deutschen "Vikar" verwechselt wird, wird nicht erklärt. Bei einem anderen findet sich immerhin der richtige Hinweis: "entspricht dem deutschen Pfarrer". Ein dritter wird als "Rector" vorgestellt, ohne dass diese Bezeichnung erläutert wird. Dabei wäre es am einfachsten gewesen, man hätte die Erwähnten - wie dies in anderen Porträts geschieht - schlicht als anglikanische "Pfarrer" vorgestellt.

Als Geburtsort von Pfarrer Erich Stegmann wird "Straßburg (Frankreich)" angegeben, bei seinem Kollegen Hans-Detlof Galley dagegen "Colmar (Elsass)". Ja, was nun? Entweder verortet man beide Städte, die zu Deutschland gehörten, als Stegmann und Galley geboren wurden, im Elsass oder - wenn man Revanchismusvorwürfe fürchtet - in Frankreich.

Im Beitrag über den saarländischen Pfarrer Werner Ritter behauptet Herausgeber Ludwig, dieser sei "1956 in die Kämpfe involviert" gewesen, ob das Land "an die Bundesrepublik oder an Frankreich angeschlossen werden sollte". Doch das ist zweifach falsch: Die Volksabstimmung an der Saar fand 1955 statt. Und dabei ging es um das "Saarstatut", die Frage, ob das Saarland ein europäisches Territorium werden sollte. Den "Anschluss" an Frankreich propagierte fast niemand. Unsinnig ist Ludwigs Behauptung, der Abstimmungskampf sei "auch ein religiöser Kampf zwischen der katholischen Volkspartei von Ministerpräsident Hoffmann und Befürwortern des Anschlusses an die Bundesrepublik" gewesen. Doch Katholiken und Christdemokraten waren in beiden Lagern vertreten. Und das Abstimmungsergebnis zeigt: Die große Mehrheit der Saarkatholiken stimmte für die "kleine Wiedervereinigung". Man mag Ludwig zugutehalten, dass er bei den vielen Porträts, die er schrieb, den Überblick verloren hat. Umso mehr hätten die Lektoren des Calwer Verlags eingreifen müssen!

Aber es bleibt Ludwigs und Röhms Verdienst, in siebenjähriger Kärrnerarbeit dieses Buch zusammengestellt und Christen jüdischer Herkunft dem Vergessen entrissen zu haben. Die Leser können ihr historisches Wissen erweitern und erkennen, was passiert, wenn die Kirche Menschenrechte für zweitrangig hält.

Hartmut Ludwig und Eberhard Röhm (Hg.): Evangelisch getauft - als "Juden" verfolgt. Calwer Verlag, Stuttgart 2014, 472 Seiten, Euro 29,95.

Jürgen Wandel

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