Intellektuelle

Auf dem Weg in den Osten
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Anfang der Fünfzigerjahre siedelten einige hundert Theologiestudenten oder bereits ausgebildeten Theologen in die DDR um. Warum?

Rund drei Millionen Menschen haben in den 45 Jahren ihrer Existenz die Sowjetische Besatzungszone beziehungsweise ab 1949 dann die DDR Richtung Westdeutschland verlassen. Einige tausend haben auch den umgekehrten Weg genommen. Davon seien allerdings rund dreißig Prozent früher oder später wieder zurückgekommen, erfährt man in diesem Buch.

Anders bei einigen hundert Theologiestudenten oder bereits ausgebildeten Theologen, die überwiegend Anfang der Fünfzigerjahre in die DDR umsiedelten. Sie gingen diesen Weg nicht aus wirtschaftlichen oder politischen Gründen, obwohl es das in ganz seltenen Fällen auch gab. Die Kirchenleitungen auf beiden Seiten übten "moralischen Druck" aus. In ihren Schreiben hinüber und herüber war von einer "geistlichen Entscheidung" die Rede und von einem "Ruf Gottes". Bischof Otto Dibelius von Berlin brachte pastorales "Berufsethos" ins Spiel.

Die zitierten Aufrufe wirken heute ziemlich peinlich - manchmal sogar etwas verlogen. Denn "die wirtschaftliche Situation bot ... für Pfarrer keinerlei Anreiz für einen Wechsel in die DDR". Aus heutiger Sicht erwarteten die "Rückkehrer" - insbesondere die Vikare - recht erbärmliche Lebensumstände. Und dass einem westdeutschen Pfarrer in einem Disziplinarverfahren nahe gelegt wurde, doch in die DDR zu wechseln, wirkte auch nicht ermutigend für andere.

Die DDR-Behörden waren bei einem Zuzug aus der Bundesrepublik grundsätzlich misstrauisch. Sie witterten stets und überall Spione und Störenfriede bei ihrem Aufbau des Sozialismus. Und dann noch Kirchenleute! Auch wenn sich der stalinistische Kirchenkampf ab Juni 1953 entschärfte, so war doch vorauszusehen, dass mehr Pastoren und Diakone das Absterben der Religion nur verzögern würden. So war es denn ja auch!

Der Zuzug von kirchlichem Personal erfolgte auf Drängen der ostdeutschen Kirchen. Während die Gemeinden nämlich nach dem Kriegsgeschehen und durch Zuwachs seitens der Flüchtlingsströme aus den Ostgebieten wuchsen, fehlte es wegen der Kriegsfolgen und dem Wegzug junger Menschen an einsatzfähigen Theologen. Durch strikte Zulassungsbeschränkung an den ostdeutschen Theologischen Fakultäten sahen sich zum Theologiestudium Entschlossene gezwungen, sich an westdeutschen Fakultäten oder Hochschulen einzuschreiben.

Doch damit drohten sie den ostdeutschen Landeskirchen als künftige Pastoren verloren zu gehen. Also betrachtete man sie als "Rückkehrer" und forderte ihren Rückzug, ob sie nun wollten oder nicht. An der Kirchlichen Hochschule in Berlin-Zehlendorf soll der angesehene Martin Fischer mit Verweis auf die Bekennende Kirche einen regelrechten "Gruppenzwang" erzeugt haben.

Es entspann sich ein erbitterter Streit zwischen den kirchlichen und den DDR-Behörden: hatten die einen endlich eine gewisse Anzahl von "Rückkehrern" zum Umzug bewogen, verweigerten jene die Einreise. Waren sie nach langen Verhandlungen schließlich bereit, die Rückkehr ehemalig im Gebiet der DDR Ansässiger zu genehmigen, hatten sich diese gerade wieder aufs Bleiben im Westen eingerichtet. All das berichtet die Historikerin sehr plastisch, aber fast emotionslos.

Am Ende sind es doch einige hundert Theologen gewesen, die in ostdeutsche und Ost-Berliner Pfarrhäuser einzogen. Dass sie nicht nur Lückenbüßer waren, sondern für die Kirchen in der DDR eine intellektuelle Bereicherung bedeuteten, beweist ihre kirchliche Karriere. In den Siebziger- und Achtzigerjahren waren die meisten Bischofsämter mit ihnen besetzt. Auch an den Kirchlichen Hochschulen und unter den Pröpsten waren einige zu finden. Die Gründe dafür hat Claudia Lepp nicht weiter untersucht.

Claudia Lepp: Wege in die DDR. Wallstein Verlag, Göttingen 2015, 223 Seiten, Euro 29,-.

Götz Planer-Friedrich

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