Verzauberte Welt

Geschichte des Christentums
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Die Lektüre dieses auch ästhetisch ansprechend aufgemachten Buches ist wärmstens zu empfehlen.

Nach Max Weber leben wir in einer entzauberten Welt. Konsequenterweise wirkt Religion als Sinn fürs Unendliche demgegenüber als abständig. Doch sieht man genauer hin, gerät das Bild ins Wanken. Denn immer schon erfuhren Menschen mitten im Alltag zugleich etwas Höheres, gar Heiliges, ohne dass dabei die Zweifel am selbst Erlebten ausblieben. Insofern ließe sich die Religions- innerhalb der Kulturgeschichte eher als ein Auf und Ab von Verzauberung und Entzauberung beschreiben. Auch das Christentum repräsentiert hierin "ein Weltgefühl, das den Überschuss als das Aufleuchten göttlicher Gegenwart in der Welt versteht" und darf als "Sprache einer kontinuierlichen Verzauberung der Welt" betrachtet werden. Den wichtigsten kulturellen Gestalten dieses bis in die Gegenwart reichenden Prozesses geht Jörg Lauster, Theologieprofessor in Marburg, in seiner Kulturgeschichte des Christentums nach. In elf Kapiteln werden wir stilistisch meisterhaft und klug in der Auswahl von den Tagen Jesu bis in die Gegenwart geführt.

Lauster ist sich dabei der methodischen Schwierigkeiten eines solchen Unterfangens bewusst. Hätten doch eine anglikanische Südafrikanerin oder ein chinesischer Presbyterianer eine andere Geschichte geschrieben. Lauster stellt sich selbst in die Tradition des liberalen Kulturprotestantismus, ohne für diese Position Alleingültigkeit zu beanspruchen. Überhaupt kann man dem immer globaler werdenden Christentum nur durch eine Vielzahl an unterschiedlichen Betrachtungsweisen auf die Spur kommen. Dazu ist es auch vonnöten, nicht nur die Geschichte kirchlicher Institutionen, theologischer Lehren und liturgischer Entwicklungen in Betracht zu ziehen. "Die Verzauberung der Welt" nimmt deswegen in gleichem Maße die Gestaltwerdung des Christentums in Musik und Architektur, Kunst und Literatur ins Visier. Getragen ist dies alles von der Überzeugung, der Reichtum und die Tiefe der christlichen Botschaft - "in Jesus Christus selbst die höchste Erscheinungsform des Heiligen in der Welt" zu erblicken - lasse sich nur in einer Vielfalt von Medien zur Sprache bringen. Nicht verwunderlich, dass sich die schönsten Abschnitte des Buches mit der Theologie der gotischen Kathedrale, der Renaissancekunst, der puritanischen Romanliteratur (Robinson Crusoe) sowie mit der Musik von Bach beschäftigen. Durch zahlreiche Abbildungen wird die Lektüre anschaulicher.

Bei alledem fungiert Lauster nicht einfach als Archivar. Als Theologe ist ihm vielmehr daran gelegen, den geschichtlichen Reichtum christlicher Ausdrucksformen in seiner Bedeutung für die Gegenwart zu erschließen. Hier gilt: Herkunft ist Zukunft, ohne dabei deren Offenheit für Neues auszuschließen. Geschichte darf dabei nicht als bloße Abfolge einzelner Ereignisse, Kunststile und Mentalitäten verstanden werden, will sie uns zur Lesehilfe werden, um Verschüttetes freizulegen, und uns Zugangsweisen zum Schatz eigener und fremder Traditionen bieten. Deren Sinn und Bedeutung erschließt sich aber nur auf je individuelle Weise.

Beeindruckend ist auch, wie Lauster sich dem Problem der Deutung der eigenen Gegenwart stellt. Man mag bedauern, dass dem 20. Jahrhundert nur ein kurzer Ausblick gewidmet ist. Hier folgt der Autor dem Gebot der zeithistorischen Distanz. Doch man wird dafür entlohnt. Statt sich nämlich in Zeitdeutung zu versuchen, werden Verbindungslinien ausgezogen, die das vergangene Jahrhundert vor dem Hintergrund des kulturellen Wandels im 19. Jahrhundert zu verstehen lehren. Der Aufstieg von Imperialismus und Nationalismus, der Siegeszug moderner Technik und Naturwissenschaft, die Sehnsucht nach religiöser Erweckung und ästhetischem Sinn, sie alle werden zu Signaturen dessen, was noch die eigene religiöse Gegenwartslage kennzeichnet. Erneut beweist der Autor Sensibilität und denkt nicht in einfachen Schablonen. Dies zeigt sich etwa an seiner Einschätzung des Kirchenkampfes. Von der Barmer Erklärung heißt es, ihr "autoritäres Pathos" stelle zwar einen Rückschritt gegenüber dem theologischen Liberalismus dar, aber vielleicht einen "notwendigen". Nicht anders auch, wenn das Schicksal des neuzeitlichen Papsttums als ein Zugleich von politischem Machtverlust und "unübersehbarem Ansehensgewinn" in religiöser Hinsicht beschrieben wird. Keine Rede also von einer ausschließlichen Verfallsgeschichte des Christentums in der Moderne.

Gewiss, wer sich an 2000 Jahre Religionskulturgeschichte wagt, wird manches auslassen müssen. Jeder wird dabei etwas anderes vermissen. Aber all das wären Marginalien, die auszusprechen, mehr als kleinlich gegenüber dem von Lauster Geleisteten wirkt. Bleibt nur noch, die Lektüre dieses auch ästhetisch ansprechend aufgemachten Buches wärmstens zu empfehlen und dem Autor zu versichern: Mag sein, "es ist ehrenvoller an etwas Großem zu scheitern als etwas Kleines zu meistern", aber er ist ganz gewiss nicht gescheitert.

Jörg Lauster: Die Verzauberung der Welt. Verlag C. H. Beck, München 2014, 734 Seiten, Euro 34,-.

Christian Polke

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