Nein zur Judenmission gefordert

Die EKD-Synode vor dem Reformationsjubiläum - Luther und die Juden
Playmo-Luther in Bremen. Foto: C & P Verlagsgesellschaft mbH
Playmo-Luther in Bremen. Foto: C & P Verlagsgesellschaft mbH
Das Reformationsjubiläum rückt näher. Anlass genug für die EKD-Synodalen sich vom 8. bis zum 11. November in Bremen mit der Frage zu beschäftigen, was der Protestantismus in einer offenen Gesellschaft leisten kann und welche Konsequenzen aus Luthers Antijudaimus zu ziehen sind.

Wenn in zwei Jahren der 500. Jahrestag der Reformation weltweit gefeiert wird, wird das auch ein Anlass sein, dass Protestanten zeigen, wie sie aus ihrem Glauben heraus, die gesellschaftliche Gegenwart mitgestalten und aus welchen Wurzeln sich ihr Engagement speist. Sicher, der Europäische Stationenweg an 67 Orten in 19 Ländern, die Weltausstellung Reformation in Wittenberg, der Kirchentag, und die Kirchentage auf dem Weg im Mai 2017 und die vielen Aktionen der Landeskirchen und Kirchengemeinden zeigen, dass die Vorbereitungen zum Fest auf Hochtouren laufen. Und doch stellt sich immer wieder die Frage, wie sehr die Reformation die Sprache, Kultur und auch das Rechtssystem beeinflusst hat.

Darauf hebt auch Udo Di Fabio während der Synodaltagung in Bremen ab. Der Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats des Kuratoriums zur Vorbereitung des Reformationsjubiläums 2017 erklärt, dass sich die von Luther vor 500 Jahren diskutierte Ablassfrage zu einer "Grundsatzfrage des Verhältnisses von Kirche und Staat" entwickelt hat. Luther wollte gerade keinen Beitrag zur weltlichen Rechtsentwicklung leisten und habe es objektiv dennoch getan. "Dass Luther den Respekt vor der Obrigkeit predigte, während er den Ungehorsam gegenüber Rom erklärte, ist jedenfalls aus meiner weltlich-verfassungsgeschichtlichen Bedeutung heraus nur aus diesem Ansatz der Zwei-Reiche-Lehre zu erklären", erläutert der Jurist in seinem Referat zum Schwerpunktthema "Reformationsjubiläum 2017 - Christlicher Glaube in offener Gesellschaft". Die "Selbstbeschränkung auf Religion und das Insistieren auf Gewissensfreiheit" hätten eine weltlich-rechtliche Konsequenz. In ihrer Kundgebung "Frei und engagiert - in Christus", mit der sich die EKD-Synodalen an die Öffentlichkeit, aber auch an die Landeskirchen und die Kirchengemeinden wenden, unterstreichen sie: "Der Protestantismus bejaht heute die Religionsfreiheit aller, auch derer, die jede Religion ablehnen." Christlicher Glaube stehe für Freiheit und Engagement. Und dieser Beitrag des christlichen Glaubens sei für das Gemeinwesen unverzichtbar. Dies werde deutlich im Einsatz "für Bildung und Kultur, im diakonischen Handeln und bei sozialen Protesten". "Die christliche Hoffnung hilft Grenzen zwischen Interessengruppen und unterschiedlichen Milieus zu überwinden", heißt es in der Kundgebung.

Doch damit nicht genug. Die EKD-Synodalen werfen auch einen Blick zurück und verabschieden zwei Jahre vor dem Reformationsjubiläum eine weitere Kundgebung, die das Thema "Martin Luther und die Juden - Notwendige Erinnerung zum Reformationsjubiläum" berücksichtigt. Das war längst überfällig, weil es gerade auch der christliche Antijudaismus war, der im deutschen Volk zur Legitimation des Judenhasses gedient hat und die Kirchen mitschuldig werden ließ an dem, was geschehen ist (siehe auch Seite 66). Oder wie es in der Kundgebung der Synode heißt: "Einfache Kontinuitätslinien lassen sich nicht ziehen. Gleichwohl konnte Luther im 19. und 20. Jahrhundert als Kronzeuge für theologischen und kirchlichen Antijudaismus sowie politischen Antisemitismus in Anspruch genommen werden." Die Synodalen betonen darin auch, dass aus dem Erschrecken über historische und theologische Irrwege und aus dem Wissen um Schuld am Leidensweg jüdischer Menschen die besonderer Verantwortung erwachse, heute jeder Form von Judenfeindschaft und -verachtung zu widerstehen und ihr entgegen zu treten. Schon in seinem Grußwort zur Synode hatte Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland diese Erklärung als einen bedeutsamen Schritt begrüßt, der Vertrauen schaffe. Doch Schuster ging die Erklärung nicht weit genug. Er forderte eine deutliche Distanzierung von der Judenmission und schrieb das den EKD-Synodalen auf die Agenda zum Reformationsjubiläum 2017. Deren Kundgebung endet in diesem Jahr mit dem vagen Satz: "Das Reformationsjubiläum gibt Anlass zu weiteren Schritten der Umkehr und Erneuerung."

Nun bleiben noch zwei Jahre, um umstrittene Fragen zu klären und diese Schritte endlich mit Inhalt zu füllen.

Neuer Rat: Sieben Frauen, acht Männer

Vorsitzender des im November 2015 in Bremen neugewählten Rates der EKD ist der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, stellvertretende Vorsitzende die westfälische Präses Annette Kurschus. Desweiteren wurden gewählt: Michael Diener, Präses des Gnadauer Gemeinschaftsverbands; der Berliner Bischof Markus Dröge; der hessische Kirchenpräsident Volker Jung; die Bischöfin des Sprengels Hamburg-Lübeck, Kirsten Fehrs; die Hannoversche Kirchenamtspräsidentin Stephanie Springer; die beiden Bundestagsabgeordneten Kerstin Griese (SPD) und Thomas Rachel (CDU); die Tübinger Theologieprofessorin Elisabeth Gräb-Schmidt; der Bochumer Rechtsprofessor Jacob Joussen; der Unternehmer Andreas Barner aus Ingelheim; die ehemalige Direktorin der Deutschen Bank, Marlehn Thieme aus Bad Soden und der Vorstandsvorsitzende des Diakonischen Werkes in Württemberg, Dieter Kaufmann. Zudem gehört die Präses der EKD-Synode, Irmgard Schwaetzer, dem Rat qua Amt an.

Kathrin Jütte

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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