Religiöse Rede

Über symbolische Sprachformen
Entstanden ist ein material- wie perspektivenreiches Werk, das religions- und geistesgeschichtliche, literaturwissenschaftliche sowie tiefenpsychologische Einsichten für die Bibelauslegung und Verkündigung anbietet.

Wer hätte Nikolaus Schneider widersprechen mögen, widersprechen können, als er vor der EKD-Synode im vergangenen Jahr sagte, Gott und Glaube seien manchen - nein: ungezählten - Zeitgenossen so fremd geworden wie die Sprachen Mandarin oder Kisuaheli? Nun sind die zugrundeliegenden Fakten längst bekannt. Nicht nur die Kundigen wissen, wie schwer sich viele tun, die metaphorischen und symbolischen Sprachformen religiöser Rede zu verstehen. Aber wer sind diese "vielen"? Hubertus Halbfas, zuletzt Professor für Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Reutlingen, zählt auch jene zu den "religiösen Analphabeten", die von Amts wegen katechetische Unterweisungen produzieren. "Die Katechismen, die sie schreiben, oder die Dogmatik, die sie vertreten, ignorieren Sprachgattungen und deren je spezifische Wahrheit. So bleibt es bei einer Lehre, welche die meisten Zeitgenossen verfehlt und ratlos macht." Es mangle "fast überall" an der zu fordernden Kompetenz, die christliche Glaubenstradition "noch einmal in den Fluss der Zeit zu bringen".

Der durch zahlreiche Grundlagenwerke ausgewiesene Religionspädagoge wundert sich, dass weder Pfarrer noch Lehrer, nicht zuletzt die kirchliche Hierarchie seiner römischen Kirche, so etwas wie eine religiöse Sprachlehre vermissen. Das hat ihn, man darf hinzufügen, erfreulicherweise, nicht gehindert, ein solches Elementarbuch zu schreiben. Entstanden ist ein material- wie per-spektivenreiches, didaktisch aufbereitetes Werk, in dem religions- und geistesgeschichtliche, literaturwissenschaftliche sowie tiefenpsychologische Einsichten für die Bibelauslegung und Verkündigung fruchtbar gemacht worden sind.

In einem grundlegenden ersten Teil wird der Weg der Sprache skizziert, angefangen bei einer Orientierung bewusstseinsgeschichtlicher Erlebnisformen, bei denen das magische, mythische und rationale Bewusstsein im Sinne Jean Gebsers ebenso vorgestellt werden wie die Bedeutung tiefenpsychologischer Traumdeutung. Das Wort als Mythos und Logos, das sich in Symbol und Metapher artikuliert, wird in seiner Bedeutung für deren Verständnis im Kindesalter beleuchtet. Der Wahrheit der Formen wie Mythen, Märchen, Sagen, Legenden, Gleichnisse, Paradoxien ist der zweite Teil gewidmet. Es versteht sich, dass der Autor sich die Ergebnisse der Märchenforschung in ihrer Beziehung zu exegetischen wie formgeschichtlichen Arbeiten zunutze machen konnte.

Der Hauptteil des Buches entspricht der Entfaltung einer biblischen Sprachlehre und Hermeneutik. Hier zeigt Halbfas anhand zahlreicher Textbeispiele, wie sich die gewonnenen Einsichten auf die beiden Bibelteile anwenden lassen. Zu den Sprachformen des Alten Testaments gehören zunächst die urgeschichtlichen Mythen, gefolgt von Beispielen der Sagentradition Israels: legendäre Überlieferungen, die Rolle der Geschichtsschreibung und der typische Prophetenspruch bei Amos, Jesaja und Jeremia. Neutestamentliche Sprachformen stellen die paulinischen Briefe, Spruchgut aus der Q-Quelle einschließlich des Thomas-Evangeliums sowie die kanonischen Evangelien dar, gefolgt von den diversen Redetexten, Passionsgeschichten und der Entstehung des Auferstehungsglaubens. Der Umriss einer dogmatischen Sprachlehre geht darauf ein, wie sie sich aus den eingangs gewonnenen Perspektiven ergeben haben, etwa auf die Fortdauer eines magischen und mythischen Denkens im gottesdienstlichen Leben.

Hubertus Halbfas: Religiöse Sprachlehre. Theorie und Praxis. Patmos Verlag, Ostfildern 2012, 393 Seiten, Euro 30,-.

Gerhard Wehr

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