Von Betzingen nach Berlin

Ein katholischer taz-Redakteur schildert Wolfgang Hubers Leben und Werk
Wolfgang und Kara Huber. Foto: epd/Norbert Neetz
Wolfgang und Kara Huber. Foto: epd/Norbert Neetz
Am 12. August wird der Altratsvorsitzende der EKD Wolfgang Huber 70 Jahre alt. Philipp Gessler hat eine Biographie verfasst, die den familiären Hintergrund und die theologische und politische Entwicklung des Jubilars beleuchtet.

Mit etwas gedämpfter Stimme und nach ein paar Gläsern Wein", schreibt Philipp Gessler, hätten Kirchenleute gelegentlich folgenden Witz erzählt: Wolfgang Huber wird als Zeuge vernommen. Der Richter hält ihm vor, dass er unter Eid stehe. Nach seinem Beruf befragt, antwortet Huber: "Größter EKD-Ratsvorsitzender aller Zeiten." Kara Huber, die als Zuhörerin anwesend war, fragt hinterher ihren Mann, ob diese Aussage denn nötig gewesen sei. Wolfgang Huber antwortet: "Ich stand doch unter Eid!"

Auch dieser Witz enthält einen wahren Kern. Denn Wolfgang Huber gehört mit Otto Dibelius (1880-1967) und Kurt Scharf (1902-1990) zu den großen Berliner Bischöfen und EKD-Ratsvorsitzenden. Weniger pathetisch ausgedrückt: Für diesen Kirchenvertreter musste man sich als Protestant nie schämen, selbst wenn man, zum Beispiel in der Bioethik, anderer Meinung war.

So lag eine Biographie Wolfgang Hubers auf der Hand. Und mit dem taz-Redakteur Philipp Gessler, einem Katholiken, fand sich ein kongenialer Autor. Das Buch ist klug - und flüssig geschrieben. Und anrührend sind die Fotos aus Hubers Familienalbum.

Gessler sprach nicht nur ausgiebig mit Wolfgang Huber und seiner Frau Kara, sondern auch mit Brüdern, Kindern, Weggefährten, Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, Freunden und Gegnern.

Wie jede gute Biographie beschreibt diese ein Einzelschicksal und zugleich einen Abschnitt der Geschichte. Und der Leser wird angeregt, über sein eigenes Leben nachzudenken. So kann man den Altratsvorsitzenden der EKD nur bewundern und beneiden und zugleich für die Gnade der eigenen späten Geburt danken.

Schwere Bürde

Denn schon Geburtsdatum und Geburtsort signalisieren die Bürde, die Wolfgang Huber schultern musste. Als Kind reichsdeutscher Eltern wird er 1942 in Straßburg im Elsass geboren. Der Vater lehrt an der dortigen "Reichsuniversität", einer Musterhochschule der Nazis, an der auch der Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker wirkt. Der brillante Jurist Ernst Rudolf Huber, Jahrgang 1903, hatte dem NS-Regime von Anfang an gedient. Er faselte, wie Gessler zitiert, von der "Ausscheidung des Judentums aus dem Volkskörper". Dabei war Ernst Rudolf Huber, der erst im Mai 1933 der nsdap betrat, wohl kein Nazi. Wolfgang Huber meint, sein Vater sei "nach eigenem Verständnis ein Jungkonservativer" gewesen. Diesen Begriff hätte Gessler erklären müssen. Denn nur wenige dürften wissen, wer die "Jungkonservativen" waren, Feinde der Weimarer Republik und Wegbereiter der Nazis. In der Familie Huber galt die Vergangenheit des Vaters lange Zeit als Tabu. Erst Enkel Ansgar vermochte den Großvater Anfang der Achtzigerjahre zum Reden zu bringen.

Gessler schildert Hubers Aufstieg vom Pfarrverweser im schwäbischen Betzingen über Professuren in Marburg und Heidelberg zum Hauptstadtbischof und Ratsvorsitzenden der EKD. Für den Philosophen Jürgen Habermas, der sich als "religiös unmusikalisch" bezeichnet, hat der Theologieprofessor Wolfgang Huber "das protestantische Staats- und Rechtsdenken auf die Höhen der besten republikanischen und liberalen Traditionen gebracht". Und Kardinal Karl Lehmann bescheinigt Huber, die evangelische Sozialethik "auf ein gewisses Niveau" gehoben zu haben. Das klingt herablassend. Aber der Mainzer Bischof ist Schwabe, und für einen solchen ist zum Beispiel das größte Kompliment, das man einer Köchin macht: "Mer ka's essa." Und schließlich endet Lehmanns Lob mit der Feststellung, Huber sei Dank habe die evangelische Sozialethik zur katholischen Soziallehre aufgeschlossen.

Bei Hubers 60. Geburtstag erzählte Bundeskanzler Gerhard Schröder, in einem Vermerk des Kanzleramtes habe gestanden, der Jubilar werde "seit seiner Wandlung vom linken zu einem eher gemäßigten konservativen Kirchenführer auch als Otto Schily der EKD bezeichnet." Doch anders als Schily räumt Huber ein, sich verändert zu haben. Dem könne man, "einen hohen Wahrscheinlichkeitsgrad nicht absprechen", meint Huber in einer für ihn typischen Formulierung. So habe er mit der Zeit stärker "auf die persönliche Frömmigkeit und auf den missionarischen Auftrag der Kirche" Wert gelegt.

Sehr wichtig war und ist für Wolfgang Huber seit 48 Jahren die Frau, die oft mit ihm in der ersten Reihe saß, Kara Huber. Für Sohn Ansgar verbindet die Eltern auch ein seit der Betzinger Zeit "gemeinsam gewachsener Glaube". Philipp Gessler: Wolfgang Huber. Ein Leben für Protestantismus und Politik. Kreuz-Verlag, Freiburg im Breisgau 2012, 280 Seiten, Euro 19,99.

Jürgen Wandel

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