Eindrucksvoll

Neue Raumkonzepte
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Wer sich als Laie oder Fachmann für den gegenwärtigen Stand der Kirchenbauarchitektur in Deutschland interessiert, wird kaum auf diese wichtige Dokumentation verzichten wollen.

In Mecklenburg lassen sich seit Jahren demographische Prozesse beobachten, die hinsichtlich der Zukunft des Kirchenbaus in Deutschland als richtungweisend gelten können. Besonders im ländlichen Raum bietet sich dem aufmerksamen Beobachter ein bizarres Bild: Hinter der Naturidylle und den malerischen Dörfern der Region verbirgt sich eine Szenerie des Zerfalls. Kirchen verwahrlosen, und kaum jemand in den zunehmend entvölkerten und überalterten Dörfern fühlt sich konfessionell gebunden.

Doch die demographische Krise der Kirche birgt auch Chancen. Die den rückläufigen Mitgliederzahlen und leeren Kassen geschuldete Not leerer Kirchen ist eine ungeahnte Quelle für Innovationen und Inspirationen. Die Notwendigkeit, Kirchen umzubauen, anderweitig zu nutzen, zu konservieren oder zu verkaufen, hat eine Vielzahl von bemerkenswerten Beispielen architektonischer Ideenvielfalt und künstlerischer Schaffenskraft hervorgebracht. Die Entstehung neuer religiöser Raumkonzepte in Sportstadien, Neubaugebieten oder in einsamer Natur legt einen eindrücklichen Blick frei: auf die gegenwärtigen spirituellen und ästhetischen Bedürfnisse der Menschen, ihre soziale Wirklichkeit und ihr Verhältnis zu sakralen Räumen.

Die Tatsache, dass demnach auch im 21. Jahrhundert durch Umbau, Neugestaltung oder großangelegte Neubauten neue Sakralräume in beachtlicher Qualität und Ausdruckskraft geschaffen werden, wartete lange auf eine repräsentative Dokumentation, die nun vorgelegt wurde. Der Anspruch der Herausgeber, die wichtigsten Kirchenbauprojekte der vergangenen Jahre als "gebaute Spiritualität" und "Ausdrucksformen der Religion" anschaulich vorzustellen, richtet sich dabei dezidiert auf die Gegenwart. "Kirchenbauten in der Gegenwart" bietet daher keinen neuerlichen baugeschichtlichen Aufriss der Moderne, sondern ein überaus eindrucksvolles - wenn auch nicht ganz vollständiges (die berühmte Feldkapelle "Bruder Klaus" von Peter Zumthor fehlt beispielsweise) - Bild dessen, was sich in der deutschen Kirchenbauarchitektur der vergangenen Jahre getan hat. Hierfür kommt eine Vielzahl von Experten unterschiedlicher Disziplinen zu Wort, die sich aus verschiedenen Bereichen der Theologie, der Architektur sowie aus den Kunst- und Gesellschaftswissenschaften zusammensetzt.

Dementsprechend kann keine homogene oder gar programmatische Konzeption erwartet werden, vielmehr bildet die Pluralität der Autoren die Vielfältigkeit der besprochenen Beispiele ab. Positiv ist hierbei hervorzuheben, dass das Buch keine statische Sammlung von Baudokumentationen darstellt, sondern auch beachtliche theoretische Beiträge zu unterschiedlichen Hintergrundthemen und Einzelaspekten zusammenführt. Eindrucksvoll ist schließlich die gestalterische Konzeption des Buchprojekts, in dem zahlreiche Einzelbeispiele mit unterschiedlichen Zugangsweisen, Themengruppen und Hintergründen verschaltet werden. Besonders die herausragende Regie von Layout und Anschauungsmaterialien ist sehr gelungen und empfiehlt schon von sich aus den Band zur Anschaffung: Fast alle Gebäudebeispiele werden mit Grafiken des Grundrisses und großformatigen Farbfotografien illustriert, die klug ausgewählt und von exzellenter Qualität sind.

Sie lassen darüber hinwegsehen, dass das etwas vielschichtige Tableau der zahlreichen Beiträge auf den ersten Blick ein wenig verwirrend erscheint. Bedauerlich ist außerdem, dass trotz der Fülle an Materialien auf ein Register verzichtet wurde. Wer sich als Laie oder Fachmann für den gegenwärtigen Stand der Kirchenbauarchitektur in Deutschland interessiert, wird aber dennoch kaum auf diese wichtige Dokumentation verzichten wollen.

Angelika Nollert u. a. (Hg.): Kirchenbauten in derGegenwart. Pustet Verlag, Regensburg 2011, 255 Seiten, Euro 39,90.

Peter Schüz

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