Drei Jahre Zeit

Das Diakonische Werk will mit einem neuen Präsidenten aus der Krise steuern
In Berlin-Dahlem im Reichensteiner Weg hat das Diakonische Werk der EKD seinen Sitz. (Foto: Diakonisches Werk)
In Berlin-Dahlem im Reichensteiner Weg hat das Diakonische Werk der EKD seinen Sitz. (Foto: Diakonisches Werk)
Das Diakonische Werk der EKD ist unter Verdacht eines leichtfertigen Umgangs mit den Finanzen geraten. Präsident Klaus-Dieter K. Kottnik nahm seinen Hut. Sein Nachfolger, Johannes Stockmeier, soll es nun richten.

Auf den neuen Präsidenten des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Johannes Stockmeier, wartet eine Herkulesaufgabe. Der 62-jährige Theologe muss in kurzer Zeit die ehrgeizigen Fu­sionspläne der EKD realisieren. Er muss den beschädigten Ruf des evangelischen Wohlfahrtsverbandes, der immerhin 28.000 soziale Einrichtungen mit über 400.000 Beschäftigten und ebenso vielen ehrenamtlich Aktiven vertritt, wiederherstellen. Zuallererst muss er aber Vertrauen schaffen: Der Bundesverband der Diakonie muss deutlich machen, dass er mit anvertrauten öffentlichen Geldern sorgfältig und redlich umgeht.

Erhebliche Mängel

Denn genau daran scheint es bei dem kirchlichen Verband gehapert zu haben, wie ein aktueller Bericht der ­Kölner Wirtschaftsprüfungsgesellschaft So­lidaris offengelegt hat. Das Aufsichtsgremium der Diakonie, der Diakonische Rat, hatte die Wirtschaftsexperten eingeschaltet, weil der Vorstand der Diakonie im dringenden Verdacht der Vetternwirtschaft stand. Und tatsächlich stellten die Fachleute von Solidaris, nachdem sie wochenlang die Bücher der Diakonie durchforstet hatten, erhebliche Mängel fest. Laut Prüfbericht hat der Vorstand unter dem im September zurückgetretenen Präsidenten Klaus-Dieter K. Kottnik Beraterleistungen in sechsstelliger Höhe vergeben. Selbst erhebliche Kostenüberschreitungen seien akzeptiert worden. Solidaris' Bilanz fällt vernichtend aus: Es gab kein systematisches Controlling.

Dabei hatten die Wirtschaftsprüfer nur einen kleinen Ausschnitt der gesamten Auftragsvergabe durch den diakonischen Vorstand im Zeitraum von 2007 bis 2010 betrachtet. Bis jetzt weiß niemand - zumindest ist darüber öffentlich nichts bekannt -, ob die zutage getretenen Mängel beim Diakonischen Werk der EKD die Ausnahme oder die Regel sind. Die Kölner Prüfer hatten vom Diakonischen Rat aus gutem Grund lediglich einen sehr eng umrissenen Prüfauftrag erhalten. Sie sollten, nachdem die Diakonie mit ihrer Auftragsvergabe in die Negativ-Schlagzeilen geraten war, den Sachverhalt möglichst rasch aufklären und Ergebnisse liefern.

Bei Solidaris ging es ausschließlich um die Aufträge, die der Vorstand von 2007 bis 2010 dem Stuttgarter Beratungsunternehmen Dr. Dithmar & Partner im Gesamtwert erteilt hatte, und die schließlich 731.000 Euro kosteten. Die persönliche Verbindung der Unternehmens-Chefin Christiane Dithmar zur Diakonie war besonders eng. So kam im August heraus, dass der persönliche Referent des Diakoniepräsidenten, Walter Merz, fast ein Jahr lang leitender An­gestellter der Diakonie und gleichzeitig eingetragener Geschäftspartner des Stuttgarter Beratungsunternehmens war.

Dithmar und Merz kennen sich seit fast dreißig Jahren, seit ihrem gemeinsamen Theologiestudium in Göttingen. Nach der Enthüllung trennte sich die Diakonie von Merz, Dithmar wurden alle Aufträge entzogen, und Präsident Kottnik gab sein Amt auf.

Weitere Konsequenzen

Die Diakonie hat also in der Berateraffäre sehr schnell reinen Tisch gemacht. Der württembergische Bischof Frank Otfried July, Aufsichtsratschef des Diakonischen Werkes, kündigte aber weiter Konsequenzen an: "Es ist klar, dass ein zentrales Kostencontrolling in Zukunft gewährleistet sein muss", formulierte er in der Stuttgarter Zeitung seine Erwartung an den Diakonischen Rat und den Vorstand unter dem neuen Diakoniepräsidenten Stockmeier. Für die verbliebenen Vorstandsmitglieder, Wolfgang Teske und Cornelia Füllkrug-Weitzel, muss es schon fast bedrohlich klingen, was der württembergische Bischof in dem Interview weiter sagte: "Wir werden auch im Rat über Verantwortlichkeiten noch sprechen. Bisher haben wir nur eine erste Würdigung vornehmen können."

Johannes Stockmeier ist ein erfahrener Kirchen- und Verbandsmann, der seit 1998 das Diakonische Werk in Karlsruhe leitet. Auch auf Bundesebene ist er kein Unbekannter: Er gehört seit 2001 dem Diakonischen Rat an, seit 2005 leitet der dessen Finanzausschuss. Nun gibt er am 1. Februar sein Amt als badischer Diakoniechef ab und wechselt dann zum Bundesverband nach Berlin. Hier wird er erst einmal mit einem nicht besetzten Vorstandsposten konfrontiert.

Seit Jahresanfang ist nämlich das sozialpolitische Vorstandsmitglied, Kers­tin Griese, nicht mehr im Amt. Die SPD-Politikerin hat der Diakonie nach fünfzehn Monaten den Rücken gekehrt und widmet sich wieder ausschließlich ih­rem Bundestagsmandat. Sie wollte sich die ständige Kritik an ihrer Doppelfunktion als Volksvertreterin und Diakoniefunktionärin nicht länger anhören und entschied sich für die Politik.

Mann des Übergangs

Stockmeier wurde am 9. Dezember in Kassel quasi im Hau-Ruck-Verfahren von der Bundesversammlung der Diakonie, der Diakonischen Konferenz, gewählt. Er war der einzige Kandidat für das höchste Amt, das die Diakonie zu vergeben hat. Der Diakonische Rat, der laut Satzung der Diakonischen Konferenz im Einvernehmen mit dem Rat der EKD Kandidaten vorschlägt, hatte sich auf Stockmeier festgelegt.

Der Oberkirchenrat ist ein Mann des Übergangs, er wurde für eine verkürzte Amtszeit von drei statt regulär fünf Jahren gewählt. Aber der Übergang, den er schaffen soll, hat es in sich: In dieser Zeit soll er das Diakonische Werk und den Evangelischen Entwicklungsdienst (EED) zusammenführen.

An der Verschmelzung wird seit Jahren gearbeitet. 2012 sollen die insgesamt 640 Beschäftigten, die bislang auf die drei Städte Stuttgart, Berlin und Bonn verteilt sind, unter ein gemeinsames Dach in Berlin kommen. Ende 2013 sollen die fusionierten evangelischen Hilfswerke möglichst reibungslos zusammenarbeiten. Stockmeier wird dann gehen, und alle Beteiligten hoffen, dass er seine Schuldigkeit getan haben wird. Man darf ihm viel Glück wünschen.

Markus Jantzer ist Redakteur bei epd-sozial in Frankfurt/Main.

Markus Jantzer

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