Lust auf Luther

Der Reformator heute
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Dieser Band hat seinen Schwerpunkt in einer philosophisch geprägten Perspektive und macht in dieser die Fruchtbarkeit des Denkens Martin Luthers auch für gegenwärtige Diskurse offenkundig.

Auf dem Weg zum Reformationsjubiläum 2017 kann es nicht nur Events geben. Vielmehr ist eine Vertiefung in die Inhalte lutherischer Theologie nötig. Eine Hilfe dazu kann der Sammelband sein, den der Frankfurter Neutestamentler Werner Zager herausgegeben hat.

Einleitend beschreibt Zager den äußeren Ablauf des Auftritts von Martin Luther 1521 in Worms und verbindet dies mit einigen Hinweisen zur Wirkungsgeschichte dieses Ereignisses. Dabei lässt er die Dialektik eines Verständnisses anklingen, wonach Freiheit ihren Grund in der Bindung an Gott findet und das gleichwohl zur aktiven Weltgestaltung ermuntert.

Luthers Kirchenverständnis: Keine Steigerung der Organisationsrationalität

Hellmut Zosch entfaltet unter Anspielung auf die aktuelle Wendung "Kirche der Freiheit" Luthers Kirchenverständnis. Dieses hat nichts mit Steigerung der Organisationsrationalität und Anpassung an demographische und finanzielle Gegebenheiten zu tun, sondern stellt eine dezidiert theologische Deutung der Kirche dar. Denn Luther ist primär nicht an Verbesserungen der Organisation, sondern daran interessiert, dass das Wort Gottes in der Kirche die Herrschaft bekommt und behält.

Johannes Schwanke zeichnet die Gesichtspunkte nach, die im Streit von Luther und Erasmus über den freien und unfreien Willen eine Rolle spielten. Er vermeidet jede Einseitigkeit, sondern prüft kritisch Leistungskraft und Grenzen des jeweiligen Standpunktes.

In zwei religionsphilosophischen Auf­sätzen wird das Verhältnis zum Deutschen Idealismus gezeichnet und die Bedeutung von Luthers Religionsbegriff für das interreligiöse Gespräch erörtert. Ulrich Wordzik sieht eine große Nähe Luthers zu dem Philosophen Immanuel Kant und den anderen Vertretern des Deutschen Idealismus, und er belegt diese These mit zahlreichen Hinweisen. Diese Darstellung würde freilich noch gewinnen, wenn die Nähe des Idealismus zu Luther durch eine Beschreibung der Differenzen konturiert würde.

Reiner Wimmer prüft in seinem Beitrag die Leistungskraft von Luthers Religionsverständnis für das interreligiöse Gespräch. Er geht von Luthers berühmter Gottesdefinition im Großen Katechismus aus, wonach der Glaube beides mache: Gott und Abgott, und der rechte Gott nur sei, wo der Glaube recht sei. Auf diesem Hintergrund ordnet er die allgemeine Gotteserfahrung und die spezifisch christliche einander zu.

Freiheitsverständnis und Neuzeit

Der Marburger Systematiker Dietrich Korsch thematisiert Luthers Freiheitsverständnis auf dem Hintergrund der Frage, ob dieses die Neuzeit eröffne oder sich zu ihr im Widerstreit befinde. In diesem Zusammenhang nimmt er ei­ne Rekonstruktion von Luthers Freiheitsverständnis vor, die es erlaubt, die Funktion von Gesetz und Evangelium subjektivitätstheoretisch auszulegen und ihr Spannungsverhältnis vernünftig zu erhellen. Seine Darstellung reformatorischer Sittlichkeit läuft auf das Phänomen gegenseitiger Beanspruchung und die darin enthaltenen humanen Interaktionsbezüge zu.

Deutlich betont Korsch, dass das Subjekt sich nicht über sein Handeln konsti­tuiere, sondern als evangeliumsbestimmtes Subjekt frei werde für die Wahrnehmung dessen, des der andere bedürfe. Korsch zeichnet so ein Bild sittlichen Handelns, in dem sich lutherische und kantische Züge wechselseitig erhellen.

Abgeschlossen wird der Sammelband mit einem umfangreichen Aufsatz von Busso Dieskamp, "Auf Martin Luthers Spuren in Worms". Eine breite Beschreibung von bildlichen Darstellungen Luthers in Worms und der besonderen Stätten, die alle zerstört sind, sowie des Luther-Denkmals von 1868, zeichnen ein eindrucksvolles Bild von der kulturgeschichtlichen Lutherrezeption der bildenden Kunst.

Dieser Band hat seinen Schwerpunkt in einer philosophisch geprägten Perspektive und macht in dieser die Fruchtbarkeit des Denkens Martin Luthers auch für gegenwärtige Diskurse offenkundig. Er ist geeignet, mit seiner spezifischen Perspektive wichtige Aspekte von Luthers Denken zu erhellen.

Werner Zager (Hg.): Martin Luther und die Freiheit. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2010, 271 Seiten, Euro 39,90.

Friedrich Hauschildt

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