Cabaret

"I Am Kloot" live
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Kreise, die sich schließen, und eine kleine Welt, aber aufregend und gefährlich genug. Und um die einzufangen, sind "I Am Kloot" eine großartige Band.

Im nächsten Song geht es um Liebe, Trinken, Wahnsinn, auf jeden Fall aber auch um Desaster. So kündigt Gitarrist und Sänger John Bramwell auf "I Am Kloot"-Konzerten oft an, was folgt. Diese Ansageliturgie ist auf ihrem ersten Livealbum "Hold Back The Night" zwar weggelassen, doch das "about desaster" ergibt sich beim Hören der zwanzig Songs auch so.

Viele stammen von "Sky at Night" (siehe zz 1/2011), dem fünften Studioalbum, das der Band aus Manchester annähernd so etwas wie einen kommerziellen Durchbruch verschaffte, viel vom Nachfolger "Let it all in", aber auch frühere sind drauf. "I Am Kloot" ist außer Bramwell die kongenial inspirierten Andy Hargreaves am Schlagzeug und Peter Jobson am Bass. Als sie 1999 im Londoner Kashmir Club ihr Live-Debut gaben, waren die aufstrebenden "Libertines" Vorgruppe. Jetzt veröffentlichte deren gefährdetes Mastermind Pete Doherty seine neue Single auf demselben Label wie sie ihr "Hold Back The Night" (Walk Tall Recordings). Kreise, die sich schließen, und eine kleine Welt, aber aufregend und gefährlich genug. Und um die einzufangen, sind "I Am Kloot" eine großartige Band. Ihre folkbasierten Songs changieren zwischen Chanson und Cinemascope-Arrangement, Film Noir, Popballade und psychedelischer Wucht und haben durchweg bezwingend schöne Melodien.

Die Dynamik ihrer Auftritte lässt die Songs besonders gut leuchten. Ein Live-Album war da überfällig. Es beginnt getragen elegisch mit "These days are Mine", dann folgt "Northern Lights", und schon sind wir mittendrin. Auf der Bühne wird geraucht, der Club ist diesig wie Edinburghs Meadows im Winter, wenn Laternenreihen im kalten Dunst als eine Allee verwischter Vollmonde dastehen. Hier treffen Erlebt- und Überstandenhaben als Parallelwelten des Aufgehobenseins aufeinander, wie das in Songs und Gedichten zu sein hat. Bramwell intoniert sie mit Nuancen von Mild, Pfeffrig und Schneidend bis zu Anmutungen von schwerem Rauch und nassem Leder, als begegneten sich Zartbitter-Ingwer-Schokolade und torfiger Single Malt. Diese Stimme hat Charakter, kennt Gewinn und Verlust. Mit Hargreaves und Jobson ist sie ein Kraftwerk. Für so eine kleine Band waren "I Am Kloot" aber eigentlich schon immer viel zu groß, und auch ihr Songmaterial ist stark - ob dramatisierende Rockballade ("Hold Back The Night") oder Cabaret-Sound, als säße Bramwell mit heiserer Stimme verloren auf einem Hocker ("Bullets"), abgeschattetes Grinsen ("To the Brink") oder zerbrechliche Lyrik ("I Still do").

Manche ihrer Songs haben etwas Unheimliches, andere sind zart bis zur liebesseligen Verzweiflung ("Because"). Starke Kost, so oder so. "Hold Back The Night" ist ein "I Am Kloot"-Geschmack, das auf Anhieb süchtig macht. Ein neues Studioalbum ist angekündigt, aber warten wir mal ab, zuletzt hatten sie es nämlich schwer miteinander.

I Am Kloot: Hold Back The Night (Walk Tall Recordings/Play It Again Sam/Rough Trade 2015) - Doppel-CD

Udo Feist

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