„Lasst Euch auf Trab bringen!“

Mutmachende Gedanken für eine eingeschüchterte Kirche
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Die evangelische Kirche scheint seit geraumer Zeit in einem Zustand tiefer Erschütterung und Verunsicherung verfangen. Das wird unter anderem daran erkennbar, dass sie „aufarbeitet“: Sie arbeitet nicht nur die Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU 6: „Wie hältst du’s mit der Kirche? Zur Bedeutung der Kirche in der Gesellschaft“), deren Zahlen verunsichern und große Zukunftssorgen bereiten, oder die sexuellen Missbrauchsfälle auf – das Ergebnis wird in einer Studie im Januar vorgestellt, deren Eintreffen mit großen Erwartungen und Befürchtungen versehen ist. Zuletzt sucht die Kirche, auch die Hintergründe und Ursachen, die kürzlich zum Rücktritt der Ratsvorsitzenden der EKD Annette Kurschus geführt haben, aufzuarbeiten. Verunsicherung und Einschüchterung könnten jedoch Lähmung bedeuten – so wird es von manchem Beobachter eingeschätzt. 

Nun ist die eingeschüchterte und verunsicherte Kirche ein bekanntes Modell – dieses führt bis zu den Anfängen des Christentums zurück. Hätte die Jesus-Bewegung in jenen entscheidenden Monaten und Jahren, die auf den Tod Jesu in den 30er Jahren des 1. Jhs. folgten, sich allerdings allein darauf beschränkt, ihre Geschichte aufzuarbeiten – sie hätte sich hinter verschlossenen Türen in Jerusalem gehalten und außerhalb ihrer selbst kaum mehr Fuß fassen können.

Klausur in der Urgemeinde

Nach allem, was wir wissen, ist die sog. Urgemeinde von großer Verunsicherung getrieben und hat sich – vielleicht sogar in jenem Raum, der als Coenaculum zum Memorialort in Jerusalem wurde – in eine Klausur begeben. In dieser inneren Klausur des Zwölfer- oder besser Elferkreises wurde die Geschichte der Jesus-Nachfolge von ihren Anfängen in Galiläa bis zu jenen Tagen, die auf die Kreuzigung Jesu folgten, aufgearbeitet. Dabei war vermutlich alles erschöpfend auf den Tisch gekommen. Es wurde besprochen, dass sie als Jüngerkreis eigentlich nicht genau wussten, wer der denn war, dem sie sich angeschlossen hatten; wie sie zwar als Gruppe und als Einzelne von ihm profitiert hatten, als er etwa ihre Familienangehörigen geheilt hatte, ihm aber kaum Dankbarkeit gezeigt hatten; dass sie ihm nicht vertrauen konnten, auch wenn sie ihn bewundert hatten; wie sie es nicht für möglich gehalten hatten, dass er zu großen Volksgruppen hatte sprechen und diese erreichen können; wie sie bezweifelt hatten, dass er für Nahrung bei den Besitzlosen hatte sorgen können; wie sie Strukturdebatten untereinander und gegeneinander geführt hatten darüber, wer unter ihnen der größte sei - nun waren sie alle verunsichert, eingeschüchtert und verlassen.

Sie redeten darüber, wie sie Jesus hatten fernhalten wollen von Hilfeleistungen gegenüber Fremden und Außenseitern, die ihnen selbst nicht genehm waren; wie sie nicht verstanden hatten, dass er Männer und Frauen gleichermaßen in seine Nachfolge gerufen hatte und gerade in den Frauen treue Begleiterinnen und zuverlässige Unterstützerinnen gewonnen hatte; wie sie es mehr als merkwürdig gefunden hatten, dass er die Kinder in ihre Mitte gestellt hatte, um zu zeigen, wie sich der Eintritt in die „Königsherrschaft Gottes“ am Zutrauen der Kinder ein Vorbild nehmen könnte; wie sie ihn wiederholt hatten davon abhalten wollen, sein Leben für seine Sache einzusetzen und es dabei zu riskieren; wie sie ihn schließlich verleugnet hatten und davon gelaufen waren, als es eng und einsam um ihn wurde, als er in jener Nacht in Jerusalem verhaftet wurde; wie sie es am Ende noch nicht einmal gewagt hatten, zu seinem Grab zu gehen und ihm die letzte Ehre zu erweisen.

Auf den Weg machen

Die Klausur des verlassenen Lenkungsausschusses der Jesus-Bewegung würde getagt haben und ein hohes Maß an Fehlerkultur offenbart und entwickelt haben – lange und mit dem Ergebnis, dass niemand mehr einen Schritt vor die Tür setzen könnte, um zu sagen: „Ja, auch ich war bei Jesus von Nazareth!“ Und tatsächlich: eine solche Klausur hat, soweit die frühchristlichen Quellen es spiegeln, stattgefunden. Die großen Gestalten in der Nachfolge Jesu – Petrus und die Zebedaiden Jakobus und Johannes – waren im Zuge der Jerusalemer Ereignisse um Jesus von Nazareth erst einmal sichtlich verstummt. Sie betrieben Vergangenheitsbewältigung und Selbstschutz. Eine Wagenburg wurde gebaut. Doch wie konnte oder würde es weitergehen – mit der „Sache Jesu“?

Jenseits des verängstigten Leitungs- und Lenkungskreises machten sich andere auf den Weg: Frauen gingen zum Grab, um dem Schweigen Taten entgegenzustellen; einzelne Männer aus dem größeren Kreis der Jesus-Bewegung führten ihr Leben weiter und verweigerten sich dabei der Einsicht nicht, dass die Sache Jesu doch weitergehen sollte. Ermutigt und bestärkt in ihrer Hoffnung, machten sie kehrt und liefen zum Ort des Geschehens, nach Jerusalem, zurück. Sie klopften laut und vernehmlich an die Tür derer, die sich dort eingeschüchtert versammelt hatten. Sollte der verstummte Kreis um Jesus von Nazareth wieder Mut fassen und glauben können, dass die Botschaft und das Wirken Jesu auch weiterhin Gültigkeit hatten? War es plausibel zu machen, dass Gott selbst die Jesus-Christus-Geschichte nicht gegen die Wand, wenn auch an die Grenzen der Hoffnung geführt hatte? 

Keinen Konflikt scheuen

Schlüssel drehten sich im Schloss, Türen wurden geöffnet – ungläubig zwar. Aber sollte man nicht doch warten, ob der, der gegangen war, nicht wieder zu ihnen kommen würde – im Geist und in Freude und Liebe und Mut? Während sie dort berieten – wir wissen nicht, wie lange –, die Tür für jene von draußen öffneten und dann genau zuhörten, was die, die von der Straße kamen, zu berichten hatten, merkten sie, dass sie eine Gemeinschaft waren, die aus der Nähe zu der Jesus-Christus-Gestalt Mut fassen und Pläne machen konnten: Sie würden, so beschlossen sie, das Haus verlassen und von Christus sprechen; sie würden über die Stadttore hinaus Menschen ansprechen wollen, die von Jesus gehört, ihm gar begegnet waren, aber nun ihr Interesse verloren hatten; sie würden auch die zu erreichen versuchen, die weiter weg waren und womöglich gar nichts wussten von jenem Jesus von Nazareth, der zum eher unangenehmen Jerusalemer Stadtgespräch geworden war.

Und während sie da noch hinter verschlossenen Türen zusammensaßen und berieten und erste Pläne machten, um über den Ort des Geschehens hinauszudenken – die Männer zusammen mit den Frauen –, war längst schon jemand anderes auf anderen Wegen unterwegs, von dem sie, wenn überhaupt, nur vom Hörensagen etwas wissen konnten. Er würde sich später Paulus nennen und die Sache Jesu Christi zu seiner Lebensaufgabe machen. Er würde schneller, als sie alle zusammen, Raum und Zeit nutzen können, um Menschen zu erreichen, um von seinem Christus-Glauben zu sprechen. Er würde unterwegs sein und reisen, Netzwerke aufbauen und all sein theologisches Wissen und rhetorisches Können zum Einsatz bringen, um bis nach Rom – in das machtpolitische Zentrum der Zeit – oder noch weiter vorzudringen. Er würde keinem Konflikt aus dem Weg gehen und nicht zuerst nach Konsens und Kompromiss suchen, sondern entschieden und nachhaltig die Verkündigung des Evangeliums vorantreiben. Das Kreuz Christi würde ihm dabei Mahnung und Verpflichtung zugleich sein. 

Blick in die Zukunft

Er würde wissen, dass Zeit und Lebenszeit wertvolle Ressourcen, aber kurz sind und entschiedenes Handeln erfordern: er würde dabei die Kriterien zur Prüfung von Wichtigem und Unwichtigem auf die Probe stellen, Priorisierungsaufgaben kennen und im Lichte des Evangeliums neu definieren. Er würde immer einräumen, ja schonungslos offenlegen, dass sein persönlicher Weg zum Apostolat uneben und belastet war. Er wäre bereit, um Christi willen zu leiden, wissend, dass er anderen zuvor Leid zugefügt hatte. Er würde sich trotzdem oder deswegen, wenn nötig, von Mitarbeitern trennen können. Er würde nie schwierige Themen – wie Sexualität und Ethik – aussparen und auf die gegenseitige Verantwortung der Christus-Glaubenden im Umgang mit ihrer Körperlichkeit hinweisen. Er würde Briefe schreiben, deren Öffentlichkeitswirkung ihm keine Angst machen. Er würde in Freimut leben und handeln – noch im Gefängnis und aus dem Gefängnis heraus.

Die evangelische Kirche steht in der Tradition aller hier genannten Gruppen, nämlich derer, die hinter verschlossenen Türen eingeschüchtert waren – es aber nicht blieben –, und derer, die ihnen Konkurrenz machten. Schon in den Anfängen der Jesus-Christus-Bewegung stellte sich die Frage: Wie lassen sich entmutigte Christus-Glaubende wieder auf Trab bringen? Von Paulus und Petrus ist im Neuen Testament zu lesen, wie sie sich im Wettlauf sehen und dem Wettlauf stellten: am Ende nicht mit- oder gegeneinander, sondern im Wettstreit mit der Zeit und der Gottesferne, in die hinein sie sprechen und die „gute Nachricht“ Gottes verkündigen wollen. Das Agon-Christentum, das – wie schon Paulus zeigt – in den Kategorien von Wettkampf denkt und spricht, führt in Konkurrenzen hinein und weicht auch dem Martyrium nicht aus. Ihm ist vor allem aber eine Athletik zu eigen, die zwar nicht zwangsläufig dazu führen kann, mit großer Leichtigkeit über Mauern zu springen, aber aus dem Antrieb lebt, „um der Sache willen“ beherzt zu arbeiten. Der Blick zurück zu den angefochtenen Ursprüngen und verunsicherten Anfängen der Jesus-Christus-Bewegung könnte einen ermutigenden Blick in eine Zukunft des Christentums eröffnen, das Raum und Zeit nicht fürchtet, sondern als den ihm eigenen Aufgabenbereich begreift.

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Eve-Marie Becker

Dr. Eve-Marie Becker ist Professorin für Neues Testament an der Evangelisch-Theologischen Fakultät an der Universität Münster und Mitglied im Kammernetzwerk der EKD und dessen Steuerungsboard.


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