Mahlzeit statt Kirchenkaffee

Gespräch mit dem Praktischen Theologen Ralph Kunz aus Zürich über die protestantische Gottesdienstkultur, ihre Stärken und Schwächen
Foto: privat
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Gottesdienste für bestimmte Zielgruppen sind im Kommen. Ralph Kunz plädiert dagegen für einen Gemeindegottesdienst, der alle anspricht und umfasst, von der Putzfrau bis zum Professor. Er bricht eine Lanze für die klassische Liturgie, möchte aber die Abendmahlsfeiern verändern.

zeitzeichen: Herr Professor Kunz, was macht für Sie einen gelungenen Gottesdienst aus?

Ralph Kunz: Gelungen ist ein Gottesdienst, wenn ich mich beteiligen kann, wenn sich in mir etwas öffnet, wenn ich so berührt werde, dass ich nicht allein bei mir bleibe, sondern einen Geschmack für das Ewige bekomme und für die "Gemeinschaft der Heiligen", die das Apostolische Glaubensbekenntnis bekennt.

Ist das, was Sie als gelungen empfinden, das Ergriffensein und die Verbindung mit Gott und den Mitchristen, unabhängig von der Form? Ist es egal, ob es sich um einen nüchternen evangelischen Predigtgottesdienst handelt oder eine Papstmesse?

Ralph Kunz: Ja. Es ist nicht von der Form abhängig, ob ich ergriffen werde. In einem Gottesdienst, in dem die Predigt im Zentrum steht, wird man ergriffen, wenn man merkt, wie der Text, der ausgelegt wird, das eigene Leben betrifft, und in einer Messe vielleicht, wenn man das Gefühl bekommt, man werde in einen anderen Raum und eine andere Zeit versetzt.

Aber das heißt doch, dass der Predigtgottesdienst in erster Linie eine Angelegenheit des Kopfes ist, oder?

Ralph Kunz: Beim evangelischen Gottesdienst geht es nicht darum, die Gottesdienstbesucher zu belehren, sondern dass Gott zu ihnen spricht. In der Mitte des Gottesdienstes, in der Predigt passiert etwas, das man durchaus mit dem vergleichen kann, was in einer römisch-katholischen Messe geschieht. Die Art und Weise, wie Protestanten von dem Wortwunder sprechen, erinnert an das Wunder der Wandlung in der römisch-katholischen Messe. In der Predigt werden aus menschlichen Worten göttliche. Und als Hörender bin ich wie bei der Spendung des Sakramentes ein Empfangender.

Aber kann man einen Predigtgottesdienst wirklich feiern? Mit feiern verbinden doch selbst Deutsche etwas Ausgelassenes.

Ralph Kunz: In der evangelischen Andachtskultur haben wir nun einmal eine Tendenz zum Stillen, Innerlichen. Und ich wünsche mir sogar, wir würden das wieder stärker entdecken und bedenken. Ich habe manchmal den Eindruck, dass in die Gottesdienststunde alles hineingepackt wird und - zumindest zum Beginn - die Sammlung zu kurz kommt.

Inwiefern ist sie wichtig?

Ralph Kunz: Der Anfang des Gottesdienstes ist eine ganz entscheidende Phase. Geübte Kirchgängerinnen und Kirchgänger sind vermutlich in der Lage, sich in kürzester Zeit zu sammeln. Aber ich stelle fest, dass zum Beispiel bei Kasualgottesdiensten die Leute mehr Zeit für die Sammlung bräuchten. Um dafür zu sorgen, brauchen Liturginnen und Liturgen allerdings eine hohe Sensibilität.

Bezieht sich das auf den Gottesdienstbeginn?

Ralph Kunz: Nicht nur. Der Gottesdienst müsste eine Erlebniseinheit sein, wie das schon die liturgische Bewegung des 19. Jahrhunderts, die so genannte ältere liturgische Bewegung gefordert hat.

Im Gottesdienst der württembergischen Landeskirche gibt es das Stille Gebet. Sollte es in evangelischen Gottesdiensten insgesamt mehr Zeiten der Stille geben?

Ralph Kunz: Wenn Stille gut eingebettet ist, kann sie etwas wie ein Aussteigen aus dem Gerede und Getue sein. Stille kann von Taizé-Gesängen begleitet sein, die ja eine meditative Wirkung haben.

Wenn Sie das Gottesdienstgeschehen in den evangelischen Landeskirchen betrachten, in Ihrem Fall dürfte das vorwiegend die Deutschschweiz betreffen, welche Defizite sehen Sie?

Ralph Kunz: In der Deutschschweiz sind die Unterschiede enorm, weil es sehr viele unterschiedliche örtliche und regionale Traditionen gibt. Sorge bereitet mir eine gewisse Kasualisierung der Sonntagsgottesdienste. Das heißt, der Sonntagsgottesdienst wird immer mehr auf bestimmte Themen und Gruppen ausgerichtet, und die reguläre klassische Liturgie wird davon überdeckt.

Zum Beispiel?

Ralph Kunz: Ich habe mich ein halbes Jahr von meiner Professur beurlauben lassen, um als Gemeindepfarrer zu arbeiten. Da ist an einem Sonntag ein Jägersonntag begangen worden, mit Bläsern und anderer Musik, und die Kirche ist voll gewesen. Beim normalen Gottesdienst am folgenden Sonntag ist die Kirche leer geblieben. Eine Woche darauf hat sie sich wieder gefüllt, weil der Jugendchor aufgetreten ist. Nichts gegen volle Kirchen. Aber der Gottesdienst lebt von einer Gemeinde, die ihn durch die Zeit trägt, so wie ein Chor durch Mitglieder, die regelmäßig zur Probe kommen und nicht nur hin und wieder.

Sie vertreten also ein recht traditionelles Bild vom Gottesdienst, dass nicht nur Gruppen zusammenkommen und miteinander feiern, sondern unterschiedliche Menschen von der Putzfrau bis zum Professor, vom Asylsuchenden bis zum Bankdirektor.

Ralph Kunz: So ist es. Mein Ideal ist der inklusive Gottesdienst. Denn es ist zutiefst christlich, Menschen nicht zu trennen, Gesunde und Kranke, Frauen und Männer, Erwachsene und Kinder, Weiße und Schwarze. Natürlich ist mir klar, dass man mit Jugendlichen Formen pflegen kann, die ihrem Lebens- und Stilgefühl entsprechen. Und ähnliches gilt für Kinder. Aber Gottesdienste für bestimmte Gruppen sollte die Ausnahme sein, die Regel dagegen der Sonntagsgottesdienst, der inklusiv ist und nicht exklusiv.

Also keine Gottesdienste für Demente wie zum Beispiel in Berlin?

Ralph Kunz: Es ist sinnvoll, dass man sechsmal im Jahr bewusst Gottesdienste mit Leuten feiert, die an den regulären Sonntagsgottesdiensten nicht teilnehmen können. Andererseits sollten sich Gemeinden aber überlegen, wie sie ihre Gottesdienste so feiern, dass an ihnen auch die Leute teilnehmen können, für die bisher Sondergottesdienste notwendig sind. Dann würden Dinge eine Rolle spielen, die allen zugutekommen. Dann würde das Abendmahl zum Beispiel nicht mehr auf eine Astronautennahrung reduziert, sondern im Rahmen eines Essens gefeiert.

Sehen Sie bei den auf Gruppen zugeschnittenen, von Ihnen "kasualisiert" genannten Gottesdiensten die Gefahr einer Verzweckung des Gottesdienstes?

Ralph Kunz: Ja, es geht in Richtung Verzweckung, Funktionalisierung. Der Gottesdienst wird zum Spielfeld der unterschiedlichen Interessen. Das führt dazu, dass bestimmte Gruppen nur einmal im Jahr in die Kirche kommen, dann, wenn ihre Gruppe im Mittelpunkt steht.

Kann man Ihren Einwand so verstehen: Der klassische Gemeindegottesdienst mit der traditionellen Liturgie befremdet den Besucher im positiven Sinn, weil ihm da etwas begegnet, was ihm im Alltag nicht begegnet, während der Zielgruppengottesdienst nur das Bekannte wiederholt oder Bekanntes festlich umrahmt?

Ralph Kunz: Ja, mein Einwand geht in diese Richtung. Wenn der Kasus im Zentrum steht, heißt das: Menschen kommen mit etwas, das sie angeht und beschäftigt. Darin besteht der "Anknüpfungspunkt" für die Begegnung mit Gott, hätte Emil Brunner gesagt, der auch einmal an der Theologischen Fakultät der Universität Zürich gelehrt hat.

Aber es ist doch gut, wenn Verkündigung an Erfahrungen von Menschen anknüpft, statt im luftleeren Raum zu agieren.

Ralph Kunz: Dass sich etwas vom Eigenen mit dem Fremden mischt, finde ich gut. Aber Liturgie ist eine Zeitzone, in der symbolisch kommuniziert wird. Mich beschäftigt, dass in die Liturgie etwas hineinkommt, das den Eigensinn des betenden Seins stört und die damit verbundene Ruhe nicht mehr aushält, sondern zudröhnt.

Das heißt, Sie lehnen zum Beispiel ab, dass Theatereinlagen und Interviews in die Liturgie eingebaut werden.

Ralph Kunz: Ich würde dann nicht mehr von Liturgie sprechen, sondern von einer religiösen Veranstaltung, die ein Publikum bedient, das durch das Fernsehen und Events gewöhnt ist, unterhalten zu werden und sich dabei zu entspannen. Das Wort "Liturgie" möchte ich für eine bestimmte Form der Begegnung mit dem Göttlichen reservieren. Man kann neben den regulären Gottesdiensten natürlich religiöse Veranstaltungen mit Unterhaltungscharakter pflegen, die auf bestimmte Gruppen eingehen, aber man sollte beide nicht vermischen.

Was unterscheidet denn die Liturgie von anderen Feiern?

Ralph Kunz: Es gibt so etwas wie eine eigene Sprache der Begegnung mit Gott, eine Formsprache, die sich mit der Schrittfolge beim Tanz vergleichen lässt. So wie es bei Salsa, Tango und Walzer unterschiedliche Schrittfolgen gibt, gibt es auch unterschiedliche liturgische Schrittfolgen. Und wer sie vermischt, fällt aus dem Takt. Liturgie ist Rhythmus, Rhythmisierung einer heiligen Zeit. Die genannten Tänze und ihre verschiedenen Schrittfolgen haben ihre Geschichte und prägen das Erleben unterschiedlich. Das gilt auch für die Liturgie. Sie ist ein formatives Geschehen, nicht nur eine Ausdruckshandlung. Und so prägt sie Gewohnheiten. Mit anderen Worten: Der klassische Gottesdienst führt mich dahin, dass ich in der tanzenden Gemeinschaft ganz bei mir bin.

Im evangelischen Gottesdienst hat der Prediger eine wichtige, hervorgehobene Stellung. Halten Sie die rhetorische Ausbildung evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer für ausreichend?

Ralph Kunz: Man kann Menschen in der Regel dazu bringen, das Potenzial, das sie haben, zu verbessern. Aber man kann aus einem schlechten Redner, einer schlechten Rednerin nicht auf einmal einen Superstar machen. Somit ist der Spielraum der Aus- und Weiterbildung von Pfarrerinnen und Pfarrern nicht so riesig, wie wir das gerne hätten. Aber die Kirchen sollten in den ersten Amtsjahren etwas mehr investieren.

In die rhetorische Ausbildung.

Ralph Kunz: Unbedingt.

Lange Zeit war Rhetorik in der theologischen Ausbildung verpönt.

Ralph Kunz: Ja, aber diese Phase ist schon länger überwunden. In der Schweiz müssen alle Vikarinnen und Vikare einen Rhetorikkurs besuchen. Aber man könnte aus den Predigerinnen und Predigern sicher noch einiges mehr herausholen.

Können, ja sollten Liturgen vom Theater lernen?

Ralph Kunz: Man kann zwischen epischem Theater, Erlebnistheater und armem Theater unterscheiden, wie das der Theologe und zeitzeichen-Autor Marcus Friedrich tut. Ich glaube, dass wir vom armen Theater sehr viel lernen können. Wenn da die Schauspieler auf die Bühne gehen, setzen sie sich nicht etwas auf. Es geht auch nicht um gute Sprüche und Tricks, wie man Emotionen schürt. Es geht vielmehr wie beim Steinmetz darum, dass man das Übrige wegschlägt, dass man weniger wird, dass man eben ärmer wird und nicht etwas aufsetzt.

Am evangelischen Gottesdienst wird kritisiert, dass er zu wenig sinnlich ist. Stimmt das?

Ralph Kunz: Ja. Unser Abendmahl strahlt wenig Freude aus. Ich bin ja nicht gegen die Formsprache der Liturgie. Aber ich würde mir eine beherztere Wende zu Formen wünschen, die stärker leibbetont sind.

Was schwebt Ihnen vor? Und was heißt leibbetont?

Ralph Kunz: Wir haben aus dem Abendmahl eine religiöse Feier mit Einzelabfertigung gemacht. Aber das Abendmahl ist mehr. Aus einer Versammlung von Gläubigen wird die Gemeinschaft der Heiligen. Die Geschichte zeigt, wie aus einem inklusiven Mahl, das an einem Tisch eingenommen wurde, ein exklusives geworden ist, weil es immer mehr in den Sog kultischer Praxis geriet, die sich auf die Wandlung der Elemente statt auf den Wandel der Gemeinschaft konzentrierte. Leibbetonte Formen stärken den Leib Christi. Hier könnte man einiges ändern.

Was?

Ralph Kunz: Die Gemeinde sollte auch miteinander essen, wie das nach der Überlieferung die Gemeinde in Korinth getan hat. Und mit dem gemeinsamen Essen würde auch das gemeinsame Teilen wieder eine gottesdienstliche Bedeutung bekommen. Dabei kann ich mir auch eine kurze Form vorstellen. Der Grundgedanke ist jedenfalls, dass alle, die am Abendmahl teilnehmen, Zelebrierende sind.

In einer Kirche kann man nicht groß miteinander essen. Das heißt, das Abendmahl, das in einem Kirchenraum gefeiert wird, kann die gemeinsame Mahlzeit doch nur andeuten, zum Beispiel durch einen Schluck Wein und ein Stück Brot, oder?

Ralph Kunz: Das ist richtig. Darum sind soziale Knautschzonen so wichtig. Vielleicht lässt sich die Feier mit einer anschließenden Mahlzeit verbinden, zum Beispiel anstatt des üblichen Kirchenkaffees. Ich denke an eine Gemeinde in Klein-Basel, die "Miteinand-Gemeinde". Sie öffnet ihre Kirche am Sonntag von neun Uhr morgens bis neun Uhr abends. Dort wird vor und nach dem Gottesdienst gegessen, getrunken und gespielt. So entsteht zusammen mit dem Gottesdienst eine inklusive Gemeinschaft, zu der immer wieder neue Leute stoßen können.

Früher wurde das Abendmahl auch in lutherischen Landeskirchen nur ein paar Mal im Jahr gefeiert - und das im Anschluss an den "Hauptgottesdienst". Heute wird es im Sonntagsgottesdienst gefeiert und oftmals monatlich. Manche würden das am liebsten in jedem Sonntagsgottesdienst tun. Was halten Sie davon?

Ralph Kunz: Viele Reformierte sind da skeptisch. Ich selber bin der Meinung, dass einmal im Monat das Minimum ist. Aber ich denke dabei nicht nur an den klassischen Abendmahlsgottesdienst, sondern wie Christian Grethlein daran, dass auch andere Formen der Mahlfeier die Gemeinschaft stärken.

Das Abendmahl spricht mehr oder weniger den Geschmacksinn an. In katholischen Kirchen kommt auch das Sehen und Riechen zum Zug, durch die Messgewänder und den Weihrauch. In manchen evangelischen Kirchengemeinden Deutschlands und in reformierten Kirchengemeinden der Niederlande haben Pfarrer den schwarzen Talar gegen eine weiße Albe mit der Stola in der Farbe des Kirchenjahres ausgetauscht. Was halten Sie von solchen Versuchen, mehr Augenfälliges in evangelische Gottesdienste zu bringen?

Ralph Kunz: Der schwarze Talar ist Konvention, und die kann man ändern. Die reformierten Kirchen der Welschschweiz wurden zum Teil von den Schwestern von Grandchamps und den Brüden von Taizé beeinflusst, und deswegen tragen dort einige Pfarrerinnen und Pfarrer weiße Alben. Ich habe nichts dagegen. Aber Talare machen Gottesdienste weder farbiger noch trauriger. Wirkliche Buntheit wächst mit der Beteiligung der Gemeinde. Da würde ich ansetzen. Wir brauchen nicht den religiösen Virtuosen, der da vorne agiert, sondern eine Gemeinde, die sich miteinander in Bewegung setzt.

Wobei müsste denn die Gemeinde stärker beteiligt werden? Bis jetzt betet und singt sie. Sollen auch die Lesungen von Gemeindemitgliedern gehalten werden?

Ralph Kunz: Ein Punkt wäre für mich die Fürbitte. Ja, man könnte einmal den ganzen Gottesdienst von der Fürbitte her neu denken, in der die Nöte der Leute zum Ausdruck kommen. Weshalb wird hier eigentlich eine Art Hochsprache gesprochen und nicht die Sprache des Herzens? In der anglikanischen Kirche ist es selbstverständlich, dass nicht der Pfarrer allein die Fürbitte hält. Oft tun das auch Mitglieder des Kirchengemeinderates. Auch beim Einsammeln der Kollekte könnte man die Gemeinde stärker beteiligen.

Sie sind in Zürich Beauftragter für den Gemeindeaufbau gewesen. Führt eine stärkere Beteiligung im Gottesdienst auch zu einer stärkeren Entwicklung einer Gemeinde, zu größerer Attraktivität und zu mehr Mitgliedern?

Ralph Kunz: Zwischen Gottesdienstentwicklung und Gemeindeentwicklung besteht eine Interdependenz. Wenn im Gottesdienst eine höhere Beteiligung ermöglicht wird, muss sich auch im Gemeindeleben etwas ändern. Sonst ist es Kosmetik. Es funktioniert letztlich nur, wenn Menschen, die im Gottesdienst ihren Glauben teilen, in der Gemeinde auch ihr Leben teilen. Und umgekehrt.

Ob man einen römisch-katholischen Gottesdienst in Lusaka oder in Luzern besucht, immer hat man es mit der Grundform der Messe zu tun, die allenfalls lokal etwas verändert ist. So kann sich der römische Katholik überall daheim fühlen, selbst wenn er die Sprache nicht versteht, die im Gottesdienst gebraucht wird. Das ist doch großartig, oder?

Ralph Kunz: Ich habe in Indonesien eine römisch-katholische Messe besucht. Da wurde mit indonesischen Instrumenten musiziert, in der Landessprache gepredigt und indonesisch getanzt. Im evangelischen Gottesdienst trug die Pfarrerin einen schwarzen Talar, und es wurde gepredigt, gesungen und gebetet wie bei uns. Das zeigt, dass die Messform ein großes Potenzial zur Inkulturation hat, gerade weil der Ritus eine größere Rolle spielt als im Predigtgottesdienst.

Aber die Grundform, die gleich bleibt, schafft bei den Besuchern, egal woher sie kommen, ein Heimatgefühl. Würde das nicht dafür sprechen, zumindest in der ganzen Deutschschweiz, von St. Gallen bis Solothurn, derselben Liturgie zu folgen?

Ralph Kunz: Wenn Sie vor hundert Jahren in Zürich einen reformierten Gottesdienst besucht hätten, hätten Sie mehr oder weniger in jeder Kirche eine vierzigminütige Predigt gehört, die von Gebeten umrahmt war. Heute könnten Sie feststellen, dass sich der reformierte Gottesdienst stark verändert, sozusagen rekatholisiert hat. Es werden Kerzen angezündet und die Psalmen im Wechsel gebetet.

Und der Pfarrer bleibt nicht, wie früher, den ganzen Gottesdienst auf der Kanzel.

Ralph Kunz: Genau. In den Sechzigerjahren hat man im Zug der Liturgiereform in Pilotgemeinden das Unservater beten lassen. Und das hat zu Protesten geführt, weil die Gemeinde das für katholisch gehalten hat. Heute gibt es keine Gottesdienstgemeinde mehr, die nicht das Unservater betet. Eine gewisse Wiedererkennbarkeit ist auch gegeben, weil das 1998 geschaffene reformierte Gesangbuch für eine gewisse Vereinheitlichung sorgt.

Welche Gottesdienstform gefällt Ihnen denn persönlich am besten?

Ralph Kunz: Sie bringen mich in Verlegenheit. Denn ich schätze unterschiedliche Gottesdienstformate. Ich bin natürlich vom reformierten Predigtgottesdienst geprägt und da zuhause. Wenn ich eine gute Predigt höre, der Liturg, die Liturgin sich zurücknimmt und die Gemeinde kräftigt mitsingt, ist das für mich ein guter Gottesdienst. Aber beim Gottesdienst geht es mir nicht nur um einen ästhetischen Genuss, sondern um die Gemeinschaft mit anderen Menschen.

Zum Beispiel?

Ralph Kunz: Ich bin seit Jahren mit Menschen aus über dreißig Nationen, darunter viele Flüchtlinge und Asylsuchende, auf einer einwöchigen Freizeit. Wir feiern dabei viele Gottesdienste, zum Beispiel jeden Morgen das Abendmahl, mal auf katholische, mal auf reformierte Weise. Und wenn beim Schlussgottesdienst zur Gabenbereitung Afrikaner trommeln und tanzen und eine Schweizerin dazu das Alphorn bläst, finde ich das unheimlich schön. Das hat etwas Eschatologisches, wenn zum Beispiel Menschen aus Eritrea und Äthiopien, miteinander feiern, deren Völker sich gegenseitig massakriert haben. Und es sind auch Nichtchristen dabei, die einfach mitfeiern.

Sie haben einmal auf den Unterschied zwischen evangelistischen und nichtevangelistischen Gottesdiensten hingewiesen. Eigentlich sollte doch jeder Gottesdienst evangelistisch, sprich: missionarisch sein, oder?

Ralph Kunz: Hilfreich finde ich Friedrich Schleiermachers Unterscheidung zwischen darstellendem und wirksamem Handeln. Das Evangelistische gehört zu Letzterem. Es zielt darauf ab, dass Nichtchristen zum Glauben kommen, sprich: dass sie Christen werden. Unsere Sonntagmorgengottesdienste sind keine evangelistischen Veranstaltungen. Kirchgänger sind ja in der Regel getauft und konfirmiert und überzeugt. Man muss sie also nicht mehr zu Christen machen, sondern ihren "Glauben reizen". Deshalb sind Gottesdienste eine Einladung, betend, singend und segnend den Glauben zu üben. Gleichzeitig formen sie den Glauben. Kirchenferne Menschen sind darin ungeübt. Evangelistische Veranstaltungen wollen darum zuerst Überzeugungsarbeit leisten. Sie kommunizieren das Evangelium in alltagsnahen Gefäßen wie Theater und Interviews. Sie machen das unterhaltsam und lehrreich. Betend, singend und segnend feiern ist aber etwas anderes. Aber warum soll das eine nicht zum anderen führen?

Das Gespräch führten Kathrin Jütte und Jürgen Wandel am 27. August in Zürich.

Ralph Kunz ist seit elf Jahren Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität Zürich. Der 50-Jährige studierte in Basel, Zürich und Los Angeles. In Bonn habilitierte er sich mit einer Arbeit über den evangelisch-reformierten Gottesdienst. Kunz war auch Beauftragter der evangelisch-reformierten Kirche des Kantons Zürich für den Gemeindeaufbau.

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