Urzelle des Völkerstrafrechts

Vor siebzig Jahren begannen die "Nürnberger Prozesse"
Modernste Museumspädagogik im Einsatz: Die Gedenkstätte "Memorium Nürnberger Prozesse" wurde im Jahr 2010 im Dachgeschoss des Gerichtsgebäudes eingerichtet. Foto: Timm Schamberger
Modernste Museumspädagogik im Einsatz: Die Gedenkstätte "Memorium Nürnberger Prozesse" wurde im Jahr 2010 im Dachgeschoss des Gerichtsgebäudes eingerichtet. Foto: Timm Schamberger
Nürnberg war für die Nazis von zentraler Bedeutung. Hier begannen im November 1945 die Prozesse gegen die prominentesten deutschen Naziverbrecher. Besonders Touristen aus den USA interessieren sich heute für das Gerichtsgebäude. Die Journalistin Barbara Schneider ist in den Räumen von damals auf Spurensuche gegangen.

Nürnberg, 21. November 1945. Im Saal 600 des Justizpalastes tritt Robert H. Jackson an das Rednerpult. Jackson, schwarzer Frack, Brille, ist Chefankläger im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess. Deutlich und mit fester Stimme beginnt er zu sprechen: "Die Untaten, die wir zu verurteilen und zu bestrafen suchen, waren so ausgeklügelt, so böse und von so verwüstender Wirkung, dass die menschliche Zivilisation es nicht dulden kann, sie unbeachtet zu lassen, sie würde sonst die Wiederholung solchen Unheils nicht überleben." In Filmaufnahmen aus dieser Zeit ist zu sehen, wie er die Hand auf sein Redemanuskript legt und sich von den Angeklagten leicht weg hin zur Richterbank dreht. Mit starrer Miene, die Kopfhörer für die Übersetzung auf den Ohren, hören die Angeklagten zu.

Verwunderte Touristen

Rund siebzig Jahre später. Es ist Freitag. Drei amerikanische Touristen bezahlen an der Kasse den Eintritt und steigen die steile Steintreppe hinauf in den ersten Stock. An der Tür zum Schwurgerichtssaal bleiben sie verwundert stehen. Keine Dolmetscherplätze und Pressetribüne, keine historischen Flaggen oder alte Mikrophone. Der Saal ist kleiner als zur Zeit der Nürnberger Prozesse, das historische Mobiliar entfernt. Die Richterbank steht nicht mehr - wie auf historischen Aufnahmen zu sehen - vor der Fensterfront, sondern an der Stirnseite des Raums. An der Wand hängt ein mannshohes Kruzifix. Und doch, dieser Raum ist zweifelsfrei der Saal 600. Die Holzvertäfelung, die schwarzen Schmuckornamente, der Aufzug, mit dem die Gefangenen damals in den Gerichtssaal gebracht wurden, - all das erinnert an die Nürnberger Prozesse. Viele US-amerikanische Touristen machen auf ihren Kreuzfahrten auf dem Main-Donau-Kanal Jahr für Jahr in Nürnberg halt, um genau diesen Saal zu besichtigen.

Foto: Timm Schamberger
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Die Bank der Angeklagten.

Foto: Timm Schamberger
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Bauarbeiten vor Beginn des Prozesses.

Hier im Justizgebäude in der Bärenschanzstraße 72 begann am 20. November 1945 der erste von insgesamt 13 Nürnberger Prozessen, die bis 1949 dauerten. Zwei Tage zuvor hatte der Internationale Militärgerichtshof das Strafverfahren gegen ranghohe Vertreter des nationalsozialistischen Terrorregimes sowie sechs nationalsozialistische Organisationen eröffnet. 22 Politiker, Militärs und NSDAP-Funktionäre mussten sich in Nürnberg verantworten. Reichsmarschall Hermann Göring, lange Zeit Hitlers designierter Nachfolger, saß auf der Anklagebank, ebenso wie der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, Wilhelm Keitel, Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop und Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß. Martin Bormann, Leiter der NSDAP-Parteikanzlei, wurde in Abwesenheit verurteilt. Die Anklage lautete: Verschwörung gegen den Weltfrieden, Führung eines Angriffskrieges, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Gewaltiges Medieninteresse

Das internationale wie nationale Interesse an dem Prozess war gewaltig. Medienvertreter aus aller Welt waren in die Stadt der einstigen Reichsparteitage gekommen. Für die "Neue Zeitung" in der amerikanischen Besatzungszone saß Erich Kästner als Berichterstatter im Gerichtssaal. In einem Artikel vom 23. November 1945 notierte der Schriftsteller: "Die Scheinwerfer an der Decke strahlen auf. Alle erheben sich wieder. Die Männer in der eingebauten Rundfunkbox beginnen fieberhaft zu arbeiten. Aus fünf hoch in den Wänden eingelassenen Fenstern beugen sich Photographen mit ihren Kameras vor. Die Pressezeichner nehmen ihre Skizzenblocks vor die Brust. Der Vorsitzende des Gerichts eröffnet die Sitzung." Kästner fügte hinzu: "Jetzt sitzen also der Krieg, der Pogrom, der Menschenraub, der Mord en gros und die Folter auf der Anklagebank. Riesengroß und unsichtbar sitzen sie neben den angeklagten Menschen.

Foto: Timm Schamberger
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Luftaufnahme des Komplexes 1945.

Foto: Timm Schamberger
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Informationstafel über die Angeklagten im "Memorium".

Zwischen 1.000 und 2.000 Menschen waren 1945 im Nürnberger Justizpalast beschäftigt. Angefangen beim Wachpersonal über Dolmetscher, Gerichtssekretäre bis hin zu Verteidigern, Anklägern und Richtern. Wie viele Menschen es genau waren, kann heute niemand mehr sagen. Es war ein Mammutprozess: mit 218 Verhandlungstagen, rund 140 geladenen Zeugen und zahlreichen Fotografien und NS-Propagandamaterial. Gezeigt wurden während des Prozesses auch Filmaufnahmen, die die Alliierten bei der Befreiung der Konzentrationslager gedreht hatten. Am Ende des Prozesses standen zwölf Todesurteile, sieben Freiheitsstrafen und drei Freisprüche.

"Die Ankläger wollten den kriminellen Charakter des nationalsozialistischen Regimes an sich und nicht lauter Einzelverbrechen ahnden. Ziel war es, die Angeklagten zu überführen anhand von ihnen selbst unterschriebenen Dokumenten", sagt Henrike Claussen. Sie ist Kuratorin der Gedenkstätte "Memorium Nürnberger Prozesse", die vor fünf Jahren im Dachgeschoss des Justizgebäudes eröffnet wurde. Gerade organisiert Claussen die Veranstaltungen, die zum siebzigsten Jahrestag des Prozessbeginns in Nürnberg stattfinden sollen, sie kontaktiert die letzten noch lebenden Zeitzeugen, lädt zu Podiumsdiskussionen ein.

Stadt der Reichsparteitage

Die Geschichte Nürnbergs ist eng mit dem Nationalsozialismus verbunden. In der Stadt inszenierte Adolf Hitler seine Reichsparteitage, hier wurden 1935 die antisemitischen Rassengesetze ausgearbeitet. In Nürnberg publizierte auch Julius Streicher, der Gauleiter der Nazis in Franken, sein antisemitisches Hassblatt "Der Stürmer". Es scheint auf der Hand zu liegen, dass die Alliierten sich 1945 genau diese Stadt für die Prozesse ausgesucht haben.

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Sonderausgabe der Süddeutschen Zeitung zur Urteilsverkündigung am 1. Oktober 1946. Das Medieninteresse an den Prozessen war gewaltig. Auch Erich Kästner berichtete für die "Neue Zeitung".

Dem entgegnet Claussen: "Tatsächlich ist es so, dass wir kein offizielles Dokument kennen, das diesen symbolischen Grund anführt." Die Alliierten waren sich zunächst uneinig, in welcher Besatzungszone der Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher geführt werden sollte. Die Sowjetunion wollte den Prozess in Berlin, die Amerikaner drangen auf ihre Besatzungszone. Schließlich einigte man sich auf einen Kompromiss: Der permanente Sitz des Internationalen Strafgerichtshofs kam nach Berlin unter sowjetischem Vorsitz, der erste Prozess fand im Gegenzug in der amerikanischen Besatzungszone statt. Das Deutsche Museum in München und auch das Stadttheater in Bad Kissingen standen damals als Prozessorte zur Diskussion, sagt Claussen. Dass die Wahl letztlich auf Nürnberg fiel, lag vor allem an der Infrastruktur - ausreichend Platz, um die vielen Mitarbeiter unterzubringen und zu verpflegen, intakte Verkehrswege und ein Flugplatz in der Nähe. Hinzu kam: Der Gefängnistrakt, in dem die Angeklagten inhaftiert waren, lag direkt nebenan.

Bei ihrem Rundgang durch Gerichtssaal und Gedenkstätte bleibt Henrike Claussen im Dachgeschoss des Justizgebäudes vor einem Fenster stehen. Sie zeigt hinaus, dorthin, wo einst der Gefängnistrakt lag, in dem vor siebzig Jahren die NS-Elite inhaftiert war. Viel ist von den historischen Gebäuden nicht mehr zu sehen: Weder der Zellenflügel, noch der hölzerne Gang, in dem die Gefangenen von der Öffentlichkeit abgeschirmt ins Justizgebäude geführt worden, stehen noch. Auch die Gefängnisturnhalle, der Ort der Hinrichtungen, ist inzwischen abgerissen. Lediglich das Backsteingebäude, in dem die Gefängniskapelle und die Krankenstation eingerichtet worden war, existiert noch.

Das Gelände hinter dem Justizpalast ist heute allerdings nach wie vor Justizvollzugsanstalt. Und nach wie vor wird an mehreren Tagen in der Woche Saal 600 für Prozesse genutzt. Dann werden hier Kapitalverbrechen verhandelt. Und auch, wenn in Nürnberg für eine Verhandlung viel Platz gebraucht wird, wird der Schwurgerichtssaal genutzt, sagt Claussen. Das ist bei großen Wirtschaftsprozessen der Fall. Der Siemens-Prozess oder auch der so genannte GFE-Prozess, bei dem es um millionenschweren Betrug um Blockheizkraftwerke ging, fanden hier statt.

Braunes Erbe

Siebzig Jahre nach Ende der NS-Diktatur setzt sich die Stadt Nürnberg intensiv mit ihrer Vergangenheit auseinander. In der Innenstadt hat der israelische Bildhauer Dani Karavan eine "Straße der Menschenrechte" geschaffen, eine Gasse aus 27 Betonsäulen, in die die Artikel der Menschenrechtserklärung eingemeißelt sind. Einmal im Jahr verleiht die Stadt zudem einen Internationalen Menschenrechtspreis. Das ehemalige Reichsparteitagsgelände ist heute ein Dokumentationszentrum, in dem die braune Geschichte der Stadt aufgearbeitet wird. Das war nicht immer so, lange Jahre hat sich die Stadt schwer getan mit dem nationalsozialistischen Erbe.

Foto: Timm Schamberger
Foto: Timm Schamberger

Der umgebaute Gerichtssaal 600 heute. Viele Touristen, vor allem aus den Vereinigten Staaten von Amerika, kommen Jahr für Jahr hierher, um sich über die Nürnberger Prozesse zu informieren.

Foto: Timm Schamberger
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Sie leitet das "Memorium Nürnberger Prozesse": die Historikerin Henrike Claussen.

Für die Geschichte des Völkerrechts spielen die Nürnberger Prozesse eine bedeutende Rolle: "Nürnberg ist die Wiege dessen, wie wir heute versuchen, mit systematischen Menschenrechtsverletzungen umzugehen", urteilt Kuratorin Claussen. Der erste Nürnberger Prozess begründet die Praxis des Völkerstrafrechts. Ohne die Prinzipien von Nürnberg, die die Vereinten Nationen bereits 1946 zu allgemeinen Völkerrechtsprinzipien erklärt hatten, ist der 2002 eingerichtete Internationale Strafgerichtshof in Den Haag, sind Ad-hoc-Strafgerichte wie zu den Verbrechen während der Jugoslawienkriege nicht denkbar. Das "Versprechen von Nürnberg", wie es Chefankläger Robert H. Jackson in seiner Eröffnungsrede formuliert hat, ist heute aktueller denn je: "Wir dürfen niemals vergessen, dass nach dem gleichen Maß, mit dem wir die Angeklagten heute messen, auch wir morgen von der Geschichte gemessen werden", sagte Jackson damals.

Text: Barbara Schneider / Fotos: Timm Schamberger

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