Bibel und Schweine

Besuch bei dem niederländischen Maler Kees de Kort
Kees de Kort - Wer seine Bilder sieht, weiß: Er hat den biblischen Figuren ein Gesicht gegeben. Foto: Sylvia Lederer
Kees de Kort - Wer seine Bilder sieht, weiß: Er hat den biblischen Figuren ein Gesicht gegeben. Foto: Sylvia Lederer
Kees de Kort verpasste Jesus und den Jüngern Sandalen, er zog ihnen Hänge-Gewänder an, die in die Landschaft des Nahen Ostens und zur damaligen Lebenswelt passen. Die Journalistin Annette Birschel besuchte den niederländischen Maler in seinem Atelier in Bergen an der Nordsee.

Josef und Maria kommen aus den Niederlanden. Genauer gesagt aus dem idyllischen Künstlerdorf Bergen. Ihr Schöpfer ist Kees de Kort. Wenn der niederländische Maler und Illustrator so etwas hört, grinst er leicht und zuckt gleichmütig mit den Schultern. Solche großen Worte passen nicht zu dem Mann in Jeans und Pulli, der stets so relaxed scheint, als käme er gerade von einem Spaziergang am nahegelegen Strand zurück. "Na ja, man kann auch übertreiben", sagt er nur.

Kees de Kort - nur wenige kennen seinen Namen. Doch wer seine Bilder sieht, eben etwa das von Maria und Josef mit dem Esel auf dem Weg nach Bethlehem, sagt sofort: "Ach der! Natürlich." Denn der Niederländer hat den biblischen Figuren Gesichter gegeben, für Generationen von Kindern.

Freundliche Gesichter

Es sind freundliche Gesichter, rund und mit großen dunklen Augen. Kees de Kort verpasste Jesus und den Jüngern Sandalen, er zog ihnen Hänge-Gewänder an, die in die Landschaft des Nahen Ostens und zur damaligen Lebenswelt passen. Er malt so, wie Kinder die Geschichten erleben. Doch nie kindisch und schon gar nicht kitschig. Das macht bis heute die ungeheure Anziehungskraft seiner Illustrationen aus.

Der Künstler wohnt und arbeitet seit über fünfzig Jahren im idyllischen, knapp 30.000 Einwohner zählenden Bergen an der Nordsee - einst, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, eine berühmte Künstlerkolonie der so genannten "Bergener Schule". De Kort, der ursprünglich aus Nijkerk in der Mitte der Niederlande stammt, zog nach seinem Kunststudium in Amersfoort, Utrecht und Amsterdam aus Liebe zu seiner Frau in deren Elternhaus nach Bergen. Das Paar hat zwei ebenfalls künstlerisch tätige Söhne. Vor wenigen Monaten feierte de Kort seinen 80. Geburtstag.

Foto: Sylvia Lederer
Foto: Sylvia Lederer

Blick in sein Atelier: Seit den Achtzigerjahren malt er immer wieder Schweine. Er ist fasziniert von diesen Tieren.

Hinter der kleinen Backstein-Villa aus den Zwanzigerjahren steht im leicht verwunschenen Garten ein Häuschen. Doch beim Eintritt folgt die Überraschung: Ein weiter und hoher Raum, der durch die großen Glasfenster in der Decke selbst bei holländischem Schmuddelwetter hell erleuchtet ist: Das Atelier des Künstlers.

Papier, Pinsel, Paletten

Auf einem Schreibtisch steht ein Computer, darüber Regale mit vielen Büchern und Papieren. Überall an den Wänden stehen Bilder. Zeichnungen liegen in den Schubladen großer Schränke. Darauf liegen Paletten, Farbtuben, Papier und Skizzen, Pinsel. Und mittendrin - ein Schwein.

Es ist groß, hat einen knallroten Kopf und ist alles andere als lieblich. "Parma-Schwein mit Stresssymptomen", ist der Titel. Der Maler lacht, die wachen Augen hinter der kleinen Brille funkeln. Viele Besucher sind total verblüfft, wenn sie seine Schweinebilder sehen. "Das erwartet man nicht von einem Bibel-Illustrator."

Doch er malt schon seit den Achtzigerjahren immer wieder Schweine. "Ich bin fasziniert von diesen Tieren", sagt er. Aber warum? Er kann es kaum erklären. "Sie sind einfach so, wie sie sind", versucht er es doch. "Schön dreckig und tragisch."

Schnell geht er zur Wand seines Ateliers und zieht aus den dort stehenden Bildern andere hervor. Noch mehr Schweine: im großen Format, pralle Farben. Es sind dramatische Bilder, beunruhigend und konfrontierend. Auf einem hängen Dutzende Würste aus dem Bauch des Tieres. Ein anderes hat keinen Kopf. Man sieht nur das Hinterteil mit blutroten Streifen. "Schweine leiden", sagt er. "Doch niemand nimmt das wahr, obwohl wir doch ihre Schinken sehr genießen." Der Maler selbst auch, gibt er zu. Er ist sicher kein Aktivist, noch nicht einmal Vegetarier. "Aber die Tragik dieser Tiere spricht mich sehr an."

Foto: Sylvia Lederer
Foto: Sylvia Lederer

In Bergen lebt der Maler und Illustrator. Hier wohnt er im Elternhaus seiner Frau.

Foto: Sylvia Lederer
Foto: Sylvia Lederer

Idyllisch gelegen: Bergen war zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts eine berühmte Künstlerkolonie.

Schweine und Bibel - das geht wunderbar zusammen für den 80-Jährigen. Vielleicht weil es so große Gegensätze sind? Wer die Bilder von Kees de Kort kennt, sieht aber auch Gemeinsamkeiten: Dramatik und eine gewisse Melancholie.

Den Großteil seiner Arbeitszeit - etwa zwei Drittel - aber widmet er den Bibel-Bildern. Und das mit Leidenschaft. "Es sind einfach wunderschöne Geschichten", sagt er. Angefangen hatte es 1965 mit einem Wettbewerb. Die niederländische Bibelgesellschaft wollte eine Bilderbibel für geistig behinderte Kinder herausgeben. Ein hochrangig besetztes Expertenteam von Psychologen, Theologen und Kunstexperten sollte entscheiden. "Die waren sehr kritisch", erinnert sich der Maler heute leicht spöttisch. Und man kann sich kaum vorstellen, dass er sich davon beeindrucken ließ.

Nein, eher muss es damals, vor fünfzig Jahren, wie bei David und Goliath zugegangen sein. Da war auf der einen Seite Goliath: die geballte Fachkompetenz mit sicherlich sehr vielen beeindruckenden akademischen Titeln. Im Vergleich dazu muss der damals 30-jährige Maler und Zeichenlehrer wie David gewirkt haben.

Kindern auf die Finger geschaut

Kees de Kort scherte sich wenig um das Expertenwissen. Um kindgerechte Bilder zu schaffen, so meinte er, müsse man den Kindern auf die Finger schauen. "Sie malen von unten aus und stellen alles auf einer Linie nebeneinander, ohne Perspektive." Genau das tat er auch. Den Wettbewerb gewann er auf Anhieb - natürlich.

Bis heute malt er nach diesem Prinzip: Fast zweidimensional. Seine Figuren skizziert er, so scheint es, mit nur wenigen Strichen. Und doch sind sie, ihre Emotionen und ihre Bedeutung in der jeweiligen Geschichte für jeden auf Anhieb erkennbar.

Foto: Sylvia Lederer
Foto: Sylvia Lederer

Zeichnungen liegen in den Schubladen großer Schränke. Darauf liegen Farbtuben, Papier, Skizzen und Pinsel.

Foto: Sylvia Lederer
Foto: Sylvia Lederer

Das Atelier.

Zum Beispiel David und Goliath. Bei ihm hat selbst der Riese freundliche Augen, doch seine ganze Statur und Haltung macht ihn zur Bedrohung. Dann, in einem weiteren Bild, liegt Goliath von Davids Stein getötet am Boden. Wie ein Berg, die Augen geschlossen, eine Hand auf dem massigen Bauch, als ob er schliefe. Blut oder ein verzerrtes starres Gesicht sind unnötig. "Jedes Kind weiß auch so, dass der mausetot ist."

Zweidimensional

Diese Art der Darstellungen bedeutete damals einen radikalen Schnitt in der Bibel-Illustration für Kinder. Experten sprechen von einer "totalen neuen Ikonographie" durch den Niederländer. Bis in die Sechzigerjahre wurden die Geschichten vor allem mit Bildern im Renaissance-Stil illustriert, erhaben und realistisch. Seine Figuren aber entsprechen keinem Klischee und lassen der Phantasie der Kinder großen Raum.

Die niederländische Bilderbibel Was uns die Bibel erzählt wurde ein Mega-Erfolg und in 65 Ländern verbreitet. Seine Illustrationen sprachen zur Verwunderung vieler nämlich nicht nur geistig behinderte, sondern alle Kinder an.

Das war der Durchbruch für den Illustrator de Kort. Weitere Bibelausgaben folgten. Auf den Regalen in seinem Atelier stehen einige Exemplare. In vielen Sprachen und Formaten. Deutsch, Englisch, Norwegisch oder Portugiesisch. Dicke Bibeln bis zum Pixi-Buch. Sogar ein Memory-Spiel wurde aus seinen Bildern gemacht.

Besonders in Deutschland ist Kees de Kort unangefochten der beste Bibelillustrator. Seine Werke werden ausgestellt und mehrfach ausgezeichnet, sogar in der damaligen DDR gewinnt er einen Preis für das schönste Buch des Jahres. Darauf ist er richtig stolz.

Foto: Sylvia Lederer
Foto: Sylvia Lederer
Foto: Sylvia Lederer
Foto: Sylvia Lederer

Auf den Regalen in seinem Atelier stehen einige Exemplare seiner Bibelausgaben.

"Aber hier in den Niederlanden werde ich ignoriert", sagt er ein wenig bitter. Selbst wenn er gar keine "Berufung" hat, wie er sagt.

Das hat vor allem mit dem Thema zu tun. "In Deutschland ist die Bibel eine Institution, in den Niederlanden aber eine Ideologie." Das hängt eng mit der jüngeren Geschichte des Landes zusammen. Bis in die Sechzigerjahre hinein hatten die Kirchen das Leben der Niederländer weitgehend bestimmt. Die Befreiung von dieser Bevormundung, die viele als sehr traumatisch erfahren hatten, war in dem einst stark reformierten Land weitaus radikaler als etwa in Deutschland. Heute sind die Niederlande eines der säkularsten Länder Europas. Die Folgen spürt nun Kees de Kort: "Der Glaube ist hier suspekt."

Biblisches Alter

In seiner Heimat wurde er zu seinem 80. Geburtstag kaum von einer breiten Öffentlichkeit gewürdigt. Das enttäuscht ihn nicht, sagt er, und das nimmt man ihm ab. Denn er selbst ist höchstens amüsiert über dieses mehr als biblische Alter. Jeden Tag arbeitet der Niederländer für Stunden in seinem Atelier an neuen Illustrationen zu biblischen Geschichten, an Auftragswerken oder eigenen Gemälden wie der Schweine-Serie. "Man muss doch eine Aufgabe im Leben haben", sagt er gleichmütig. Routine ist ihm ebenso fremd wie das Wort "Ruhestand". Aber er weiß auch, dass sein Beruf ein Vorrecht ist. "Ich habe bei allem, was ich bisher gemacht habe, unglaublich viel Spaß gehabt."

Text: Annette Birschel / Fotos: Sylvia Lederer

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung