Von Übach nach Bogotá

Warum sich die Menschen in der Gemeinde San Mateo auf den ersten Advent freuen
Auf dem Spielplatz des Kinderhorts fühlen sich die Kinder sicher und können toben. Foto: Antonio J. Bonilla
Auf dem Spielplatz des Kinderhorts fühlen sich die Kinder sicher und können toben. Foto: Antonio J. Bonilla
Auf einem Andenplateau in 2.600 Meter Höhe liegt Bogotá, die neue Heimat von Pfarrer Thomas Reppich und Ehefrau Christel. Anderthalb Jahre war die evangelisch-lutherische Gemeinde San Mateo in der kolumbianischen Hauptstadt auf Aushilfspfarrer angewiesen, erst vor einem Jahr konnte die EKD den rheinischen Gemeindepfarrer für sechs Jahre verpflichten.

Die Umstellung von einer Kleinstadt wie Übach-Palenberg (Nordrhein-Westfalen) mit 25.000 Einwohnern nach Bogotá mit zirka zehn Millionen ist eine Herausforderung. Christel und Thomas Reppich war ein wenig mulmig zumute, als sie sich im vergangenen Jahr aus ihrer rheinischen Kirchengemeinde nahe der niederländischen Grenze verabschiedeten, ihren Hausstand auflösten und in einen Container packten, um ihn nach Übersee zu verschiffen. Was eignet sich für ein Leben in Kolumbien, was bleibt in Deutschland? Bücher, DVDs mussten mit, um lange Abende zu verkürzen und füllen nun viele Regale. Große Sofas, Sessel, Teppiche und Bilder machen das Pfarrhaus heimisch, das schon einige Pfarrfamilien vor ihnen beherbergte.

Eine Oase

Am Fuß eines Berges im Norden von Bogotá liegt San Mateo, deutsch Sankt Matthäus, die evangelisch-lutherische Gemeinde, umgeben von eleganten Hochhäusern, im Viertel der wohlhabenden Schicht der Stadt. Da sie keinen hohen Kirchturm hat, ist sie leicht zu übersehen. Das Herz von San Mateo befindet sich hinter einem großen schwarzen Tor, ringsum eine hohe Mauer, darauf Stacheldraht und Überwachungskameras, die Klingel neben dem Tor. Unwillkürlich denkt der Ankommende an Martin Luther: "Ein feste Burg ist unser Gott". Doch welche Überraschung, eine Oase mitten in der Metropole. Schließt sich das Tor, bleibt die Hektik der südamerikanischen Stadt draußen, durchatmen. Das Paradies liegt nur wenige Meter entfernt von der "Septima", einer sechsspurigen Straße, über die Tag und Nacht der Verkehr braust.

Foto: Antonio J. Bonilla
Foto: Antonio J. Bonilla

San Mateo: Hier kann man der Hektik der Millionenstadt Bogotá entfliehen.

Foto: Antonio J. Bonilla
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Erntedankfest in der deutschen evangelischen Gemeinde San Mateo in Bogotá.

Hinter der Mauer verebbt der Lärm. Da es dicht am Äquator keine Jahreszeiten gibt, blühen in einem großen Garten die exotischen Blumen und Sträucher um die Wette, bunte Vögel schwirren umher. Das Gemeindehaus, Wohnhaus und die Kirche stehen in einem lockeren Ensemble. "Aqui vive un cura" steht an der Tür: "Hier wohnt ein Pastor". Wichtige Lektion: "Aqui vive un pastor" würde heißen: "Hier wohnt ein Schäferhund". Im Fall der Reppichs ein Border-Collie namens Paula, der jeden, der heute zum Erntedankfest kommt, freudig begrüßt.

Üppige Fülle

In der Kirche, vor dem Altar, entfaltet sich die üppige Fülle Kolumbiens: Mangos, Ananas, Papayas, Grenadillas, Platanas liegen hier, es leuchten zwei bunte Tücher, eine Handarbeit der Kuna-Indianer. Heute feiern viele Kinder den Gottesdienst mit und Pfarrer Reppich lässt sich von einem Bauchredner unterstützen, er und seine Puppe sprechen ein Kauderwelsch aus Spanisch und Deutsch zum Vergnügen aller. Die Gemeindeglieder sind mindestens zweisprachig, die Gottesdienste auch. Mit durchschnittlich sechzig hat Thomas Reppich hier jeden Sonntag mehr Besucher als in seiner rheinischen Gemeinde, und es geht heute im Familiengottesdienst lebendiger zu, die Kinder laufen durch die Kirche, ganz still wird es nie. Hinterher hat es keiner eilig nach Hause zu kommen, auf einer Terrasse unterhält man sich angeregt bei einem kleinen Imbiss, bei feinem kolumbianischen Kaffee und würzigem Kakao, auch Neuankömmlinge finden sich schnell in ein Gespräch verwickelt.

Foto: Antonio J. Bonilla
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Lebendige Geschichte: Die 96-jährige Ilse Rössler berichtet im Erzähltreff aus ihrem Leben.

Foto: Antonio J. Bonilla
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Vor dem Gottesdienst probt der Chor gemeinsam mit dem Organisten Markus Meier.

Es gibt viel zu erzählen. Manche Gäste können sich gut an die Gründung der Gemeinde vor sechzig Jahren erinnern, was einiges über die Altersstruktur der 328 Gemeindeglieder aussagt. Sie kamen als Kinder mit ihren Eltern in der Zeit der großen Auswanderungswellen nach den Weltkriegen nach Kolumbien. Fünf deutschsprachige evangelisch-lutherische Gemeinden wurden damals gegründet, heute existiert neben San Mateo lediglich die Gemeinde St. Martin in Cali, die ebenfalls von Pfarrer Reppich betreut wird. Viele Deutsche in Kolumbien fühlten in den Neunzigerjahren wegen der bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen, Gewalt und Drogenkriege ihre Existenz bedroht, sie verließen wieder das Land, gingen in die USA, die Schweiz oder zurück nach Deutschland. In den vergangenen acht Jahren zeichnet sich eine Veränderung ab. Die Regierung unter Präsident Santos ist stabil, seine Friedensgespräche zeigen Erfolg, und damit wächst die Sicherheit. Die, die geblieben sind, sehen eine positive Entwicklung und Perspektiven in der expandierenden Wirtschaft.

Missionarisch tätig

Dennoch reduzierte sich seit Gründung der Gemeinde die Zahl der Mitglieder um mehr als die Hälfte, die jüngere Generation heiratet Kolumbianer und konvertiert häufig zum Katholizismus. Obschon die Gemeinde aktuell nicht in ihrer Existenz gefährdet ist, möchte man die jungen Leute binden und neue dazu gewinnen. Also gilt es bei den Neuankömmlingen, die häufig in Schulen, Instituten oder Botschaften arbeiten, missionarisch tätig zu sein. Vierzehn Neuzugänge hat Pfarrer Reppich in diesem Jahr gewonnen.

Foto: Antonio J. Bonilla
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Christel Reppich legt noch einmal Hand an: Das Beffchen muss sitzen.

Foto: Antonio J. Bonilla
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"Aqui vive un cura" - "Hier wohnt ein Pastor" steht am Eingang zu San Mateo.

San Mateo ist mit der Evangelischen Kirche in Deutschland und dem Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund verbunden und eine anerkannte Gemeinde des Lutherischen Weltbundes. In dem zu 90 Prozent katholisch geprägten Kolumbien gibt es eine enge Zusammenarbeit mit der deutschsprachigen katholischen Gemeinde St Michel in Bogotá und auch mit der katholischen Nachbargemeinde. Der evangelische Pfarrer ist Mitglied der ökumenischen Kommission und neben gemeinsamen Gottesdiensten und Bibelwochen hat Reppich drei Paare ökumenisch getraut. Er weiß zu schätzen, dass ihm hier, trotz aller organisatorischer Aufgaben, genug Zeit bleibt für seine Kernaufgaben, wie Beratung und Seelsorge und darüber hinaus die notwendige Ruhe für Sterbe- und Trauerbegleitung. Die Uhren ticken in Kolumbien etwas langsamer.

Gelungene Ökumene

In der vielfältigen Gemeindearbeit in San Mateo engagieren sich Honorarkräfte und freiwillige Helfer. Ähnlich wie in Deutschland gehören Bastel- und Literaturkreise, Filmabende, Bibelkreise, Lady's Treff und Nachmittage der Begegnung zum Gemeindeleben. Anders sind das Ambiente, kolumbianisches Essen und vor allem die Schicksale, von denen einige direkt den Romanen Garcia Márquez' entsprungen scheinen. Besonders beliebt ist der monatliche Wander-Sonntag mit Gottesdienst, entweder auf eine der Fincas der Gemeindemitglieder, in die herrliche Bergwelt Kolumbiens oder hinunter in die nächste Klimazone, die Tierra Caliente, die heiße Tropenwelt.

Foto: Antonio J. Bonilla
Foto: Antonio J. Bonilla

Im Barrio stehen heute Steinhäuser, wo ehemals Blech- und Papphütten ohne Fundament zu finden waren.

Bei all dem ist die Frau des Pfarrers stets eingebunden. Ihr liegt die ältere Generation am Herzen, aus der ja die Gemeinde überwiegend besteht. So engagiert sich Christel Reppich am geplanten Umbau des Vikarshauses in ein "Haus der Generationen", um den Senioren so etwas wie eine Tagesstätte und Zimmer auf Zeit anzubieten.

Projekt für Kinder

Die Arbeit mit Kindern ist dem 54-jährigen Thomas Reppich besonders wichtig. Sieben Konfirmanden und zwei Täuflinge hatte er in diesem Jahr. Zu seinen Aufgaben gehört es auch, am Colegio Andino, der deutschen Schule, Religion zu unterrichten. Und mit einem neuen Projekt gelang es, 25 Kinder aus dem benachbarten "Barrio", auf Deutsch "Stadtteil", in die Gemeinde zu holen. In einem Kinderchor lernen sie nach Stimmbildung Kirchen- und Volkslieder und haben den Ehrgeiz, am Tag der deutschen Einheit in der Botschaft sowohl die deutsche als auch die kolumbianische Nationalhymne zu singen. Vieles hat sich in den vergangenen Jahren geändert, nicht zuletzt mit Hilfe der evangelischen Gemeinde. Dieser Barrio, aus dem die Kinder kommen, war einmal ein Elendsviertel, direkt am Abhang eines Berges gelegen. Wo vorher Hütten aus Pappe und Blech standen, gibt es inzwischen Häuser aus Stein, Strom- und Wasserversorgung sind an das öffentliche Netz angeschlossen.

Foto: Antonio J. Bonilla
Foto: Antonio J. Bonilla

Im Team: Vorstandsmitglied Barbara Hintze, Christel Reppich, Pfarrer Thomas Reppich, Chorleiterin Sandra Bing-Zaremba und Irmgard Kleine, Leiterin des sozialen Projekts "Asociación San Mateo" (von links).

Eine soziale Einrichtung der Kirchengemeinde, die Asosiación San Mateo (ASM) existiert seit 1972 und finanziert sich ausschließlich aus Spenden. Vorstandsmitglied Irmgard Kleine führt die Besucherin durch das Barrio, wo man sie fröhlich von allen Seiten grüßt, es ist wie ein Dorf. Jeder weiß, die ASM engagiert sich in einem Kinderhort, bei der Hausaufgabenbetreuung, Familienberatung und im "Fondo Comunitario". Diese Kleinbank wurde mit Mitteln des Lutherischen Weltbundes gegründet und von der ASM mitverwaltet. Junge Leute aus dem Viertel bekommen Studien- und Ausbildungskredite, was nachhaltig den Bildungsstandard und damit das gesamte Umfeld positiv verändert.

Ruhepol setzen

Die riesige Metropole verändert sich ständig, lässt kaum Ruhe zu. Umso wichtiger ist es, in der Gemeinde einen Ruhepol zu setzen, an Ritualen festzuhalten und die Feiertage traditionell zu begehen. Gleich nach dem Erntedank richtet sich der Fokus auf das nächste große Fest in San Mateo, den Basar zum ersten Advent. Er zieht Tausende an, verspricht er doch exotische Raritäten wie Rollmops, Matjes, Bratwurst, Erbsensuppe, Lebkuchen und Christbaumschmuck. Ein Nebeneffekt ist, dass er eine schöne Summe an Pesos in die Gemeindekasse spült.

Was die Reppichs schon jetzt, nach einem Jahr feststellen: Kolumbien hat sie verändert, ihre Sicht auf die Welt und das Leben: "Das Land entschleunigt, und man pflegt eine andere Lebensart, es geht emotionaler zu, was vor allem während der Fußball-Weltmeisterschaft eine echte Herausforderung für uns Deutsche war. Die Menschen sind noch nicht so in der kapitalistischen Tretmühle. Sie leben oft unter für uns ärmlichen Verhältnissen und sind mit wenigem zufrieden. Daraus können wir lernen."

Text: Angelika Hornig / Fotos: Antonio J. Bonilla

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