"Wir wollen mehr verkaufen"

Gespräch mit Claudia Brück, stellvertretende Geschäftsführerin von TransFair in Deutschland, über neue Absatzmärkte und Kritik an der Wachstumsstrategie
Foto: privat
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Um ein effektives Instrument zur Armutsbekämpfung zu sein, muss man neue Absatzmärkte für Kleinbauern schaffen - auch in Zusammenarbeit mit Discount-Märkten. Die Qualität und Fairness mindere das nicht, sagt Claudia Brück. Ein neues Kakao-Programm soll helfen, sagt sie im Gespräch mit Katharina Lübke.

zeitzeichen: TransFair hat ein neues Handelsmodell eingeführt: Das Kakao-Programm. Wozu ist das nötig?

Claudia Brück: Es geht dabei um einen Blickwechsel in Richtung fairer Rohstoffbeschaffung. Früher konnten Unternehmen nur mit Fairtrade-Organisationen zusammenarbeiten, wenn es ein fertiges Endprodukt gab. Das wollen sie aber nicht unbedingt. Stattdessen wollen sie die Fairtrade-Strukturen vor Ort für eine nachhaltige Rohstoffbeschaffung nutzen, Fairtrade-Prämien und Mindestpreise zahlen. Das ist mit dem neuen Programm möglich. Die Unternehmen kaufen Kakao als Rohstoff unter fairen Bedingungen ein - später auch Baumwolle und Zucker - und können die Rohware in ihre Produktion einfließen lassen. Es geht jetzt also nicht mehr um ein Endprodukt, sondern darum, dass eine Zutat im Ursprung fair eingekauft wird.

Tragen die Produkte dann das Fairtrade-Siegel?

Claudia Brück: Nein, diese Produkte entsprechen nicht den Standards des klassischen Fairtrade-Siegels. Wir haben ein neues eingeführt: Das Kakao-Programm-Siegel. Falls die Unternehmen die Produkte mit dem Programm-Siegel auszeichnen wollen, muss im Süden dafür Kakao zu 100 Prozent Fairtrade eingekauft worden sein. Wenn ein Unternehmen den Kakao zu weniger als 100 Prozent fair einkauft, darf es das Programmsiegel nicht verwenden.

Das heißt, die Unternehmen investieren in Fairtrade, werben aber nicht damit. Hat Fairtrade an Vertrauen und damit an Werbefähigkeit eingebüßt?

Claudia Brück: Nein, gar nicht. Unternehmen sind unterschiedlich aufgestellt. Die einen möchten mit den positiven Werbewirkungen von Fairtrade arbeiten. Die anderen sagen, unsere Marke ist stark und wir wollen diese insgesamt als gute Marke, sozial und fair, aufstellen. Die Firma Mars kauft für einzelne Sortimente in Deutschland zu 100 Prozent Kakao fair ein, zeichnet ihre Produkte aber noch nicht mit dem Kakao-Siegel aus. Sie sieht das als ein Baustein in ihrer Unternehmensführung.

Der Urgedanke eines Unternehmens ist doch die Wirtschaftlichkeit und nicht Weltverbesserung, oder?

Claudia Brück: In der Schokoladenindustrie weiß man, dass der Kakaosektor äußerst prekär ist. Die Bäume sind überaltert, Klimaveränderungen lassen die Anbauflächen schrumpfen, Produktivität geht zurück und gleichzeitig steigt die Nachfrage. Es ist ureigenstes wirtschaftliches Interesse von Unternehmen, die Situation vor Ort so zu verändern, dass auch in zwanzig Jahren noch Bauern Kakao anbauen. Sie nutzen unser Wissen vor Ort, und wir nutzen ihr Interesse, Rohstoffe einzukaufen, um für Kleinbauern gute Absatzmärkte zu schaffen.

Und das alles erklären Sie dem Verbraucher mit noch einem Siegel mehr?

Claudia Brück: Wir sind ja auch nicht Befürworter von immer neuen Siegeln. Aber die Welt ist schwieriger, als dass man sie nur mit einem Siegel abbilden könnte. Wir haben Verbraucherumfragen gemacht, und die Kunden wollen unterschiedliche Standards an Logos erkennen.

TransFair ist in der Vergangenheit in die Kritik geraten: Kriterien würden aufgeweicht, das Siegel auch für Mischprodukte freigegeben, die nur zu 20 Prozent aus fair gehandelten Inhaltsstoffen bestehen. Ist die Kritik berechtigt?

Claudia Brück: Das Fairtrade-Siegel sagt aus, dass alle Zutaten, die fairtrade zu haben sind, auch als solche in dem Produkt enthalten sind. Bei manchen Produkten lässt die Rezeptur nicht mehr als 20 Prozent der Zutaten zu.

Die Zusammenarbeit mit Plantagen, hieß es, schade Kleinbauern und die festgelegten Mindestpreise sicherten deren Existenzgrundlage nicht.

Claudia Brück: Wir haben über 80 Prozent Kleinbauern-Organisationen in unserem System und nur 20 Prozent Plantagen. Bestimmte Produkte sind nur für Kleinbauern geöffnet, etwa Kaffee, Kakao, Zucker, Baumwolle. Wir kennen die Befürchtung, dass die Standards aufgeweicht würden und die Qualität nicht mehr gesichert sei. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Erst Mitte Januar haben wir den Hired-Labour-Standard drastisch verschärft: Wir werden erstmals existenzsichernde Löhne verlangen, und wir reden über Gewerkschaften und deren Einbindung.

Aber die Gepa hat sich von dem Fairtrade-Siegel verabschiedet und ein eigenes eingeführt: "fair+". Es soll zeigen: Unsere Kriterien sind strenger. Wir sind wirklich fair.

Claudia Brück: Die Gepa hat eine Marketingentscheidung getroffen, ihr eigenes Signet nach vorne zu stellen. Das ist ja kein Siegel, sondern ein Firmenlogo. Die Gepa arbeitet weiterhin mit uns zusammen. Sie ist aber der Meinung, dass sie so stark ist, dass sie das Fairtrade-Siegel nicht mehr an erster Stelle kommunizieren möchte.

Dennoch kooperiert TransFair mit Lidl, dem Ausbeutung seiner Beschäftigten vorgeworfen wird.

Claudia Brück: Die Produzenten wollen von uns zu allererst bessere Absatzmärkte. Ihre Rückmeldung ist: Wir wollen mehr verkaufen! Schaut, wie wir das hinbekommen!

Konterkarieren Bemühungen, den Marktanteil zu erhöhen, gleichzeitige Bemühungen, das Fairtrade-Siegel "rein" zu halten?

Claudia Brück: Die Frage ist: Was wollen wir? Wollen wir in einer kleinen Nische arbeiten, in der wir für eine Handvoll privilegierter Korporativen aktiv sind, oder möchten wir wirklich ein Instrument zur Armutsbekämpfung sein? Mindestpreise funktionieren nur, wenn auch verkauft wird. Wir versuchen, soviel Fairtrade wie möglich sichtbar zu machen. Und da ist es uns in erster Linie nicht wichtig, in welchem Vertriebskanal das verkauft wird. Dadurch, dass Lidl 2006 mit Fairtrade angefangen hat, passieren auch firmenintern Veränderungsprozesse, die nicht so sichtbar sind. Die sind nicht zu unterschätzen.

Claudia Brück

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