Die Saubermänner Afrikas

In Ruanda herrscht ein Verbot von Plastiktüten
Foto: Martin Egbert
Foto: Martin Egbert
Blitzblanke Plätze und Straßen, ein Verbot von Plastiktüten und hohe Recyclingquoten: Ruandas Umweltpolitik ist beispielhaft und regt andere Staaten des afrikanischen Kontinents an.

Wie auf einer Ameisenstraße zieht sich der Strom der Menschen unter der sengenden Äquatorsonne dahin. Frauen balancieren Schüsseln, Körbe, Stoffbündel, Kanister oder Paletten mit Softdrinks auf dem Kopf. Schwitzende Männer schieben schwer beladene Fahrräder und Handwagen, auf denen sich Bananenstauden, Getränkekisten oder Säcke mit Hirse, Maniok, Kartoffeln und Mais stapeln. Dazwischen bietet ein ganzes Heer fliegender Händler seine Waren feil. Täglich überqueren 45 000 Menschen in der Kleinstadt Gysenyi die Grenze zwischen Ruanda und der Demokratischen Republik Kongo.

An Marktagen auf einer der beiden Seiten sind es besonders viele. „Das hier ist eine der verkehrsreichsten Grenzen Afrikas.“ Mit verschränkten Armen steht Zollinspektor Emanuel Mugabo auf dem Posten und schaut den Polizisten bei den Kontrollen zu. Trotz des Andrangs durchsuchen die Männer und Frauen in den blauen Uniformen akribisch jedes Behältnis, tasten genauestens alle Körper ab. Gleichmütig lassen die Grenzgänger die Prozedur über sich ergehen. Kontrolliert wird auf Waffen, Drogen oder Sprengstoff. Was man an einer Landesgrenze halt so sucht, zumal wenn sie an einer unstabilen Region wie dem Osten Kongos liegt. Doch die Polizisten suchen noch nach etwas ganz anderem: Plastiktüten.

Immer wieder zieht einer der Beamten eine oder mehre aus einer Tasche. Beschlagnahmt. Was drin war – ob Reis, Schuhe oder Schulhefte – muss an Ort und Stelle umgefüllt werden. Die eingezogene Plastiktüte landet in einer bereitstehenden Box, die mehrmals täglich in einem Container entleert wird. „Manchmal finden wir sogar ganze Rollen mit Plastikbeuteln, die sie versuchen über die Grenze zu bringen“, erklärt Emanuel Mugabo. „Die meisten Menschen aber halten sich längst an das Verbot, nur am Anfang gab es viele Diskussionen und Stress.“ Kleine Verstöße werden nicht bestraft. Wer aber versucht, eine größere Menge über die Grenze zu schmuggeln, muss mit einer empfindlichen Geldstrafe rechnen, oder muss sogar für ein bis sechs Monate ins Gefängnis. „Schließlich schädigen die Plastiktüten unsere Umwelt“, sagt Emanuel Mugabo ernst.

Ein Verbot von Plastiktüten? In Afrika? Was Deutschland und auch kein anderes EU-Land seit Jahren nicht hinbekommen, hat Ruanda bereits vor fast zehn Jahren umgesetzt. Was die Umweltpolitik angeht, hat das zentralafrikanische Land, mit dem die meisten Menschen vor allem den Völkermord von 1994 verbinden, auf dem Kontinent neue Standards gesetzt, die erste Nachahmer finden. Gerade hat Kenia ebenfalls Plastiktüten verboten. Das Land, vor allem seine Hauptstadt Nairobi, soll nicht länger im Müll ersticken. „In unserer Hauptstadt Kigali sah es vor dem Verbot nicht anders aus, als in den meisten anderen afrikanischen Metropolen“, sagt Coletha Ruhamya, Generaldirektorin der Umweltbehörde Rwanda Environment Management Authority (REMA). Heute ist Kigali mit ihren 1,2 Millionen Einwohnern eine der saubersten Städte der Welt. Wo früher Plastiktüten in den Bäumen hingen, Müll und Unrat über die Plätze und Grünflächen wehte, sucht man heute vergebens nach dem kleinsten Kaugummipapier. Ähnlich sauber ist es auf dem Land und in den anderen Städten des Landes.

Fehlverhalten wird sanktioniert. Wer seinen Unrat auf die Straße wirft, anstatt ihn in einem der zahlreichen, nach Stoffen getrennten Mülleimer zu entsorgen, muss umgerechnet zehn Euro Strafe zahlen. In einem Land, in dem das Anfangsgehalt eines Lehrers fünfzig Euro beträgt, eine empfindliche Strafe. „Es würde aber nicht funktionieren, wenn die Menschen das nicht freiwillig mittragen“, so Coletha Ruhamya weiter. In der Tat bejahen die meisten Bürger Ruandas das Verbot und die Sauberkeit. Sie packen sogar einmal im Monat mit an, beim so genannten Umuganda. Am letzten Samstag im Monat hübschen alle Anwohner ihre Nachbarschaft auf. Der Arbeitseinsatz wird organisiert von den Zellen. Die kleinsten Verwaltungseinheiten des Landes organisieren die Nachbarschaften einzelner Straßenzüge.

Wie freiwillig die Bürger an den Arbeitseinsätzen teilnehmen, ist allerdings schwer zu beurteilen. Trotz Wahlen und in vielen Bereichen vorbildlicher Regierungsführung, wird das Land autoritär regiert. Die Menschen sind vorsichtig mit Kritik. Zumindest aber macht der Staat seine Hausaufgaben in Sachen Umweltschutz. Bezahlte Arbeitstrupps reinigen und pflegen den öffentlichen Raum. Man sieht sie an jeder Ecke, mit Reisigbesen und Sicherheitswesten. In der Innenstadt reinigen sie zwei Mal am Tag. Und ob das Verbot von Plastiktüten von Industrie und Handel eingehalten wird, kontrollieren Inspektoren der Umweltbehörde. Regelmäßig besuchen sie Betriebe, von der kleinen Backstube über den industriellen Lebensmittelhersteller bis hin zu den großen Märkten unter freiem Himmel. „Auch nach zehn Jahren Verbot wird immer noch dagegen verstoßen.“ Samson Twiringire betritt einen Supermarkt im Zentrum der Hauptstadt durch einen kleinen Seiteneingang. Wie immer schaut er mit seiner Kollegin unangekündigt vorbei. „Manchmal schreiten wir auch aufgrund einer Anzeige ein.“ Wie ein Kunde schlendert der Inspekteur durch die Gänge. Die Regale sind prall gefüllt. Auch mit PET-Flaschen oder in Plastik verschweißtem Spielzeug Made in China. Das zeigt die Grenzen des Verbotes. Ruanda muss Handelsverträge einhalten und kann als kleines Land mit nur zwölf Millionen Einwohnern wenig Druck auf Lieferanten ausüben. Aber auf die lokalen Produzenten: Mit dem Daumen prüft Samson Twiringire die Tüten am Brotstand. „Manchmal sind sie von innen mit Kunststoff beschichtet, um das Brot länger frisch zu halten, das ist aber nur erlaubt, wenn die Beschichtung biologisch abbaubar ist.“ Auch hier können bei einem Verstoß die Strafen empfindlich sein. Heute aber gibt es nichts zu beanstanden.

Zu der gut organisierten Umweltpolitik Ruandas gehören auch die Abfuhr und Entsorgung von Müll. Das erledigen Lizenzunternehmen im Auftrag der lokalen Verwaltungen. In einigen Vierteln der Hauptstadt sogar getrennt nach fünf verschiedenen Stoffklassen. Eine Herausforderung. „Wir müssen die Haushalte regelrecht trainieren, damit die Trennung auch klappt“, erklärt Aimable Rwanzunga von dem privaten Entsorger Coped Ltd. Das Unternehmen betreut 15.500 Haushalte und Gewerbekunden in Kigali. Die Qualität der Entsorgung kontrollieren mit den drei Distrikten der Stadt relativ kleine Verwaltungseinheiten. „Es haben auch schon Unternehmen ihre Lizenz wieder verloren“, sagt Aimable Rwanzunga.

Das Unternehmen mit 235 Mitarbeitern entsorgt und trennt aber nicht nur den Müll, sondern vermarktet ihn auch. Gärtnereien und Privatkunden kaufen Kompost, den Coped aus dem hohen Anteil organischer Abfälle im Hausmüll herstellt. Das Plastik geht an Recyclingbetriebe. Einer der Hauptkunden dafür ist die Firma Eco Plastic, die es bereits zu einem gewissen Ruhm gebracht hat. Stolz zeigt der Gründer und Eigentümer Habamungu Wenceslas sein Gästebuch. Die Liste der Besucher ist lang. Nicht nur aus den direkten Nachbarländern Ruandas sind sie gekommen, auch aus Kenia, Zambia, Zimbabwe oder den Kap Verden. Selbst aus Australien, Frankreich und Deutschland haben sich einige eingetragen. Schließlich ist Habamungu Wenceslas Firma Eco Plastic eine Seltenheit. Wo sonst auf dem afrikanischen Kontinent wird Plastik recycelt? Und das mit so viel Erfolg? Vor sieben Jahren arbeiteten in der Fabrik am Rande der Hauptstadt Kigali fünfzehn Kräfte. Heute beschäftigt Habamungu Wenceslas 150. „Wir produzieren 135.000 Tonnen recyceltes Plastik pro Jahr: Folien für Baumschulen oder Pilzzüchter, Säcke für Reis und Getreide oder Handschuhe, Hauben und Kittel für Krankenhäuser.“

Auch Ruanda kann in vielen Bereichen nicht auf Plastik verzichten, kontrolliert aber streng, ob es wirklich nicht zu ersetzen ist. Recyceltes Material erhält den Vorzug. Das ist gut für Eco Plastic. „Zurzeit bauen wir gerade an einer Erweiterung des Betriebes.“ Habamungu Wenceslas zeigt auf die Baustelle der neuen Halle. Unter einem Blechdach daneben waschen Arbeiterinnen Plastikfolien in ausrangierten Badewannen mit Seifenlauge. Anschließend hängen sie die bunten Fetzen auf Leinen aus Draht, wo sie flatternd im Wind trocknen. „Nach sechs Stunden können wir sie abnehmen, dann werden sie nach Farben sortiert“ , erklärt der Chef. Anschließend schreddern, schmelzen, formen und stanzen Maschinen das Material. Der Gerätepark von Eco Plastic stammt aus Korea, Indien und China. „Wir arbeiten aber trotzdem noch afrikanisch“, sagt Habamungu Wenceslas und meint damit den hohen Anteil an Handarbeit. Der rührige Unternehmer hat das Richtige zur richtigen Zeit getan. „Als das Verbot in Kraft trat, wusste niemand, wohin mit den ganzen beschlagnahmten und gesammelten Materialien.“ Habamungu Wenceslas zieht die Schultern hoch. „Also musste eine Lösung her.“ So einfach kann das sein.

Klaus Sieg

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