Versteckt hinter einem Eibenbusch

Anna von Lodron war eine furchtlose Verfechterin der Reformation im katholischen Allgäu
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In Mindelheim im Unterallgäu wohnte und wirkte hier Anna von Lodron. Sie war eine starke und mutige Frau und ihrem altgläubigen Ehemann Georg von Frundsburg zum Trotz eine glühende Anhängerin der reformatorischen Bewegung, wie der Journalist Martin Glauert schildert.

Heimspiel für Maria: Auf einer hohen Säule, mitten auf dem Marktplatz von Mindelheim, thront die Mutter Gottes. Ihre goldene Krone glänzt in der Sonne. In der rechten Hand hält sie ein Zepter und auf dem Arm das Jesuskind. Senkt man den Blick, schaut man ihr wieder in die Augen. Auf der Hauswand der Apotheke garantiert sie, von Lichterflammen umlodert, das salus infirmorum, das Heil der Kranken. Das idyllische Mindelheim im Unterallgäu ist von jeher katholisch geprägt, die Reformation hat nach offizieller Lesart gar nicht stattgefunden. Und doch wohnte und wirkte hier Anna von Lodron, eine für ihre Zeit skandalös starke und mutige Frau, eine glühende Anhängerin der reformatorischen Bewegung.

Weitaus berühmter ist ihr Ehemann Georg von Frundsberg, ein international agierender Kriegsunternehmer, den wir mit einer leichten Kopfbewegung nach rechts entdecken. Vom Rathaus herab schaut er auf das Markttreiben. Ein stämmiger, entschlossener Mann in vollem Harnisch, das kantige Gesicht von einem Rauschebart umrahmt, energisch stößt er sein Schwert in den Boden. Als oberster Kriegsherr in kaiserlichen Diensten kommandierte er siegreiche Schlachten in ganz Europa und verfügte über ein eigenes Söldnerheer. Neben Geld und Ruhm erwarb er sich durch die fürsorgliche Verbindung zu seinen Soldaten den anerkennenden Titel „Vater der Landsknechte“. Noch heute wird in Mindelheim alle drei Jahre das Frundsbergfest gefeiert. Hoch oben über der Stadt steht die weithin sichtbare, leuchtend weiße Mindelburg, von der aus das Geschlecht derer von Frundsberg seinen Kleinstaat regierte.

Georg war seinem römisch-katholischen Kaiser treu ergeben. Vielleicht aber brannte tief drinnen doch ein Funke von freigeistigem Eigensinn. Jedenfalls kam es zu einer denkwürdigen Begegnung, die bis heute in Erinnerung ist. Auf dem Reichstag von Worms 1521 trifft der Ritter des Kaisers auf Martin Luther, der unbehaglich auf dem Vorplatz warten muss, während drinnen die Fürsten des Reiches sein Schicksal diskutieren. „Mönchlein, Mönchlein, Du gehest einen schweren Gang“, soll er dem jungen Augustinermönch zugerufen haben. Spricht daraus Mitleid, oder war das eine Drohung? Die Archive sind genauer, sie notieren: „Mönchlein, Mönchlein, du gehest jetzt einen Gang, einen solchen Stand zu tun dergleichen ich und mancher Oberster auch in unseren allerernsten Schlachtordnungen nicht getan haben. Bist du aufrechter Meinung und deiner Sache gewiss, so fahre in Gottes Namen fort, und sei nur getrost, Gott wird dich nicht verlassen.“ Das wiederum klingt ja regelrecht nach einer Ermutigung.

Störung des Gottesdienstes

Georg von Frundsberg ist seit einem Jahr Witwer, als er Anna von Lodron heiratet, eine Frau aus dem italienischen Trentino. Sie sieht gut aus, ist intelligent und spricht mehrere Sprachen. Aber weiß er, was er sich da eingehandelt hat? Anna ist selbstbewusst, tüchtig und leitet die Geschäfte von der Mindelburg aus, wenn ihr Mann auf Kriegszügen in Europa unterwegs ist. Vor allem aber ist sie eine glühende Verfechterin der Reformation. In ihrer Bibliothek befinden sich die aufwühlenden Schriften von Ulrich Zwingli, Philipp Melanchthon und Martin Luther. Zu einer Zeit, in der Frauen nichts zu sagen haben, veranstaltet sie unerhörte Events. So lädt sie den reformatorischen Prediger Johannes Wanner aus Memmingen ein, einen Gottesdienst zu halten. Ausgerechnet den Wanner, diesen Abtrünnigen. Als Domprediger in Konstanz hatte er eine steile Karriere hinter sich, bis er in Zürich Zwingli begegnete und von dessen Charisma so beeindruckt war, dass er sich ihm anschloss. In Konstanz bedrohte man ihn daraufhin mit Folter, Feuertod und Vertreibung. Er floh nach Memmingen und behielt sein freches Mundwerk. Vom Papst sprach er nur als dem „Pompifex maximus“, weil der sich mit so viel Pomp umgab.

Freundlich und hell ist es heute in der Mindelheimer Pfarrkirche St. Stephan. Die Wände sind weiß gestrichen, Licht fällt durch die Fenster herein. Auf dem gold-bunten Altarbild wachen Gottvater, Christus und die Heiligen über die Ordnung der Welt. An dieser Stelle nun predigt Johannes Wanner im Jahr 1526, und mit der Stille ist es abrupt vorbei. Mitten in seine Predigt zur Fastenzeit gellen Zwischenrufe. Über einen Verbindungsgang sind die Schwestern des benachbarten Heilig-Kreuz-Klosters direkt zur Empore gelangt. Von dort schleudert Kunigunda Briefin, die Oberin des Klosters, dem Ketzer Wanner ihren geballten Widerspruch lautstark entgegen. „Widersteht dem Irrglauben!“ Die Nonne beeindruckt die Zuhörer, und es steht eins zu null für den rechten, den alten Glauben.

Dabei bleibt es nicht. Das Treiben der eigensinnigen Burgherrin wird von der Hofkammer in Innsbruck, also der kaiserlichen Verwaltung, misstrauisch beäugt. Schließlich schickt man den Priester Johannes Fabri nach Mindelheim, um Anna wieder in die Spur zu bringen. Die aber wirft ihn schlichtweg aus der Mindelburg hinaus.

Aber so einfach geht das freilich nicht immer. Im Jahr 1525 taucht ein riesiges Bauernheer mit vieltausend Aufständischen vor der Burg auf und verlangt die Übergabe. Mit wenigen Getreuen und ihren Kindern ist Anna auf der Mindelburg eingeschlossen. Sechs Wochen lang leistet sie hartnäckig Widerstand, bis die Bauern schließlich erfolglos abziehen. Kopf und Kragen riskiert sie, als sie den Wiedertäufern Unterschlupf gewährt, obwohl das laut kaiserlicher Verordnung bei Todesstrafe verboten ist.

Große Liebe

Georg von Frundsberg ist währenddessen irgendwo in Europa unterwegs und keine große Hilfe. Wie kann eine solche Ehe funktionieren? „Der Frundsberg blieb katholisch, wenn er auch immer wieder mit seiner Gattin diskutiert hat über die Neuerungen in dieser Zeit“, erläutert Christian Schedler, Leiter des Kulturamts von Mindelheim. „Ich bin mir sicher, dass jeder aufrecht gesonnene Mensch der damaligen Zeit, wenn er nicht ganz Hirn und Seele verspielt oder versoffen hatte, der Reformation anhängen musste. Frundsberg selber war immer treu dem katholischen Glauben, aber nur, weil er dem Kaiser so sehr verpflichtet war.“ Trotzdem ließ er seine Frau gewähren. Eine erstaunliche Toleranz, wo doch selbst heute noch interkonfessionelle Ehen mancherorts problematisch sind. Obwohl die Eheleute in zwei oppositionellen Lagern standen, tat das ihrer Liebe offenbar keinen Abbruch. Als Georg 1527 bei Bologna einen Gehirnschlag erleidet und als Pflegefall nach Hause gebracht wird, betreut Anna ihn bis zu seinem Tode auf der Mindelburg.

Dann aber reicht es ihr, und sie zieht fort ins evangelische Schwäbisch Hall. In Mindelheim beginnt nun ein katholisches Roll-back. Der Stiefsohn Kaspar aus erster Ehe, jetzt Herrscher über Mindelheim, verbietet die reformatorischen Bestrebungen strengstens. Selbst Adam Reissner, der Geheimsekretär seines Vaters, wird ins Gefängnis geworfen. Die Zelle im Turm ist heute noch zu sehen. Gerade einmal drei Schritte kann man hier gehen, zudem war Reissners Fuß mit einem eisernen Ring an den Boden gekettet. Liegen musste er auf dem nackten Boden, statt eines Fensters gab es nur ein Loch in der Wand, durch das der Wind fegte. Es verwundert nicht, dass Reissner unter Zwang schließlich zustimmte, nur noch des Kaisers Position zu vertreten. Im Inneren aber blieb er unversöhnlich. Eines seiner Kirchenlieder ist im Evangelische Gesangbuch unter der Nummer 275 zu finden: „In dich hab ich gehoffet Herr, hilf dass ich nicht zuschanden werd.“

Was aber wurde aus der Erinnerung an Anna von Lodron? Im Oktober 2012 stiftete der Bildhauer Manfred Binder der Stadt Mindelheim eine Statue aus rotem Sandstein mit dem Porträt der Burgherrin. Doch anscheinend haben die Protestantin und ihre Stadt noch keinen Frieden miteinander gefunden. Groß war der Schreck, als beim ersten Aufbauversuch plötzlich der Kopf der Figur vom Rumpf abfiel. Erst beim zweiten Versuch ging alles gut. Leicht zu finden ist die Statue trotzdem nicht. Man muss schon etwas suchen, um sie hinter einem großen Eibenbusch auf der Mindelburg zu entdecken.

Text und Fotos: Martin Glauert

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