Verschärfte Verteilungskämpfe

Gespräch mit Heinz Gerstlauer, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft „Diakonie in der Großstadt“, über Wohnungsnot und Flüchtlinge
Foto: privat
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Die Diakonie in den Großstädten sieht sich vor ganz andere Herausforderungen gestellt als die auf dem Land. Deshalb hat sich 2008 die Arbeitsgemeinschaft „Diakonie in der Großstadt“ gegründet. Bezahlbarer Wohnraum ist nach Ansicht von Heinz Gerstlauer die größte Herausforderung, vor der die Städte stehen.

zeitzeichen: Herr Gerstlauer, warum bedarf es einer Arbeitsgemeinschaft „Diakonie in der Großstadt“?

HEINZ GERSTLAUER: Auf dem Land funktionieren noch die primären Netze zur Versorgung der Menschen, wie Familie, Nachbarn und Freundeskreis. Die Diakonie in den Städten ist ganz anderen Rahmenbedingungen ausgesetzt. Nun ist in Deutschland die gesamte Diakonie entweder in Fachverbänden organisiert oder aber landeskirchlich. Und eben nicht an der Idee der Sozialräume und der Großstädte. Insofern braucht’s aus meiner Sicht eine Arbeitsgemeinschaft der Diakonie in den Großstädten. Ein weiterer Grund ist die Vernetzung. Die Sozialamtsleiter und auch die Sozialbürgermeister von 16 deutschen Großstädten treffen sich und tauschen sich aus, wie sie die Bevölkerung optimal versorgen und ihr Verhältnis zur freien Wohlfahrtspflege gestalten. Und deshalb ist es wichtig, dass sich auch die Verantwortlichen in der Diakonie vernetzen.

Was kennzeichnet die deutschen Städte?

HEINZ GERSTLAUER: In Stuttgart zum Beispiel leben 60 Prozent der Menschen allein in einem Haushalt und wiederum 60 Prozent der Bevölkerung hat einen Migrationshintergrund, das heißt auch kein angestammtes Familiennetzwerk, das in der Not aushilft. Wir benötigen in den Städten eine andere Form der sozialen Dienste und auch der Professionalität.

Sind die Städte in ihrer Größe und ihrer Lage nicht sehr unterschiedlich?

HEINZ GERSTLAUER: Doch. Da gibt es topographische und mentale Unterschiede, es gibt quantitative, qualitative Unterschiede, klar. Der Süden mit Stuttgart und München ist generell eine prosperierende Region. In Hamburg hat das Mäzenatentum eine lange Tradition, da kümmert sich die Bürgerschaft sehr wohl um ihren Stadtstaat. Aber die Tatsache, dass viele Menschen im engen Raum leben, ist überall gleich. Und alle Städte sind bunter, vielfältiger, vielsprachiger geworden, auch offener an Lebensformen. Das stellt die Städte vor große soziale Herausforderungen. Arbeitsplätze, bezahlbarer Wohnraum und andere Ressourcen sind knapp. Die Verteilungskämpfe haben sich verschärft, auch durch die Flüchtlingskrise. Das betrifft zuerst die A-Gruppen, die Alleinlebenden, die Alkoholiker, die Abhängigen, die Arbeitslosen, die Ausländer, die Armen oder Alleinerziehenden.

Was heißt das für die Diakonie in der Großstadt?

HEINZ GERSTLAUER: Ärmere Menschen wohnen schon jetzt in wenig beliebten Wohnungen am Stadtrand oder entlang einer lauten Straße. Die Reichen haben ihre angestammten Plätze. In der Stadt heißt es: Sage mir, wo Du wohnst, und ich sag Dir, ob Du zu den Gewinnern oder Verlierern gehörst. Oder das Zusammenleben im öffentlichen Raum. In den Städten treffen alle Milieus mit ihren unterschiedlichen Interessen aufeinander und können sich nicht aus dem Weg gehen. Der Reiche will sich eine Rolex kaufen, der Arme möchte gerne betteln, und zwar genau dort, wo der Reiche seine Uhr kauft, weil dort der beste Platz ist. Wenn, wie unlängst in Stuttgart, wohnungslose Roma aus Rumänien und Bulgarien in bester Lage campieren, ärgert das die Geschäftsleute, die um ihre Umsätze fürchten. Jetzt muss man überlegen, wie man diese unterschiedlichen Interessen friedlich im öffentlichen Raum zusammenbekommt.

Hinzu kommen sicher auch die so genannten Problembezirke in den Großstädten.

HEINZ GERSTLAUER: Ja, dort ist die Versorgung schlecht, die Bevölkerung überaltert, die Arbeitslosenquote hoch, das Einkommen niedrig. Die Diakonie muss hier mit allen Akteuren an einem Strang ziehen. Kirchen- und Moscheegemeinde, Schule, Sportverein und Kiosk, sie alle können Anlaufstelle für Austausch und Begegnung sein. „Sozialraumorientierung“ heißt das Stichwort.

Welches sind die größten Herausforderungen, vor der die Diakonie in der Großstadt derzeit steht?

HEINZ GERSTLAUER: Das größte Problem ist zweifellos die Versorgung mit bezahlbarem Wohnraum. Das zweite Thema ist die Integration der Flüchtlinge, also Inklusion und Integration. Und außerdem wollen wir als evangelische Diakonie in einer zunehmend säkularen Umwelt unser Profil behalten. Dabei stehen uns immer weniger geeignete Mitarbeitende zur Verfügung, die unser kirchliches Profil unterstützen.

Wie und was können Sie in der Arbeitsgemeinschaft voneinander lernen?

HEINZ GERSTLAUER: Teilhabechancen für benachteiligte Menschen ergeben sich nicht selbst, sie müssen organisiert werden. Die Diakonie wird mehr denn je als Fürsprecher und Moderator gefragt sein. Da tauschen wir uns aus. Wie profilieren wir bestimmte Formen von Arbeit? Was heißt Sozialraumorientierung und Quartiersentwicklung? Wie betreiben wir Einmischungspolitik? Das sind Fragen, die wir alle gemeinsam beantworten müssen. Wie gehen wir mit der Differenz von Sprache und Milieu um? In Stuttgart leben zum Beispiel Menschen aus 150 Nationen.

Was versprechen Sie sich von Ihrer Arbeitsgemeinschaft? Haben Sie Ziele formuliert?

HEINZ GERSTLAUER: Wir treffen uns zweimal im Jahr und tauschen erst einmal Erfahrungen aus. Da wir nicht am selben Standort arbeiten, konkurrieren wir auch nicht. Wir können uns also konzeptionell austauschen, bis hin zum Mitarbeiteraustausch. Es ist uns beispielsweise gelungen, die Stadtmission Leipzig dabei zu unterstützen, dass die Wohnungslosenhilfe in Leipzig nicht ausgeschrieben wird, sondern in kommunaler Verantwortung bleibt.

Das Gespräch führte Kathrin Jütte am 25. Mai in Berlin.

Heinz Gerstlauer

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