„Beten ist Seelensuche“

Gespräch mit dem Praktischen Theologen Traugott Roser über Erfahrungen, Erkenntnisse und Wirkungen des Betens
Foto: privat
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Die meisten Menschen hoffen, dass ihre Gebete erhört werden. Aber Beten heißt nicht nur, dass man fromm und gottgewiss betet, sondern es heißt auch, zu klagen und zu fragen: „Gott, warum mutest du mir das zu?“

zeitzeichen: Herr Professor Roser, was ist Beten? TRAUGOTT ROSER: Beten ist ein kommunikationsorientiertes Handeln des Menschen, das sich gezielt an Gott richtet, beziehungsweise, unpersönlich formuliert, an eine transzendente Größe. Beten ist eine Handlung, die sich als kommunikatives Handeln des Einzelnen mit Gott oder auch als kommunikatives Handeln in der Gruppe vollzieht, also als Beten in Gemeinschaft. Dann ist Beten häufig ein diachrones Handeln … … was heißt das? TRAUGOTT ROSER: Das heißt, wir verwenden Gebete, die auch Generationen vor uns bereits verwendet haben. Wir klinken uns ein in den Fluss der Kommunikation unserer Vormütter und Vorväter, der seit Generationen fließt, zum Beispiel sonntags im Gottesdienst, wenn wir das Vaterunser beten. Beten ist also ein diachrones Handeln durch die Zeiten, das aber auch synchron stattfindet in der Gemeinschaft der Gleichzeitigen. Ja gut, und was bedeutet das? TRAUGOTT ROSER: Es gibt verschiedene Zeitachsen des Betens, und das ist ausgesprochen spannend. Das, was der Einzelne im Gespräch vor Gott bringt, das bringen wir auch in einen Austausch untereinander. Wir sprechen miteinander, wir teilen uns dadurch mit, und wir finden eine gemeinsame Sprache für etwas, was eigentlich das Innerste des Menschen ist. Da sind wir bei einem dritten Aspekt: Beten ist etwas, das ich „Seelensuche“ nenne, also ein Benennen dessen, was mein Innerstes angeht und wofür ich Worte suche. Was ist dann der Unterschied zum Selbstgespräch? TRAUGOTT ROSER: Der Unterschied ist, dass ich diese Selbstreflektion an jemanden anderes richte. Ein Selbstgespräch ist an mich gerichtet und erwartet von mir auch eine Reaktion. Das Gebet als Reflektion des eigenen Ichs, der eigenen Seele und der eigenen Befindlichkeit zu Gott hin erwartet eine andere Reaktion als die durch mich selber. Gibt es neurologische Erkenntnisse darüber, was bei Menschen geschieht, wenn sie beten? TRAUGOTT ROSER: Ja, es gibt zahlreiche Untersuchungen, die insbesondere bei Menschen durchgeführt wurden, die ganz regelmäßig in geprägten Formen beten, zum Beispiel bei Mönchen und Nonnen. Und diese Untersuchungen zeigen tatsächlich, dass sich auch deren neurologische Funktionen verändern. Und Untersuchungen des US-amerikanischen Molekularbiologen Jon Kabat-Zinn über buddhistische Mönche zeigen, dass sich deren regelmäßige Gebetspraxis auf ihre Gesundheit auswirkt. Positiv, nehme ich an … TRAUGOTT ROSER: Da muss man differenzieren. Es gab mal eine Untersuchung, in der man der Frage nachging, ob das Fürbittgebet für kranke Menschen nachweislich wirksam ist. Also hat man Vergleichsgruppen gebildet für eine sogenannte randomisierte Studie, und zwar eine Gruppe für die explizit Leute gebetet haben und eine Gruppe von Patienten, für die man keine Leute beauftragt hat zu beten. Das Ergebnis war: Bei kardiologischen Patienten, für die im Rahmen dieser Studie gebetet wurde, waren die Überlebensraten höher. Welche Schlüsse ziehen Sie daraus? TRAUGOTT ROSER: Ich bin skeptisch, denn wer kann schon ausschließen, dass für die Menschen in der offiziell nicht bebeteten Gruppe andere Menschen Fürbitte geleistet haben? Ich glaube, Gott lässt sich so nicht in die Karten schauen. Was aber nicht bedeutet, dass wir nicht hoffen dürfen oder unsere Hoffnungen ins Gebet legen dürfen. Aber wir können Gott nicht vorschreiben, was er zu tun hat. Wie ist es bei Ihnen: Beten Sie? TRAUGOTT ROSER: Natürlich. Ich bin in einem Pfarrhaus aufgewachsen und mit Beten großgeworden: angefangen vom Tischgebet und dann natürlich im Gottesdienst. Auch die Herrnhuter Losungen kenne ich von klein auf. Sie gehören nach wie vor zu meiner eigenen Gebetspraxis. Ich habe eine gewisse Zeit in meiner Jugend in evangelikalem Umfeld verbracht und dort die Praxis des freien Gebetes durchaus kennen und schätzen gelernt. Schwierig fand ich zwar, dass es in diesen Kreisen schon ein Muss in Sachen Beten gab, einen Imperativ. Aber es gab da tatsächlich das Wahrnehmen auch des Moments, und ein Benennen dessen, was im Moment wichtig ist. Im gemeinsamen Beten entsteht eine Art Raum des Heiligen. Was meinen Sie damit? TRAUGOTT ROSER: Als Seelsorger am Krankenbett habe ich oft erlebt, dass dieses achtsame Umgehen mit dem, was jetzt ist, und das Loslassen, wenn ich gleichsam das Ausatmen in Worte kleide, den Moment in guter Weise fassen und ernstnehmen können und damit der Situation eines kranken Menschen angemessen sind. Deshalb gehören auch Fürbittgebete zu meinen regelmäßigen Gebeten. Ich versuche dann an die Menschen zu denken, die mir nahe sind, auch an die, die mir nicht nahe sind, die mir aber durch die Medien nahegebracht werden und diese in mein Gebet einzuschließen. Ich gehöre auch zu den Menschen, die an keiner Kirche vorbeigehen können, ohne eine Kerze anzuzünden. Das ist natürlich etwas anderes als ein Gebet, das explizit Worte formuliert, aber diesen Moment des Ausrichtens auf Gott empfinde ich als etwas sehr Kostbares. Sie waren lange Klinikpfarrer. Hat dies Ihr Verständnis vom Beten geprägt? TRAUGOTT ROSER: Ganz klar. Ich erinnere mich an ein junges Ehepaar mit einem Kind, und die junge Mutter aus Afrika war unheilbar krank, und doch wünschte sich der Ehemann, dass ich mit ihm um ein Wunder bete. Das hat mich Demut gelehrt, denn ich habe mich gefragt: Warum darf ich diesen innigen Wunsch um das Überleben seiner Frau, so wider-rational er auch erscheinen mag, nicht einfach formulieren? Vielleicht muss ich mir die Frage, ob ich daran glaube, dass Gott jetzt ein Wunder vollbringt oder nicht, gar nicht stellen, sondern kann diesen innigen Wunsch einfach formulieren, und wenn es dann zu einer Spontanheilung kommt, diese auch einfach annehmen und stehen lassen und nicht weiter hinterfragen. Da war ich sehr herausgefordert, denn eigentlich kann ich nicht etwas in einem Gebet formulieren, von dem ich nicht erwarte, dass es eintrifft. Und es ist auch nicht eingetroffen? TRAUGOTT ROSER: So ist es. Aber dieses Aussprechendürfen, das gemeinsame Aussprechen und sich während des Betens an Jesus zu erinnern, wie er im Garten Gethsemane gebetet hat: „Mein Vater, ist‘s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst!“ war wichtig. Das heißt übersetzt in so einer Situation: Wenn es denn sei muss, dann gib uns die Kraft, damit zurechtzukommen und gib ihr, der Sterbenden, eine Zukunft bei dir. Diese Ambivalenz zwischen dem Hoffen auf ein Wunder und der Annahme des Sterbens, diesen Raum offenzuhalten und genau den vor Gott zu bringen – das habe ich im Krankenhaus auszuhalten gelernt. Seitdem weiß ich aus Erfahrung, dass es Ambivalenzen gibt, die nicht auflösbar sind.

Aber es ist doch eine Erschütterung im Glauben, wenn das Wunder nicht eintritt, oder? TRAUGOTT ROSER: Beten heißt ja nicht, dass ich immer fromm und gottgewiss bete, sondern Beten heißt auch zu fragen und klagen: „Wo bist du, Gott? Antworte mir! Warum mutest du mir das zu? Warum mutest du das anderen zu?“ Dieses auch immer noch sagen zu können, ist das Spannende und Wertvolle, was das Gebet bedeutet. Es unterscheidet zwischen Jammern und Klagen. Jammern heißt, ich kreise beständig um meine Trübsal, das ist schlimm, aber eigentlich ich will da auch gar nicht raus. Klagen heißen dagegen: Ich adressiere das an Gott in dem Gestus „Mach was daraus!“ Dieses Nachdenken mit und zu Gott hin kann einen Prozess in Gang bringen, der aus dem Jammern befreit und vielleicht sogar lösungsorientiert ist. Wenn ich annehmen muss, dass ein Wunder nicht geschieht, dann bin ich mit meinem Gebet zu Gott nicht fertig, dann geht es weiter: „Ein Wunder hast du nicht gemacht, dann hilf mir, zu verstehen, wie ich weiterleben kann.“ Gab es bei Ihnen schon Zeiten, wo Sie nicht gebetet haben, nicht beten konnten? TRAUGOTT ROSER: Ja. Ich habe meinen Partner beim Sterben begleitet, und in dieser Zeit hat es mir schon die Sprache verschlagen. Aber ich hatte trotzdem das Gefühl, in einem Kommunikationsraum mit Gott zu sein. Ich fand es hilfreich und tröstlich, dass andere Menschen für uns gebetet haben. Das hat mich getragen, denn ich musste nicht selbst Worte finden. Es gibt diesen wunderbaren englischen Choral, in dem es heißt: „The voice of prayer is never silent, / Nor dies the strain of praise a way“. Auf Deutsch lautet die Strophe: „Die Sonne, die uns sinkt, bringt drüben / den Menschen überm Meer das Licht: / und immer wird ein Mund sich üben, / der Dank für deine Taten spricht.“ (Evangelisches Gesangbuch, Nummer 266, 4). Dass immer, alle 24 Stunden, auf der Welt gebetet wird, ist doch eine wunderbare Vorstellung.

Was halten Sie davon, für Verstorbene zu beten? TRAUGOTT ROSER: Das Gebet für die Verstorbenen ist mir eine ganz wichtige Praxis geworden. Ich weiß, dass die protestantische Tradition da sehr zurückhaltend ist, weil in ihr eigentlich die Vorstellung prägend ist, dass wir als Verstorbene bei Gott sind, und da braucht es dann kein weiteres Zutun. Ein Gebet für Verstorbene fällt so unter den Verdacht der Werkgerechtigkeit. Ich sehe das aber anders: Wenn wir davon ausgehen, dass Gott ein Gott der Lebenden ist und nicht der Toten, dann sind auch wir Menschen eine Gemeinschaft der Lebenden und der Lebenden nach dem Tod. Dass wir diese Gemeinschaft nicht durch Gespräche mit dem Toten pflegen können, ist klar, das wäre Magie. Aber ich denke, dass wir diese Gemeinschaft pflegen können, indem wir einander über ein Gebet bedenken. Ist der Verstorbene Ihrer Meinung nach auf unsere Gebete angewiesen? TRAUGOTT ROSER: Nein, überhaupt nicht, so wie kein Mensch auf mein Gebet angewiesen ist. Aber dieses Gebet verbindet, und es segnet. Es gibt die Überlieferung, dass ein Mönch einmal gefragt wurde, warum er für die Toten bete, und dann hat er gesagt: „Es ist wie ein Blumenstrauß, den jemand im Himmelreich entgegennehmen und sich daran freuen kann.“ Das ist doch eine schöne Vorstellung. Kann man Christ sein, ohne zu beten? TRAUGOTT ROSER: Ja, denn Menschen, die nicht mehr beten können oder es nie gelernt haben, können dennoch in einem Gottesbezug stehen. Christsein ohne in einem Gottesbezug zu stehen, halte ich dagegen für kaum denkbar, weil es beim Christsein um Kommunikation geht und um ein In-Beziehung-Sein mit Gott. Wer dieser für mich ist, wie ich ihn mir vorstelle, wird jeder Mensch für sich selbst unterschiedlich beschreiben. Aber ich meine, dieses In-Beziehung-Sein mit Gott bedarf einer Gestaltung. Dazu gehört ja auch, dass man in gewisser Weise mit dem Beten vertraut werden muss. Beten versteht sich nicht von selbst, sondern man muss es einüben und es braucht Vorbilder. Eine der wichtigsten Aufgaben ist es, die nächste Generation in die Praxis des Gebets mit hineinzunehmen. Sind Sie der Auffassung, dass auch im Theologiestudium Beten gelernt und gelehrt werden soll? TRAUGOTT ROSER: Das geschieht schon, aber wir lehren Beten natürlich als Theorie der Praxis. Das heißt, wir unterrichten Studentinnen und Studenten über die verschiedenen Formen des Gebets, und wir praktizieren das gemeinsame Gebet nur in Form von Andachten und Universitätsgottesdiensten. In einer theologischen Lehrveranstaltung kann ich nicht voraussetzen, dass alle Studentinnen und Studenten die Zuschreibung einer Gottesbeziehung für sich gelten lassen, denn es gibt nicht wenige, die sich als Atheisten verstehen und die trotzdem akademische Theologie studieren. Sie haben auch das Recht dazu und dürfen nicht zu einer Praxis genötigt werden, die laut Grundgesetz Bestandteil der Religionsfreiheit ist, ob positiv oder negativ. Es gibt das berühmte Wort von Dietrich Bonhoeffer: „Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.“ Wie sehen Sie das Verhältnis von Gebet und Tat? TRAUGOTT ROSER: Mein Fach, die Praktische Theologie, ist die Schwesterdisziplin der theologischen Ethik. Wir beide haben es mit der Praxis des Christentums zu tun, zum Beispiel mit der Frage, wie verhalte ich mich den Zehn Geboten und dem Doppelgebot der Nächstenliebe entsprechend in den konkreten ethischen Herausforderungen unserer Gegenwart. Wenn ich bete, bringe ich vor Gott, was mein Innerstes ist. Das ist, glaube ich, was Bonhoeffer mit diesem aufrichtigen Wort auch meint. Im Beten höre ich schnell auf, viele und möglichst glanzvolle Worte zu machen. Schon Jesus warnt sehr vor den Show-Betern. Die gibt es leider auch, aber das würde ich nicht gelten lassen. In der christlichen Tradition gibt es vielmehr dieses innere Kämmerlein, in dem man sich ehrlich öffnet und ausspricht vor Gott. Und wenn ich ehrlich etwas vor Gott ausspreche, dann schafft es eine Wirklichkeit für mich, auf die ich auch wieder zurückblicken kann. Wenn ich für jemanden anderen bete, werde ich mir danach auch die Frage stellen, wie verhalte ich mich eigentlich zu diesem anderen Menschen. Gilt so etwas auch für das Gebet in Gemeinschaft? TRAUGOTT ROSER: Natürlich. Das Fürbittgebet ist ein wesentlicher Bestandteil des Gottesdienstes, weil es tatsächlich die Herzensanliegen der Menschen als Gemeinde vor Gott bringt und damit die Gemeinde danach fragt, wie sie als Einzelne und als Gemeinschaft handelt. Wenn wir für Flüchtlinge beten und für alle, die Flüchtlingen helfen, ist das immer die Rückfrage an uns selbst: Entsprechen wir dem, was wir beten? Solches Beten hat – davon bin ich überzeugt – eine absolut motivierende Wirkung. Dazu gehört natürlich auch das Gebet für Kranke und für Sterbende. Das alles stiftet und stärkt ein semantisches Bewusstsein, dass das relevante Themen sind und bleiben – ganz unabhängig von der Tagespolitik. Ich glaube, die Kirche macht sich viel zu wenig bewusst, dass sie mit dem Beten für andere einen ganz elementaren Beitrag zur politischen Kultur in unserem Land leistet – mehr als mit Denkschriften oder mit Worten der Kirchenleitung. Das Gespräch führte Reinhard Mawick am 26. September in Münster/Westfalen.

Traugott Roser

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