Subjekt ist die Gemeinde

Gespräch mit der Dogmatikerin Dorothea Sattler über Abendmahlsverständnis- und praxis der römisch-katholischen Kirche und eine Abendmahlsgemeinschaft mit der evangelischen Kirche
Foto: privat
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In der römisch-katholischen Kirche verwandelt der Priester die Hostie in den Leib und den Wein in das Blut Christi, wenn er die Einsetzungsworte des Abendmahls zitiert. Und umgekehrt tut sich im evangelischen Abendmahl nichts, denn es wird von Frauen und Männern geleitet, die ja aus katholischer Sicht nicht richtig ordiniert, sondern genau genommen verkleidete Geistliche sind. Diese Auffassungen korrigiert Dorothea Sattler, die an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster lehrt.

zeitzeichen: Frau Professorin Sattler, die Mitglieder der römisch-katholischen Kirche müssen die Sonntagspflicht erfüllen, das heißt, sie müssen jeden Sonntag die Messe besuchen. Schließt das auch die Verpflichtung ein, am Abendmahl teilzunehmen?

Dorothea Sattler: Die Sonntagspflicht schließt nicht die Verpflichtung ein, am Mahlgeschehen teilzunehmen. So sind auch diejenigen zur Mitfeier der Messe verpflichtet, die kirchenrechtlich vom Empfang des Sakramentes ausgeschlossen sind.

Wenn der Besuch der Messe, des Abendmahlsgottesdienstes, verpflichtend ist, aber nicht die Teilnahme am Abendmahl, warum ist Katholiken dann die Eucharistie-feier so wichtig?

Dorothea Sattler:Die Praxis, am ersten Tag der Woche die Eucharistie zu feiern, hat sich früh herausgebildet. Und mit der Orthodoxie bedenken wir den ersten Tag der Woche als Ostergedächtnistag mit hoher Wertschätzung.

Für Protestanten hat ein Gottesdienst ohne Abendmahl, ein „Wortgottesdienst“, wie Katholiken sagen, denselben Wert wie ein Abendmahlsgottesdienst. Warum ist das bei Katholiken anders?

Dorothea Sattler: Das römisch-katholische Kirchenverständnis ist sehr stark eucharistisch ausgerichtet. Die Gemeinschaft der Getauften soll Woche für Woche, oder – wer möchte – auch Tag für Tag in der Eucharistie das Gedächtnis Jesu Christi in sakramentaler Gestalt feiern.

Aber die Gemeinschaft der Getauften kann sich ja auch als hörende Gemeinschaft um die Kanzel versammeln. Warum ist für Katholiken das Sakramentale so wichtig?

Dorothea Sattler: Das Sakramentale lässt in besonderer Weise erfahren, dass die Präsenz Gottes in Jesus Christus ein Geschenk ist, eine Gabe, ein Geheimnis, das Gott selbst offenbart. Auch wir Katholiken haben seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil die Wortverkündigung und das Hören auf das Evangelium im Gottesdienst neu schätzen gelernt. Auf der anderen Seite wird von evangelischen Christen das Sakrament des Abendmahls wieder stärker wertgeschätzt.

Was geschieht eigentlich, wenn der Priester die Einsetzungsworte spricht?

Dorothea Sattler:Nach der Lehr-tradition geschieht die Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Jesu Christi. Diese ist aber nicht auf den Moment beschränkt, in dem der Priester die Einsetzungsworte spricht, denn diese sind in das eucharistische Hochgebet eingebunden, das mit der Präfation beginnt und der Doxologie schließt. Das heißt – und das ist ökumenisch relevant: Es ist nicht der Priester, der mit seinen Worten die Mahlgaben verwandelt. Vielmehr ruft er als Vorsteher der Eucharistie, als der von der Kirche Berufene, im eucharistischen Hochgebet den Heiligen Geist an. Der Heilige Geist verwandelt Brot und Wein. Und er verwandelt auch die Gottesdienstgemeinde. Wir unterscheiden zwischen einer Gabenepiklese, der Herabrufung des Heiligen Geistes auf die Mahlgaben, und einer Gemeindeepiklese, der Herabrufung des Heiligen Geistes auf die Gemeinde. Auch sie soll im Geist Jesu Christi verwandelt, erneuert werden.

Bleiben wir bei der Wandlung der Gaben. Da hört man mitunter den Einwand, ein Chemiker würde bei der Untersuchung der geweihten Hostie und des geweihten Weines feststellen, dass das Brot Brot und der Wein Wein geblieben ist und sich kein Blut nachweisen lässt.

Dorothea Sattler: Nach der Transsubstantiationslehre bleibt das Brot Brot und der Wein Wein – der äußeren, sichtbaren Erscheinung nach. Thomas von Aquin nennt dies die Akzidenzien. Alles was man sehen, fühlen und schmecken kann, bleibt Brot und Wein. Aber das Wesen der Mahlgaben – ihre „Substanz“ im damaligen Wortsinn – wird verwandelt, wenn der ordinierte Vorsteher der Eucharistiefeier dieses Geschehen in einen Bezug setzt zu Jesu Leiden und Sterben, seiner Lebenshingabe für uns. Das Brechen des Brotes und seine Austeilung sowie das Kreisen des Bechers sind das äußere Zeichen für die Vergegenwärtigung des Todes Jesu, seiner Bereitschaft, sich für uns hinzugeben und so eine Gemeinschaft – biblisch gesprochen: einen unverbrüchlichen Bund – auch mit Sündern und Sünderinnen zu stiften.

Diese Vergegenwärtigung findet aber nicht einfach im Kopf derer statt, die die Eucharistie mitfeiern und Brot und Wein empfangen.

Dorothea Sattler: So ist es. Nach römisch-katholischer Vorstellung ist die Wandlung der Mahlgaben nicht abhängig davon, ob jemand anerkennt, was im Sinne des Glaubens der Kirche geschehen ist. Jesus Christus hat versprochen, „das ist mein Leib“ und „das ist mein Blut“, darauf verlassen wir uns. Aber die Verwandlung des Menschen, der an der Eucharistie teilnimmt, ist nach der römisch-katholischen Sakramentenlehre dadurch bestimmt, wie aufnahmefähig und aufnahmebereit er oder sie ist. Es geschieht also nicht an allen dasselbe in der Eucharistie. Wie die Feier der Eucharistie wirkt, ist vielmehr von der subjektiven Disposition abhängig.

Aber die Qualität der Gabe hängt nicht vom Verständnis des Menschen ab. Es handelt sich vielmehr um eine objektive Gabe, die zum Beispiel auch ein geistig Behinderter empfängt, also jemand, der nicht versteht, was die Kirche über die Eucharistie lehrt?

Dorothea Sattler: Ja, es ist eine objektive Gabe, denn Jesus Christus verbürgt sie. Seine Gegenwart wird allen in gleicher Weise angeboten.

Inwiefern spielt dann die subjektive Disposition, die Sie erwähnt haben, eine Rolle?

Dorothea Sattler: Es gibt situative Begrenzungen der Aufnahmefähigkeit, zum Beispiel durch Müdigkeit, Trägheit, Unversöhntheit oder Zweifel. Die römisch-katholische Sakramentenlehre geht davon aus, dass das Angebot objektiv ist, aber nicht für alle in gleicher Weise wirksam wird.

Wenn Jesus Christus objektiv in den Abendmahlsgaben anwesend ist, ist diese Anwesenheit stärker und für den Glaubenden gewisser als die Anwesenheit in seinem Wort?

Dorothea Sattler: Nein, nicht stärker, aber anders. Nach der Liturgie-konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils gibt es mehrere Formen der wirklichen, realen Anwesenheit Jesu Christi, der Realpräsenz, also auch im verkündigten Wort und in der feiernden Gemeinde. Und in der Eucharistiefeier wird nicht die Person Jesu Christi schlechthin gegenwärtig, sondern seine Lebensgeschichte, sein Lebensgeschick, seine Lebenshingabe.

Das heißt also, wenn Hostie und Wein Fleisch und Blut werden, geht es um mehr als um den Körper Jesu.

Dorothea Sattler: Genau. Körper ist nicht Leib. Der Leib eines Menschen ist im biblischen Sinne seine Persönlichkeit mit ihren sozialen Beziehungen und ihrer Geschichte. Es geht auch nicht um das Blut als einer Körperflüssigkeit, sondern um die Person Jesus Christus und die Beziehung zu ihr, um die Vergegenwärtigung ihrer Bereitschaft, sich für uns hinzugeben. Es geht letztlich um die Vergegenwärtigung seines Geschicks. Es geht um Aktualpräsenz: Jesu Beziehung zu uns wird vergegenwärtigt.

Jesus Christus tut etwas durch die Eucharistie?

Dorothea Sattler: Ja. Er bleibt der Herr des Mahles und ist gegenwärtig im Heiligen Geist.

Wenn Jesus Christus in der Eucharistie etwas an, etwas mit denen tut, die Brot und Wein empfangen, dann wäre es doch logisch, die römisch-katholische Kirche, ja alle Kirchen würden jeden beim Abendmahl willkommen heißen, ob er getauft ist oder nicht. Man müsste Anders- oder Ungläubige nur noch vorher warnen, dass ihnen etwas passieren kann, so wie der Raucher auf einer Zigarettenpackung vor dem Genuss des Tabaks und des Rauches gewarnt wird. Nur dass es in diesem Fall um etwas Heilsames geht, das das Leben verwandeln kann.

Dorothea Sattler: Wenn die römisch-katholische Kirche nur ihre Mitglieder zum Abendmahl zulässt, widerspricht sie damit nicht der Tatsache, dass Jesus Christus sich allen anbieten will, dass er in der Eucharistie handelt und dabei etwas Heilsames geschieht. Aber die eucharistische Gemeinschaft ist nach römisch-katholischem Verständnis Abbild und Vollzug der bereits bestehenden Kirchengemeinschaft. Daher setzt eine Abendmahlsgemeinschaft die Kirchengemeinschaft voraus.

Welchen Ermessensspielraum hat nach römisch-katholischer Lehre bei der Gewährung oder Inanspruchnahme eucharistischer Gastfreundschaft das Gewissen, derer, die der Eucharistiefeier vorstehen, und derer, die die Hostie empfangen, zum Beispiel der Protestantin, die mit einem römisch-katholischen Mann verheiratet ist?

Dorothea Sattler: Der Papst hat vor einiger Zeit beim Besuch der evangelischen Christuskirche in Rom einer Besucherin, die ihn nach der Zulassung zur Eucharistie gefragt hat, geantwortet, sie sei doch getauft und solle ihrem Gewissen folgen. Und was der Papst geraten hat, ist ja in vielen römisch-katholischen Gemeinden pastorale Praxis. Offiziell gibt es die Richtlinie, dass ein Priester einen Protestanten, den er kennt, nicht zurückweisen soll, wenn dieser vor ihm steht, um das eucharistische Mahl mitzufeiern. Vielmehr soll er anschließend mit ihm sprechen und hören, aus welchen Gründen der Betreffende an der Eucharistie teilgenommen hat. Die meisten Priester, die ich kenne, folgen im Zweifelsfall eher ihrem pastoralen Gewissen als den kirchenamtlichen Richtlinien.

Rechnen Sie damit, dass Protestanten noch zu Ihren Lebzeiten offiziell zur Eucharistie zugelassen werden?

Dorothea Sattler: Ja. Zusammen mit Volker Leppin, der an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen Kirchengeschichte lehrt, leite ich den Ökumenischen Arbeitskreis evangelischer und katholischer Theologen. Dieser Kreis, Älteren noch als Jaeger-Stählin-Kreis bekannt, bereitet gerade einen Text vor, der uns einer offiziell gewährten eucharistischen Gemeinschaft näherbringen soll. Wir sind überzeugt, dass wir im Verständnis von Abendmahl und Eucharistie eine Verständigung erreicht haben und daraus nur noch Konsequenzen für die Praxis ziehen müssen. So sollten bei der römisch-katholischen Messe auch Laien aus dem Kelch trinken. Dazu ermutigt das Zweite Vatikanische Konzil. Umgekehrt sollten evangelische Pfarrerinnen und Pfarrer überlegen, wie sie mit den eucharistischen Mahlgaben umgehen, die beim Abendmahl übrig bleiben. In der römisch-katholischen Kirche wird das gewandelte Brot ja im Tabernakel aufbewahrt, vorgesehen für den Besuch bei Kranken und Alten oder für Notfälle. Im Mittelalter hat das Betrachten der gewandelten Hostie eine wichtige Rolle gespielt. Aber seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil sind wir uns in der römisch-katholischen Tradition einig, dass nicht das Anschauen des gewandelten Brotes der stiftungsgemäße Sinn der Eucharistie ist, sondern dass wir in der Eucharistie miteinander Mahl halten, essen und trinken.

Werden Sie zu Ihren Lebzeiten auch noch gemeinsame Abendmahlsfeiern erleben?

Dorothea Sattler: Was die Sache schwierig macht, ist die enge Verbindung der Eucharistie mit der Ordination, dem Amt. Da stellt sich zunächst die Frage, wer überhaupt ordiniert, also zum Pfarramt zugelassen wird. Es gibt keine dogmatischen Gründe, die Verpflichtung der römisch-katholischen Priester zum Zölibat beizubehalten. In den unierten Kirchen, den Ostkirchen, die in voller sakramentaler Gemeinschaft mit der römisch-katholischen Kirche stehen, gibt es ja Vorsteher der Eucharistie, die in der Regel verheiratet sind. Schwieriger ist es mit der Frauenordination. Die Kirchen der Reformation werden sich sicher nicht auf eine Abendmahlsgemeinschaft einlassen, wenn nur Männer der Eucharistie, dem Abendmahl vorstehen dürfen. Wir brauchen in unserer Kirche eine erneute Debatte um die Frage der Frauenordination. Aber dass diese offene Frage in meiner Lebenszeit gelöst wird, halte ich für unwahrscheinlich, auch wenn gute theologische Gründe für die Frauenordination sprechen. Für möglich halte ich aber eine Veränderung der Einladungspraxis der römisch-katholischen Kirche im Hinblick auf evangelische Christinnen und Christen.

Ist Jesus Christus nach der römisch-katholischen Lehre in einem evangelischen Abendmahlsgottesdienst anwesend, bei dem stiftungsgemäß die Einsetzungsworte gesprochen werden und wohlmöglich sogar das eucharistische Hochgebet?

Dorothea Sattler: Ältere Ökumeniker erzählen gerne, Hermann Volk, der auch in Münster Dogmatik lehrte, am Zweiten Vatikanischen Konzil beteiligt war und dann Bischof in Mainz und Kardinal wurde, habe auf die Frage, was im evangelischen Abendmahl geschehe, geantwortet, es geschehe nicht nichts. Ich kann Ihre Frage dagegen mit einem klaren Ja beantworten. Denn nach römisch-katholischer Lehre ist die Verwandlung der Gaben nicht von der Person des Vorstehers abhängig, sondern ein Werk des Heiligen Geistes. Darüber hinaus bin ich mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil überzeugt, dass der Heilige Geist auch außerhalb der Grenzen der römisch-katholischen Kirche wirkt. Fazit: Der Heilige Geist verwandelt auch in einer evangelischen Mahlfeier die Mahlgaben und die Beziehung der Gemeinde zu Jesus Christus.

Sie haben einmal in einem Interview gesagt, jede christliche Tradition sei reformbedürftig. Bleiben wir bei der evangelischen Abendmahlspraxis, wo sehen Sie da Reformbedarf?

Dorothea Sattler: Protestanten sollten die Einsetzungsworte in ein liturgisches Gesamtgeschehen, in das eucharistische Hochgebet einbetten. Und das sollte nicht jedem Pfarrer freigestellt sein. Ich hoffe, dass dies durch die Annäherung zwischen den reformierten, lutherischen und unierten Traditionen mit der anglikanischen Gemeinschaft zumindest in Europa befördert wird.

Nach evangelischem Verständnis sind die Einsetzungsworte Verkündigung. Warum sollen sie in ein Gebet, ins eucharistische Hochgebet eingebunden werden?

Dorothea Sattler: Wenn sich alles auf die Einsetzungsworte konzentriert, die die Vorsteherin oder der Vorsteher der Abendmahlsfeier sprechen, konzentriert diese sich zu sehr auf diese ordinierte Person. Durch die Einbettung der Einsetzungsworte in das Hochgebet wird die Verkündigungshandlung in die Feier der gesamten Gemeinde eingebunden, die mit ihrem Gebet das Geschehen letztlich trägt. Natürlich sind auch bei uns die Einsetzungsworte, die an Jesu Abendmahl erinnern, konstitutiv. Aber das Subjekt der Feier ist die versammelte Gemeinde. Und der Ursprung ihrer Verwandlung und der Verwandlung der Gaben ist, wie schon erwähnt, nicht der Vorsteher oder die Vorsteherin, die eine Verkündigungshandlung vollziehen, sondern der Heilige Geist, der auf die Mahlgaben und auf die Gemeinde herabgerufen wird.

Und das geschieht durch das eucharistische Hochgebet?

Dorothea Sattler: Genau. Die Epiklese, die Herabrufung des Heiligen Geistes ist ein wichtiger Teil des Hochgebetes. Und sie ist ein von den Einsetzungsworten unabhängiges, eigenes Geschehen. Insofern sind wir der Überzeugung, dass die Epiklese, also auch die Gabenepiklese für das konstitutiv ist, was in der Eucharistie geschieht. Es reicht nicht aus, nur die Einsetzungsworte zu sprechen. Das Ganze ist in der Messliturgie in die Lobpreisung Gottes eingebunden mit der das Hochgebet auch endet. So wird deutlich: Das Geschenk der Präsenz Jesu Christi, seiner Lebensgeschichte und seiner Hingabe an Gott und den Menschen, ist mehr als das, was der Vorsteher, die Vorsteherin verkündigen, wenn sie die Einsetzungsworte sprechen.

Sie haben darauf hingewiesen, worin die evangelische Abendmahlspraxis aus Ihrer Sicht reformbedürftig ist. Und wie sieht es in Ihrer Kirche aus?

Dorothea Sattler: Ich habe ja schon erwähnt, dass die Laien in der römisch-katholischen Messe in der Regel nicht den Kelch mit Wein gereicht bekommen, obwohl das erlaubt ist. Und das ist ein wichtiger Punkt für die Ökumene. Der Laienkelch ist eine zentrale Forderung der Reformatoren gewesen, und an der Verweigerung des Laienkelches durch die Altgläubigen auf dem Augsburger Reichstag 1530 ist letztlich die Einheit der westlichen Kirche zerbrochen. Es gibt keine dogmatischen Gründe dafür, dass Laien nicht aus dem Kelch trinken dürfen. Vielleicht schrecken manche Pfarrer und Gemeinden aus Gewohnheit davor zurück, oder sie haben Angst, zu stark evangelisch zu werden. Wer den Laien den Kelch vorenthält, verstößt gegen das Gebot Jesu: „Trinkt alle daraus.“

Ist die eucharistische Praxis der römisch-katholischen Kirche sonst noch reformbedürftig?

Dorothea Sattler: Ich sehe noch Handlungsbedarf im Hinblick auf die Frage, in welchem Verhältnis die im Tabernakel aufbewahrten Mahlgaben zu denen stehen, die aktuell in der Feier verwandelt werden. Wir haben eine von vielen Liturgiewissenschaftlern stark kritisierte Praxis, dass nach dem Hochgebet auch die im Tabernakel befindlichen Hostien herausgeholt und der Gemeinde ausgeteilt werden. Aber das ist nicht der Sinn der Aufbewahrung im Tabernakel. Dort sollen nur wenige Hostien aufbewahrt werden, um sie beim Besuch von Kranken und Alten oder in einem Notfall zu überbringen.

Gibt es etwas, das römische Katholiken von der evangelischen Abendmahlspraxis lernen können?

Dorothea Sattler: Ich finde es schön, dass die Gemeinde beim evangelischen Abendmahl einen Kreis um den Altar bildet. So wird deutlich: Das Abendmahl verwandelt die vielen Einzelnen trotz aller Unterschiede und Gegensätze zu einer Gemeinschaft.

Protestanten befremdet und berührt zugleich, wenn römische Katholiken die geweihte Hostie verehren, die in einer Monstranz ausgestellt wird.

Dorothea Sattler: Ich habe einmal angeregt, und manche Gemeinden haben das aufgenommen, in der Monstranz nicht eine runde Brothostie auszustellen, sondern eine gebrochene mit Ecken und Kanten. So wird deutlich, dass im Zentrum des eucharistischen Geheimnisses die Lebenshingabe Jesu Christi steht und hier sein gebrochener, getöteter Leib vergegenwärtigt wird. Das würde dann in Richtung der von mir erwähnten Aktualpräsenz gehen. Und bei der Fronleichnamsprozession könnte man auch eine Bibel mittragen, so dass deutlich wird: Jesus Christus ist jetzt nicht nur in der Brotgestalt in der Monstranz gegenwärtig, sondern auch im verkündigten Wort und in der versammelten Gemeinde, die auf dem Weg ist. Generell gilt: Die Mahlgaben sind zum Essen und Trinken da, „nehmet hin und esset“ und „trinket alle daraus“, und nicht zum Segnen und Zeigen und Schauen. Auch wenn der sakramentale Segen erteilt wird, müsste zumindest der Bezug zur Eucharistiefeier gegeben sein. Den sakramentalen Segen zum Beispiel nach einer Marienvesper zu erteilen, halte ich theologisch für schwer vermittelbar.

Das Gespräch führten Kathrin Jütte und Jürgen Wandel am 21. Januar in Münster in Westfalen.

Dorothea Sattler

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