Lebensgefährliche Konstellation

Behinderte Mädchen haben es in China besonders schwer
Mit Schwester Mi (links) trauen sich Tian Dabao (im Rollstuhl) und die anderen behinderten Jugendlichen in die Stadt.
Mit Schwester Mi (links) trauen sich Tian Dabao (im Rollstuhl) und die anderen behinderten Jugendlichen in die Stadt.
In der Volksrepublik China kümmern sich Nonnen der Patriotischen Katholischen Kirche, die mit dem Vatikan keine offiziellen Verbindungen pflegen darf, um Behinderte. Obwohl ihre Kirche vom Regime anerkannt ist, werden sie vom Staat nur wenig unterstützt. Jobst Rüthers und Kathrin Harms haben sich umgesehen und umgehört.

Was für ein schöner Name: Tian Dabao. Die 29-Jährige lächelt, als sie den Besuchern aus Deutschland ihren Namen erklärt. Der Nachname Tian heißt "Himmel" und der Vorname Dabao "großer Schatz." Dass die junge Frau einen solch wunderbaren Namen hat - wer wird schon mit "großer Schatz" angesprochen? -, steht so ganz im Widerspruch zu den Erfahrungen, die sie als Kleinkind machen musste. Denn kurz nach der Geburt war sie ausgesetzt worden. "Es gab in meiner Familie schon sieben Kinder, alles Mädchen. Und ich als letztes Kind war wieder eines", erzählt Dabao. Ihre Eltern seien vor allem damit überfordert gewesen, dass sie starke Behinderungen an Armen und Beinen aufwies. "Das konnten meine Eltern nicht ertragen, deswegen haben sie mich ausgesetzt. Jemand aus der Nachbarschaft kam gerade vorbei und sah am Straßenrand einen kleinen Karton, darin lag ich", gibt Dabao wieder, was die älteren Schwestern ihr erzählt haben.

Mit einem Monat wird sie in "eine fromme katholische Familie" vermittelt, berichtet sie. Diese hatte schon mehrere Mädchen, und als ein weiteres geboren wird, sieht sich die Pflegefamilie überfordert und gibt Dabao ab.

Schwester Wang (Mitte) leitet drei Häuser des Ordens von der Heiligen Theresa für Behinderte.
Schwester Wang (Mitte) leitet drei Häuser des Ordens von der Heiligen Theresa für Behinderte.
Im Schatten der patriotisch-katholischen Bischofskirche von Biancun werden oft Kinder ausgesetzt.
Im Schatten der patriotisch-katholischen Bischofskirche von Biancun werden oft Kinder ausgesetzt.

Sie wird in einem kleinen Heim der Ordensschwestern von der Heiligen Theresa aufgenommen. Weil Tian Dabao ihre Arme und Beine nicht bewegen kann, ist sie auf Unterstützung angewiesen, um die alltäglichen Dinge zu verrichten. Aber zugleich besitzt sie Fähigkeiten, die Einschränkungen auszugleichen: So führt sie mit großer Geschicklichkeit beim Malen den Pinsel mit dem Mund. Und sie zieht einen Faden durch das Öhr einer dünnen Nadel und reiht dann mit dem Mund Perle an Perle.

Mädchen und behindert - das ist in der Volksrepublik China bis heute eine lebensgefährliche Konstellation. In dem Riesenland herrschte ja bis vor kurzem noch eine rigide Ein-Kind-Politik. Wer mehr als das staatlich erlaubte Kind bekam, wurde mit hohen Gebühren und gesellschaftlichen Nachteilen bestraft. Und das führte dazu, dass weibliche Föten abgetrieben wurden. Und Eltern fühlten sich unter Druck, dass das einzige Kind wenigstens "perfekt" ist. Und wenn eines mit Behinderungen oder gesundheitliche Einschränkungen auf die Welt kam, sahen viele Eltern einen Ausweg darin, es auszusetzen.

Wenig Förderung

Wie die Eltern von Tian Dabao und die von sechshundert weiteren Kindern, die seit 1988 vor der katholischen Bischofskirche von Biancun ausgesetzt worden sind, wohl in der Hoffnung, dass sie rechtzeitig gefunden und versorgt werden. Damals belebte der Bischof eine Schwesterngemeinschaft wieder, die während der Kulturrevolution verboten worden war. Er gab ihr den Auftrag, Waisenhäuser aufzubauen und ausgesetzten Kindern eine Heimat zu geben.

Die kleine Gruppe der Schwestern von der Heiligen Theresa wuchs sehr schnell. Unweit des Bischofshauses errichteten sie das erste Waisenhaus "Liming Family". Die heutige Leiterin, Schwester Wang Qinfen, erinnert sich an die mühsamen Anfänge: "Der Staat hat die Gründung unserer Ordensgemeinschaft nicht gerne gesehen. Nur weil wir uns um die vielen ausgesetzten und behinderten Kinder gekümmert haben, ließen sie uns in Frieden." Heute, 28 Jahre später, gehören der Ordensgemeinschaft hundert Schwestern an. Und dreißig junge Frauen befinden sich in der ordenseigenen Ausbildung. Der Bedarf an engagierten Kräften, die sich um die Behinderten kümmern, ist groß.

Tian Dabao fädelt Perlen mit dem Mund ein. Mit ihm malt sie auch.
Tian Dabao fädelt Perlen mit dem Mund ein. Mit ihm malt sie auch.

Schätzungen sprechen davon, dass in China etwa 80 Millionen Behinderte leben. Und weil es bis heute zu wenig Fördereinrichtungen und gezielte Unterstützungsprogramme für Behinderte gibt, wird ihre Existenz oftmals geleugnet. "In der nahegelegenen Kreisstadt Ningjin gibt es nur eine Schule für Sehbehinderte und keine Schule für Menschen mit geistiger Behinderung", sagt Schwester Wang. Und in den Familien leben viele Menschen mit einer geistigen Behinderung ohne Förderung, klagt die 45-jährige Ordensfrau: "Die Dunkelziffer ist nach meiner Einschätzung sehr hoch, weil viele Behinderte versteckt werden." Liming Family sucht aktiv den Kontakt zu den betroffenen Familien. Häufig wird der über Kirchengemeinden angebahnt. In der Familie Gu sind beide Söhne seit der Geburt geistig behindert. Der jüngere, Bingbing, ist 28 und sein Bruder Zongzong zwei Jahre älter. Er wird von seinen Eltern als besonders pflegebedürftig eingeschätzt. Der Staat zahlt nur eine geringe finanzielle Unterstützung. An schulische oder sonstige Förderung ist nicht zu denken. Schwester Wang schaut alle paar Wochen bei der Familie vorbei. Heute bringt sie dreißig Eier. Die Eltern machen sich große Sorgen, wie es mit den beiden Söhnen weitergeht, wenn sie diese nicht mehr versorgen können. Ob für den jüngeren Sohn wohl irgendwann ein Platz in einer Werkstatt gefunden werden kann?

Schwester Wang würde das begrüßen, ist aber skeptisch, ob es klappt. In dem Ort mit seinen rund zehntausend Einwohnern leben dreißig behinderte Kinder, die bisher vergeblich auf Fördermöglichkeiten warten. ? Die Schwestern überlegen deshalb, neue Programme für die ambulante Tagesverpflegung anzubieten. Aber noch wissen Schwester Wang und ihre Mitstreiterinnen nicht, wie sie diese finanzieren können. Sie berichtet von langen Auseinandersetzungen mit den Behörden, um wenigstens eine geringe Unterstützung zu erhalten. "Früher hieß es: die Kinder gehören nicht in die Gesellschaft. Es wurde von menschlichem Müll geredet. Ich habe mich dann ins Amt gesetzt und gesagt, dass ich erst gehe, wenn sie mir Geld für die Kinder geben."

Mehr als 15 Jahre hat Schwester Wang für die finanzielle Unterstützung und die Anerkennung der Behinderten gekämpft, doch langsam erntet sie die Früchte. "Früher wurde uns polizeilich verboten, in der Öffentlichkeit über die Probleme der Behinderten zu sprechen. Jetzt kommen der Bürgermeister und Behördenvertreter in unser Heim, um sich zu informieren. Wir werden eingeladen, Vorträge zu halten und können unsere Filme zeigen", lächelt die resolute Ordensfrau. Sie freut sich über Lebensmittel- und Sachspenden aus der Nachbarschaft von Liming Family und zahlreiche Hände, die unentgeltlich mit anpacken.

Schwester Wang und Tian Dabao.
Schwester Wang und Tian Dabao.

Das Priesterseminar schickt regelmäßig drei Studenten, die im Heim mithelfen. Und auch unter den Einwohnern von Tangqiu finden sich Freiwillige. Die pädagogische und pflegerische Arbeit leisten neun Ordensschwestern, die aber meist keine entsprechende Ausbildung haben.

Aufenthalt in Belgien

Heute hat Schwester Mi Lihong Tagschicht. Die Hälfte ihrer 35 Lebensjahre hat sie im Orden der Heiligen Theresa verbracht. Eingetreten ist sie mit 17, als ihre Eltern sie gegen ihren Willen verheiraten wollten. "Sie sagten mir, dass ich am nächsten Tag dem Heiratskandidaten vorgestellt werde. Ich war entsetzt und bin in die Kirche gegangen, um zu überlegen, was zu tun ist. Ich habe mich dann gegen die Heirat und für den Orden entschieden", gegen den Willen des Vaters. Denn der wollte das nicht, "weil er Repressalien des Staates gegen die Kirche befürchtete", erinnert sich Schwester Mi. Es habe viele Jahre gedauert, sich mit dem Vater auszusöhnen.

Um sich auf die Arbeit mit Behinderten vorzubereiten, studierte sie im Fernstudium Psychologie. Später ermöglichte ihr der Orden einen zweijährigen Aufenthalt in Belgien, wo sie in einer sonderpädagogischen Einrichtung arbeitete.

Die beiden Söhne des Ehepaares Gu sind geistig- und die Großmutter ist gehbehindert. Schwester Wang schaut alle paar Wochen bei der Familie vorbei.
Die beiden Söhne des Ehepaares Gu sind geistig- und die Großmutter ist gehbehindert. Schwester Wang schaut alle paar Wochen bei der Familie vorbei.
Im Waisenhaus "Liming Family" kümmert man sich auch um die Frühförderung von Kindern.
Im Waisenhaus "Liming Family" kümmert man sich auch um die Frühförderung von Kindern.

In China gibt es viel zu wenig Fördereinrichtungen, Differenzierung und Spezialisierung, und so gibt es auch viel zu wenig ausgebildetes Personal. In der Arbeit mit Behinderten sei China noch Entwicklungsland, urteilt Schwester Mi. Und sie erzählt eine Geschichte: "Der liebe Gott trifft sich mit seinen Engeln und verteilt Aufgaben. Als der letzte Engel auf seine Aufgabe wartet, die er auf der Erde zu erfüllen hat, sagt Gott zu ihm: Du gehst als Behinderter in die Welt! Der Engel ist entsetzt. 'Warum muss ich das?', fragt er. Und Gott antwortet ihm: 'Damit die Menschen Gelegenheit haben, die Liebe zu üben!'"

Text: Jobst Rüthers / Fotos: Kathrin Harms

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