Die Liebe obsiegt

Gespräch mit dem Merseburger Sexualwissenschaftler Konrad Weller über sexuelle Liberalisierung, sexuelle Erfahrungen und die Folgen
Foto: privat
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Jungen und Mädchen kommen heutzutage durch das Internet früh in Kontakt mit Sexualität und Pornografie. Und trotzdem erlebt die Mehrheit von ihnen ihr erstes Mal in einer festen Beziehung, wie der Merseburger Sexualwissenschaftler Konrad Weller in einer Studie herausgefunden hat. Beziehungsloser Gelegenheitssex hat also nicht zugenommen.

zeitzeichen: Herr Professor Weller: „Immer früher, immer freier“ lautet der Tenor der Medien und Sachbuchautoren zum Thema Sexualität heute. Können Sie diesen Trend bestätigen?

Konrad Weller: Die sexuelle Liberalisierung, die seit den späten Sechzigerjahren eine Befreiung des sexuellen Verhaltens, Erlebens, Denkens mit sich gebracht hat, hält an. Insofern ist immer freier zutreffend. Ihr Kern war Selbst- und nicht Fremdbestimmung. Was man wann und mit wem tut, machen die Individuen einvernehmlich miteinander aus. Alles ist moralisch, wenn es ausgehandelt wird. Selbstbestimmung und Konsensmoral sind wichtige Kriterien. In den Siebzigerjahren verschob sich auch der Zeitpunkt des ersten Geschlechtsverkehrs nach vorn, diese generelle Vorverlagerung ist nicht mehr beobachtbar. Aber man kann sagen, dass mit der sexuellen Liberalisierung die Jugendsexualität überhaupt erst erfunden wurde.

Warum?

Konrad Weller: Bis in die Sechzigerjahre war es üblich, dass partnerschaftliche Sexualität in die Ehe gehörte. Sie durfte Lust bereiten, aber ihr eigentlicher Zweck war die Fortpflanzung. Dank der Entwicklung sicherer Verhütungsmittel wie der Pille wurde vorehelicher Geschlechtsverkehr möglich, und dadurch sank das Einstiegsalter für den ersten Geschlechtsverkehr bis in die späten Siebzigerjahre generell. Seither liegt es im Durchschnitt bei 17 Jahren, da hat sich seit dreißig Jahren nichts geändert. Unsere aktuelle jugendsexuologische Studie belegt allerdings Differenzierungsprozesse: die einen früher, die anderen später.

Inwiefern?

Konrad Weller: Nach unseren Ergebnissen haben zehn Prozent der Heranwachsenden, Jungen wie Mädchen, schon vor dem 14. Geburtstag ihren ersten Geschlechtsverkehr – das gab es vor 25 Jahren noch so gut wie nicht. Andererseits gibt es einen konstant hohen Anteil von Jugendlichen, die bis weit bis nach dem 18. Geburtstag warten. Studien, in denen Ältere befragt wurden, zeigen, dass es unter Mitzwanzigern noch über zehn Prozent weibliche oder männliche Jungfrauen gibt. Die heißen heute absolute beginners.

Woher kommen diese bemerkenswerten Unterschiede?

Konrad Weller: Die Ursachen können individuell ganz unterschiedlich sein. Aber es gibt auch einige überindividuelle Tendenzen. Soziale Herkunft und damit vorprogrammierter Bildungsweg und Bildungserfolg haben starken Einfluss auf den Einstieg in partnerschaftliche Sexualität. Tatsächlich ist es so, dass Heranwachsende mit kürzeren Bildungswegen in aller Regel früher partnerschaftlich sexuell aktiv werden. Aber die anderen sind deshalb noch lange keine asexuellen Wesen. Selbstbefriedigung hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verbreitet.

Was steckt hinter diesen Bildungsunterschieden?

Konrad Weller: Es ist gar nicht so einfach, empirisch vorfindbare Zusammenhänge gut zu interpretieren. Ein wertfreier Ansatz wäre der zu sagen, dass sich Entwicklungsaufgaben im Lebenslauf früher oder später stellen und von Jugendlichen entsprechend früher oder später bewältigt werden. Wer mit 16 „aus der Schule kommt“, ist eher erwachsen als jemand, der mit 29 Jahren sein Hochschulstudium endlich abschließt. Zum Erwachsenwerden gehört dann auch das Eingehen einer Liebesbeziehung und der Erwerb sexueller Erfahrung.

Ein andere Interpretation wäre, dass Sexualität und partnerschaftliches Leben, über den unmittelbaren Lustgewinn hinaus, auch eine Art von sozialer Integration darstellt. Wenn ich sexuell für das andere Geschlecht oder potenzielle Partner attraktiv bin, hebt das das Selbstwertgefühl. Möglicherweise können so bestimmte Selbstwertdefizite in anderen Lebensbereichen kompensiert werden.

Aber ich möchte vermeiden, aus einer Mittelschichtperspektive heraus, das eine sexuelle Verhalten als richtig und das andere als defizitär und risikoreicher zu bewerten. Das wäre pauschal und tatsächlich auch empirisch nicht belegbar.

Gehen Ältere verantwortlicher mit Sexualität um?

Konrad Weller: Die Frage des richtigen Zeitpunkts für den Einstieg in partnerschaftliche Sexualität ist nicht primär eine des Alters, sondern der Bedingungen, unter denen das erste Mal stattfindet. Statistisch betrachtet haben allerdings sehr frühe Beginner etwas häufiger Probleme, fühlen sich zum Beispiel Mädchen unter Druck gesetzt. Andererseits gibt es eine Studie der Universität Potsdam, die zeigt, dass ein relativ früher Einstieg zu mehr Erfahrung und Kompetenzzuwachs führt. Und insgesamt ist – historisch betrachtet – jugendliches Sexualverhalten verantwortungsbewusster geworden. Zum Beispiel wird beim ersten Mal viel besser verhütet als früher. Insofern sollten Erwachsene jugendlicher Sexualität vor allem Respekt zollen und nicht immer wieder pauschale Stereotype angeblicher Verfrühung, Unaufgeklärtheit oder gar Verwahrlosung bemühen.

Es ist unbestritten, dass der Zugang zu pornografischem Material einfacher geworden ist. Was hat dies für Folgen? Was bedeutet es für Jugendliche, wenn sie im Internet Sex erleben können, ohne schon selbst welchen zu haben?

Konrad Weller: Die medientechnologische Entwicklung hat die Schwellen der Zugänglichkeit gesenkt. Jungen und Mädchen kommen heutzutage frühzeitig via Internet mit Pornografie in Kontakt. Mädchen bleiben in aller Regel sehr reserviert, entwickeln allenfalls eine gewisse Toleranz. Jungen und Männer nutzen Pornografie häufig zur sexuellen Stimulation bei Selbstbefriedigung. Die allermeisten entwickeln bei aller Neugier Vorlieben für bestimmte Plots, die sie als erregend empfinden und dann auch systematisch suchen. Es gibt eine gewisse Gewöhnung und auch eine mediengestützte Erweiterung sexueller Scripte, aber in der Regel keine Abstumpfung und suchtartige Entwicklung. Pornografie wirkt, indem sie sexuell stimuliert. Persönlichkeitsverändernde Langzeitwirkungen gibt es unbestritten auch, aber nicht massenhaft. Die immer wieder vorgetragene Sorge, dass sich Heranwachsende frauenfeindliche Scripte anmasturbieren, ist unbegründet und unbelegt. In unseren historischen Vergleichsstudien können wir zwei Jugendgenerationen vergleichen, eine mit sehr geringer und eine mit großer Pornografieerfahrung. Und wir können zum Beispiel prüfen, ob an der These etwas dran ist, wonach Pornografieerfahrung zu Bindungslosigkeit führt.

Und stimmt die These, dass Pornografie zu Bindungslosigkeit führt?

Konrad Weller: Nein. Wir stellen fest: 80 Prozent der Jugendlichen, Mädchen etwas häufiger als Jungen, haben seit Jahrzehnten unverändert ihr erstes Mal in einer festen Beziehung. Beziehungsloser Gelegenheitssex hat historisch nicht zugenommen. Der Mythos, dass die Jugendlichen das pornografische Modell übernehmen, stimmt nicht. Ja, ich halte es aus entwicklungspsychologischer Perspektive für geradezu absurd, dass man Medien überhaupt so eine Wirkmächtigkeit unterstellt. Bindungsfähigkeit – und auch Störungen derselben – entwickelt sich in zwischenmenschlichen Kontakten von frühester Kindheit an. Eine gute Mutter-Vater-Bindung ist der Baustein, aus dem spätere Bindungs- und Liebesfähigkeit entsteht.

Was ist ein Script, und wie entsteht es?

Konrad Weller: Die psychosexuelle Entwicklung eines Menschen ist ein Lernprozess, ist Wissens- und Erfahrungserwerb, ist Erwerb sexueller und geschlechtlicher Identität. Kinder im zweiten Lebensjahr können Geschlechter zuordnen und ordnen sich selbst geschlechtlich zu.

Etwas später folgt die nach Sigmund Freud benannte ödipale Phase. Es entwickelt sich das Begehren zu den Eltern, den Geschwistern und anderen Menschen. Das sexuelle Wissen entwickelt sich. Kinder sehen Schwangere und wollen wissen, wo sie selber herkommen. So entsteht ein zunächst noch sehr fortpflanzungsbezogenes Script, also eine erste Vorstellung über Formen und Funktionen von Sexualität. Ein sexuelles Script unterliegt einer lebenslangen Entwicklung, die Erfahrungen und Begehrensformen speichert. Alles, was uns lustvoll erscheint, werden wir in unser Repertoire, in unser Script übernehmen, negative Erfahrungen werden wir künftig meiden. Allerdings sind sexuelle Scripte und darin enthaltene Orientierungen oft schon biografisch früh sehr stabil, erscheinen als unveränderbar, quasi angeboren.

Wie kann man die Entwicklung eines sexuellen Scripts unterstützen?

Konrad Weller: Die sexuelle Sozialisation beginnt am ersten Lebenstag. Daher muss die erzieherische Begleitung früh einsetzen. Natürlich gibt es in frühester Kindheit noch keine kognitive Wissensvermittlung, sondern einen zärtlichen Umgang miteinander und Hautkontakt. Familiäre Rituale und der Umgang mit Nacktheit befriedigt kindliche Neugier. Kinder wissen schon als kleine Wesen, wie Mann und Frau, Vater und Mutter aussehen und erkunden selber ihren Körper. Manche Kinder entwickeln bereits in frühen Jahren autoerotische genitale Praktiken, andere ihr Leben lang nicht. Bei aller Regelhaftigkeit, die die psychosexuelle Entwicklung mit sich bringt, gilt nicht, dass alle nur die gleichen Erfahrungen machen müssen, um gesunde Kinder zu sein. Sexualität ist unbegrenzt vielfältig, wie das der Sexualforscher Alfred Charles Kinsey einmal formuliert hat.

Welche Faktoren sind noch wichtig für die Entwicklung des sexuellen Scripts?

Konrad Weller: Welche männlichen und weiblichen Rollenmuster vorgelebt werden, ist immanent wichtig, und daraus gestaltet sich ja dann eine Geschlechtsidentität. Später nimmt über den Wissenserwerb, gestützt durch Eltern, Schule, Gleichaltrigengruppe und Medien der kognitive Anteil an der Scriptentwicklung zu. In der Pubertät erfolgt der körperliche Übergang von der kindlichen zur erwachsenen Sexualität, der wiederum psychisch verarbeitet werden muss. Bei Freud gab es die Idee einer zweitzeitigen Sexualentwicklung, Frühblüte, Latenz, Pubertät und das war’s. Aus heutiger Sicht und angesichts der sich rasant entwickelnden Sexualkultur wäre es zweckmäßiger, von einer Mehrzeitigkeit oder zumindest von einer potenziellen Mehrzeitigkeit sexueller Entwicklung zu sprechen. Wir haben heute viele Menschen, die sich zwischen zwanzig und dreißig sexuell noch einmal neu orientieren.

Das heißt?

Konrad Weller: Wenn sich ein Familienvater mit Mitte dreißig entscheidet, fortan in schwuler Partnerschaft zu leben, stellt sich die Frage, ob er nicht schon immer homosexuell veranlagt war. Was ja sein kann. Aber warum sollte ein sexuelles Script nicht flexibel sein und andere Formen von Bindung und sexueller Praxis im Laufe der Biografie ermöglichen? Meiner Ansicht nach gehört zu einem gelungenen Leben, dass wir uns als Sexualwesen weiterentwickeln. Ich habe nichts gegen gute Routinen im Leben, aber heutzutage sind wir auch in unserer Sexualkultur mobil und beweglich.

Was lässt sich noch über die heutige Sexualkultur sagen?

Konrad Weller: Die Vorstellungen von „normaler“ oder anstrebenswerter Sexualität sind einerseits sehr stabil. Es gibt seit vielen Jahren, vielleicht seit Oswalt Kolle (1928–2010) und seinen aufklärerischen Filmen über das „Wunder der Liebe“ und über „Die Frau, das unbekannte Wesen“, die Vorstellung, dass ein beiderseitiger Orgasmus beim Geschlechtsverkehr wünschenswert ist. Gleichzeitig werden die Vorstellungen von Sexualität und die gelebte Praxis aber immer vielfältiger. Aus dem guten alten Geschlechtsverkehr sind längst sexuelle Praktiken geworden. Zum Beispiel hat bei Heterosexuellen der Analverkehr zugenommen – was durchaus auch auf pornografische Anregung zurückzuführen sein könnte. Aber das Entscheidende ist: Sexualpartner sprechen miteinander und probieren aus. Wir erleben – trotz gelegentlicher Gegenbewegungen – eine wachsende Toleranz und Akzeptanz von sexueller Vielfalt. Empirische Befunde zeigen, dass besonders Jugendliche dieser Vielfalt aufgeschlossen begegnen und sie zum Teil auch leben. Ein weiterer Aspekt unserer sexualkulturellen Entwicklung ist, dass sich die Sensibilität gegenüber sexuellen Übergriffen und sexueller Gewalt deutlich verstärkt hat.

Wenn Sie sich umschauen, ist die sexuelle Befreiung gelungen?

Konrad Weller: Deutschland ist sexualpolitisch und sexualkulturell kein Entwicklungsland. Tatsächlich haben sich die Gleichberechtigung der Geschlechter, die Akzeptanz und Toleranz von sexueller Vielfalt und die Sensibilität gegenüber sexueller Gewalt positiv entwickelt. Zum anderen stellen sich viele neue Herausforderungen.

Welches sind die Herausforderungen?

Konrad Weller: Eine Grundherausforderung liegt darin, dass Freiheit immer ambivalent ist. Die Freiheit, selbstbestimmt und einvernehmlich handeln zu können und keinen religiös oder anders verankerten Verboten zu unterliegen, ist einerseits grandios, andererseits aber auch für viele Menschen verunsichernd. Wenn ich ein religiöses Geländer habe oder andere gesellschaftlichen Vorgaben, lässt es sich oftmals einfacher leben, als wenn ich immer auf eigene Entscheidungen und partnerschaftliche Aushandlungsprozesse verwiesen bin. Auch das Überangebot an Informationen zu Sexualität und die darin enthaltenen Verhaltensaufforderungen müssen reflektiert und bewältigt werden, insofern besteht auch in einer insgesamt aufgeklärten Gesellschaft Bedarf an sexualpädagogischer Begleitung und sexueller Bildung.

Gibt es noch sexuelle Tabus?

Konrad Weller: Ich hatte heute Morgen zwei Medienpsychologieseminare, in denen die Studierenden der Kultur- und Medienpädagogik sich im Rahmen einer Interviewübung über Pornografieerfahrung ausgetauscht haben. Das haben einige der männlichen wie weiblichen Studenten als entlastend und geradezu befreiend beschrieben. Denn in der Regel kommuniziert man darüber nicht. Pornografieerfahrung zu besitzen, Pornografie zu nutzen und das zuzugeben, ist nach wie vor schambesetzt und peinlich. Bei anderen Themen wie Masturbation ist das ähnlich. Privatheit, Intimität und Nacktheit stehen einerseits hoch im Diskurs, werden aber vielleicht gerade deshalb individuell auch als schützenswerte Güter wahrgenommen.

Ist es nach wie vor ein Tabu, sich die eigenen Eltern als sexuelle Wesen vorzustellen?

Konrad Weller: Es soll ja Therapeuten geben, die Klienten empfehlen, in der biografischen Recherche nicht nur etwas über die eigene Geburt, sondern auch etwas über die Zeugung in Erfahrung zu bringen. Das kann im Einzelfall hilfreich sein. Wenn jemand von den Eltern gesagt bekommen hat, er sei ein „Verkehrsunfall“ gewesen, kann das ein defizitäres Grundgefühl der Unerwünschtheit und Ungeliebtheit erzeugen. Und da kann es hilfreich sein, wenn man sich als spontanes Produkt von Lust und Leidenschaft phantasieren kann. Den meisten Menschen wird die Vorstellung der elterlichen Sexualität aber ein eher unangenehmes Gefühl bereiten. Man will das nicht wissen. Ich halte ein solches Tabu nicht für gestrig und verklemmt, im Gegenteil. Familiär sollte bei aller Vertrautheit und Intimität eine gute Abgrenzung zwischen Kindern und Eltern da sein.

Heutzutage gewinnt man den Eindruck, die Sexualkultur hat sich vervielfältig, es gibt ein weites Spektrum anerkannter sexueller Formen.

Konrad Weller: Ich würde darauf gern etwas allgemeiner antworten. Der Frankfurter Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch beschreibt unsere sexualkulturelle Entwicklung seit den späten Neunzigerjahren als Zeitalter einer neosexuellen Revolution. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass viele Neosexualitäten oder neue sexuelle Identitäten und Verhaltensformen entstehen (siehe Seite 64). Und viele dieser Neosexualitäten haben nicht nur mit Liberalisierung zu tun, sondern auch mit Entpathologisierung. Zum Beispiel der Bereich der so genannten Perversionen, etwa des Sadomasochismus. Sie galten ein Jahrhundert lang schlichtweg als krank. Heutzutage differenziert sich der Blick auf diese sexuelle Vielfalt, und unsere Sexualkultur hat sich zu einer zunehmend nischenreichen Kultur mit vielen Subkulturen entwickelt, in denen sich Leute ganz unpathologisch sexuell verlustieren können.

Gibt es denn asexuelle Menschen?

Konrad Weller: Bei der Asexualität ist es ähnlich. Bis in die heutige Zeit hinein ist man vom Normativ ausgegangen, dass sich Erwachsene sexuell partnerschaftlich betätigen. Und wenn man das nicht macht, wenn man kein sexuelles Begehren spürt, hat man eine sexuelle Funktionsstörung, ist frigide oder impotent und muss behandelt werden. Insofern wäre auch die Selbstdefinition als asexuell eine Möglichkeit der Entpathologisierung und der psychischen Entlastung von gesellschaftlich kons-truierten Erwartungen.

Gleichwohl bin ich der Meinung, dass jeder Mensch ein Sexualwesen ist, eine entsprechende biotische Grundlage hat und so etwas wie ein sexuelles Bedürfnis. Das wird wie bei vielen anderen sinnlich-vitalen Bedürfnissen im Leben mehr oder weniger abgerufen, mehr oder weniger trainiert. Sexualität ist eine Lebensenergie, die sehr vielgestaltig daherkommt, die sehr verkümmern und sehr reduziert werden, die aber auch gut entwickelt werden kann.

Wie sehen Leidenschaft und Sexualität in Deutschland Ihrer Meinung nach in vierzig Jahren aus?

Konrad Weller: Ich bin ein Fan der Dialektik und der Paradoxie. Der Dresdner Lyriker Volker Braun hat mal den schönen Satz gesagt: Es bleibt alles ganz anders. Die Sexualität bleibt uns erhalten mit all ihren hellen und dunklen Seiten, mit romantischer Liebe, Lust, Leidenschaft, Eifersucht, Kümmernissen. Trotz der anhaltenden Fragmentierung der Sexualkultur, trotz der anhaltenden medientechnologischen Entwicklung, die noch viel Neosexuelles hervorbringen wird, bin ich zuversichtlich, dass Sexualität nach wie vor ganz überwiegend in Beziehung gelebt werden wird. Mein väterlicher Freund und Kollege, der Sexualwissenschaftler Kurt Starke, sagt immer: Die Liebe obsiegt. Ich denke, er hat Recht, ein so tiefes Bedürfnis der Menschen nach Nähe und nach Intimität und lustvoller erotischer Vereinigung wird immer Bestand haben.

Das Gespräch führten Kathrin Jütte und Jürgen Wandel am 30. November in Merseburg.

Kurt Weller

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