Zwischen Hass und Cholera

Migrantenschicksale in der Karibik
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In inoffiziellen Lagern zwischen Haiti und der Dominikanischen Republik leben tausende von Migranten ohne Perspektive. Eine verfehlte Einbürgerungspolitik und Rassismus haben sie in dramatische Armut getrieben. Doch ihr Elend wird von der internationalen Gemeinschaft und den lokalen Behörden weitgehend ignoriert. Das kostet täglich Menschenleben.

Eliezer Catraballo lässt seinen Blick über die wackligen Hütten des Lagers Pascado streifen. Der kräftige Mittvierziger lebt in dem Städtchen Pedernales im Süden der Dominikanischen Republik. Doch heute hat er wieder einmal die Grenze zum Nachbarland Haiti überquert, um ein paar Nahrungsmittel in eines der Migrantencamps zu bringen. Diese Menschen sind vor einem halben Jahr aus der Dominikanischen Republik vor einer zunehmend aggressiven Stimmung gegenüber Personen haitianischer Abstammung geflüchtet. Doch die Situation in dem Lager ist kritisch: „Ich sehe, wie Menschen an Cholera erkranken und schließlich sterben“, sagt Eliezer. „Aber zu sehen, wie sie Baumwurzeln aus der Erde graben, ist das Schlimmste. Es ist wie ein Symbol, dass ihre Situation hoffnungslos ist.“

Eliezer steht auf einem Stück Land, auf dem ehemals Bäume wuchsen. Davon zeugen alte Wurzeln, die noch immer aus dem Boden ragen. Doch einige Männer mit dürren Körpern und schwachen Armen graben auch sie aus der Erde, um sie zu Holzkohle zu verarbeiten. Ab und zu kommt ein Zwischenhändler mit einem klapprigen Lastwagen vorbei und kauft das schwarze Feuermaterial, um es zwei Tage später auf einem Markt in der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince zu verkaufen.

Eliezer Catraballo kommt regelmäßig über die Grenze, um Lebensmittel in das Lager Pascado zu bringen.
Eliezer Catraballo kommt regelmäßig über die Grenze, um Lebensmittel in das Lager Pascado zu bringen.
Dort leben die Menschen in Häusern aus Pappe und Stoff. Das Wasser im Fluss ist verdreckt, die Cholera grassiert auch hier.
Dort leben die Menschen in Häusern aus Pappe und Stoff. Das Wasser im Fluss ist verdreckt, die Cholera grassiert auch hier.

Umweltorganisationen schätzen, dass 98 Prozent des ursprünglichen Waldbestands Haitis zerstört sind. Die Männer mit rußverschmierten Gesichtern wissen, dass ihre Arbeit dem geschundenen Ökosystem einen weiteren Stoß versetzt. „Aber was sollen wir machen?“ fragt François, einer der Männer. „Wir haben Hunger. Es gibt hier keine andere Einkommensquelle. Mit der Holzkohle verdienen wir am Tag nicht mehr als den Preis für ein paar Pfund Reis. Wenn wir diese Arbeit nicht machen würden, könnten wir nicht einmal Reis essen.“

Komplizierte Nachbarschaft

Pascado ist eines von vier informellen Camps im Süden Haitis, in denen ein paar tausend Migranten leben und sterben. Die englische Sozialwissenschaftlerin Bridget Wooding ist Direktorin von obmica, dem Beobachtungszentrum für Migration in der Karibik. Ihr Büro liegt in der Nähe des kolonialen Zentrums von Santo Domingo, der Hauptstadt der Dominikanischen Republik. Sie beschreibt das komplizierte Nebeneinander der beiden Staaten. „Haiti ist heute das ärmste Land des amerikanischen Kontinents, während die Dominikanische Republik als Schwellenland bezeichnet werden kann, in dem die Menschen einen vergleichsweise deutlich höheren Lebensstandard genießen.“ Deshalb kämen so viele Haitianer über die Grenze auf der Suche nach besseren Lebenschancen.

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Das sei schon zu Beginn des vorigen Jahrhunderts so gewesen, als Arbeiter für die Zuckerplantagen gebraucht wurden. In den Achtzigerjahren begann der Niedergang der Zuckerindustrie in der Dominikanischen Republik, aber die Migration aus Haiti nahm weiter zu. „Gerade in der chaotischen Transitionsphase nach dem Ende der Diktatur von Baby Doc im Jahr 1986 haben die Haitianer in jeder Nische der dominikanischen Wirtschaft einen Platz gefunden“, sagt Wooding. „Diese Situation hätte reguliert werden müssen, spätestens vor der Verabschiedung neuer Migrationsgesetze im Jahr 2004.“

Doch erst 2014 begannen die dominikanischen Behörden mit einem achtzehnmonatigen Programm. Die Nachkommen haitianischer Migranten, die in der Dominikanischen Republik geboren wurden, hatten ein Jahr lang Zeit, ihren Status zu klären. Für die betroffenen Menschen sei das Verfahren aber zu kompliziert und zu teuer gewesen. „Zum Beispiel mussten sie eine Bescheinigung des Krankenhauses vorlegen, in dem sie geboren worden sind. Aber die meisten haitianischen Frauen bringen ihre Kinder zu Hause zur Welt. Für solche Probleme der Ärmsten unter den Migranten hat sich niemand interessiert.“

Die Regulierungsphase ging im Juni vergangenen Jahres zu Ende, danach wurden die Haitianer, die ihren Status nicht geklärt hatten, aufgefordert, das Land zu verlassen. Die Spannungen zwischen den Bevölkerungsgruppen nahmen zu, viele Menschen gingen zurück nach Haiti und leben nun in den informellen Lagern nahe der Grenze. „Diese Menschen haben keine Familienbeziehungen mehr in Haiti“, sagt Wooding. „In vielen Fällen sind es eigentlich Dominikaner mit haitianischer Abstammung, aber sie besitzen keine Papiere, die das bestätigen. Ihre Hautfarbe ist meist deutlich dunkler als die der Dominikaner, und sie haben Angst vor Angriffen und Rassismus auf der dominikanischen Seite.“ Doch weder die dominikanischen noch die haitianischen Behörden wollten Verantwortung für diese Menschen übernehmen. „So ist eine außergewöhnliche humanitäre Situation entstanden, die bisher keine angemessene Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft bekommt“, sagt Wooding.

Anfang Dezember hat das Gesundheitsamt auf der dominikanischen Seite einen sanitären Notstand ausgerufen. Die Choleraepidemie, die in Haiti seit 2010 grassiert und mindestens 9?000 Todesopfer gefordert hat, hat auch im Grenzgebiet Ausmaße angenommen, die nicht mehr zu kontrollieren sind. Eigentlich sollte der Grenzübergang geschlossen werden, um die Bevölkerung auf der dominikanischen Seite zu schützen. Aber bisher hat sich niemand an diese Anweisung gehalten. Die Grenze ist noch immer offen. Es wäre auch nicht wirklich sinnvoll, den Übergang zu schließen, denn nur ein paar Meter entfernt kann man die Grenze völlig problemlos illegal überschreiten.

Pierre-Fils Lamartine ist der Repräsentant des haitianischen Gesundheitsministeriums in der Gegend und Direktor des Krankenhauses in dem Grenzort Anse-á-Pitres. Auf Französisch, der Amtssprache Haitis, versichert er, dass er sich der Notlage bewußt ist und alle notwendigen Maßnahmen in die Wege geleitet hat. „Wir kümmern uns um alle Kranken, die Hilfe brauchen.“

Das vierzehnjährige Mädchen Emmelie aus dem Lager Pascado erzählt in breiten Kreyòl, der zweiten offiziellen Sprache Haitis, eine andere Geschichte. Sie sei in der vergangenen Woche mit ihrem kranken Vater hilfesuchend in die Notaufnahme gekommen: „Die Ärzte haben uns eine Flasche Wasser und zwei Tabletten gegeben. Für eine Behandlung hätten wir 1?600 dominikanische Pesos zahlen müssen. Das sind über dreißig Euro. Woher sollen wir so viel Geld bekommen?“ Zwei Tage später starb Emmelies Vater in dem Camp Pascado. Seine Leiche lag noch Tage lang in der Hitze. „Niemand hat uns mit einem Sarg geholfen. Es gibt ja kein Holz. Schließlich haben wir ihn einfach so in der Erde vergraben, dort oben auf dem Hügel.“ Das Mädchen deutet in Richtung einer schattenlosen Anhöhe, auf der einige kleine Kreuze aus Draht stehen. An manchen hängen tönerne Figuren, die bei Voodoo-Ritualen genutzt werden. Die meisten Haitianer glauben an die heilenden Voodoo-Kräfte ihrer verstorbenen Angehörigen.

Das Wasser im Fluss ist verdreckt, die Cholera grassiert auch hier. Einzige Einkommensquelle sind die Baumwurzeln, die die Bewohner zu Holzkohle verarbeiten und dann verkaufen.
Das Wasser im Fluss ist verdreckt, die Cholera grassiert auch hier. Einzige Einkommensquelle sind die Baumwurzeln, die die Bewohner zu Holzkohle verarbeiten und dann verkaufen.
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Von dem Hügel aus hat man einen guten Blick Richtung Norden. Dorthin führt die Staubpiste, auf der ab und zu ein Lastwagen an dem Lager vorbeifährt. Privatfahrzeuge verirren sich fast nie in diese Gegend, aber mehrmals am Tag kommen LKWs der Vereinten Nationen und des Roten Kreuzes vorbei, deren Fahrer in Anse-á-Pitres gestartet sind. Doch die internationalen Organisationen, die sich seit Jahren in Haiti engagieren, fühlen sich offenbar nicht zuständig für das Elend der Menschen in dem Lager Pascado. Eliezer Catraballo hingegen kommt regelmäßig, heute verteilt er Kekse aus zwei großen Kartons an ein paar Dutzend Kinder. Einige ausgemergelte Erwachsene stehen daneben und nicken ihm freundlich zu. Sie glauben nicht, dass ihre Angehörigen an Cholera oder anderen Krankheiten sterben. „Wir verhungern“, versichert Danilo, ein noch recht stämmiger Mann, der einen Plastikeimer voll Wasser auf einer Schulter trägt. Das Wasser hat er aus einem Rohrausgang geholt, zu dem er eine halbe Stunde lang laufen musste. Eliezer ist nicht besonders glücklich über dieses Rohr. „Die Europäische Union hat es vor zwei Jahren verlegt“, erklärt er. „Das Projekt hat ein paar hunderttausend Euro gekostet. Es bringt Wasser nach Anse-á-Pitres von dem Fluss, der weit entfernt oberhalb der Camps fließt. Als ich den Ingenieur gefragt habe, wie das Flusswasser behandelt wird, hat er geantwortet, dafür seien die lokalen Institutionen zuständig. Doch hier gibt es keine lokalen Institutionen, die kontrollieren, ob das Wasser sauber ist.“

Hütte aus Müll

Trotzdem macht sich Danilo jeden Tag auf den Weg zu der Stelle, an der Wasser aus dem Rohr fließt. Er lebt mit seiner Frau und sechs kleinen Kindern in einer Hütte aus Karton, Stofffetzen und Müll. „Ich denke schon, dass das Wasser hier besser ist, als das aus dem Fluss, der da drüben fließt. Dort waschen wir unsere Wäsche und baden. Dasselbe machen die Menschen in den Gemeinden weiter oben. Sie kippen Müll, Fäkalien und was weiß ich noch in den Fluss.“

Danilo lebt mit seiner Frau und sechs kleinen Kindern in dem Lager. Sie flohen vor rassistischen Übergriffen in der Dominikanischen Republik, finden aber auch in Haiti keinen Platz.
Danilo lebt mit seiner Frau und sechs kleinen Kindern in dem Lager. Sie flohen vor rassistischen Übergriffen in der Dominikanischen Republik, finden aber auch in Haiti keinen Platz.

Danilo spricht Spanisch. Er versteht nur wenig Kreyòl und überhaupt kein Französisch. Geboren wurde er in der Dominikanischen Republik, genauso wie sein Vater. Es war sein Großvater, der vor Jahrzehnten aus Haiti ins Nachbarland gezogen ist, um dort auf Zuckerplantagen zu arbeiten. Bis vor einem halben Jahr ist Danilo nie in Haiti gewesen. Er kennt und versteht die Kultur des Landes nicht. Die Rituale des Voodoo machen ihm Angst. Er hat keine Papiere haitianischer Behörden und glaubt nicht, dass er in diesem Land willkommen ist. Aber in die Dominikanische Republik traut er sich auch nicht zurück. „Wir wollten dort bleiben, aber dann haben unsere dominikanischen Nachbarn begonnen, uns als schmutzige Haitianer zu beschimpfen. Manche waren Leute, für deren Eltern schon mein Großvater gearbeitet hat. Sie wollen uns dort nicht mehr. Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll. Wenn sich nicht bald etwas ändert, werden wir alle sterben. Aber wen interessiert das schon?“

Die Dependance der haitianischen Migrationsbehörde an der Grenze.
Die Dependance der haitianischen Migrationsbehörde an der Grenze.

Text und Fotos: Andreas Boueke

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