An „Laura Tussi“ erinnert

Gespräch mit dem Marburger Praktischen Theologen Marcell Saß über Sinn, Chancen und populäre Irrtümer der Konfirmandenzeit
Foto: privat
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Die Konfirmandenzeit ein Schatz, meint Marcell Sass. Denn weit, sehr weit über das kerngemeindliche Milieu hinaus kommen Menschen in Kontakt mit der evangelischen Kirche und dem christlichen Glauben.

zeitzeichen: Herr Professor Saß, ich möchte Ihnen einen Witz erzählen, den ich in vielen Konfirmationspredigten gefunden habe …

Marcell Saß: Ich fürchte, den kenne ich …

Drei Pfarrer treffen sich. Zwei von ihnen haben Fledermäuse im Kirchturm. Sagt der erste: „Ich habe es mit Ausräuchern versucht. Kurz waren sie weg, aber am nächsten Tag waren alle wieder da.“ Sagt der zweite: „Ich habe auf sie geschossen, aber habe keine getroffen. Sie sind einmal hoch geflattert, und nach einer halben Stunde waren alle wieder da.“ Sagt der dritte: „Ich habe die Fledermäuse konfirmiert und sie sind nie mehr wiedergekommen …“. Können Sie über diesen Witz lachen?

Marcell Saß: Nein, überhaupt nicht, denn er ist Ausdruck eines sehr merkwürdigen Kirchenverständnisses und einer völligen Fehleinschätzung von Sinn und Ziel der Konfirmation. Der Witz gibt allerdings einen Einblick in die große Enttäuschungsgeschichte rund um die Konfirmation aus Sicht der kirchlich Hochverbundenen. Insofern ist er ein Anlass, ernst zu nehmen, was die Menschen, die die Konfirmandenzeit planen und gestalten, in ihren Wünschen und normativen Erwartungen umtreibt. Diese stehen aber seit jeher in Spannung zu dem, was die Konfirmandenzeit wirklich leisten kann und was für eine Bedeutung sie für junge Menschen hat.

Was für Erinnerungen haben Sie an Ihre Konfirmandenzeit?

Marcell Saß: Ich habe sehr geringe und eher schlechte Erinnerungen an meine Konfirmandenzeit 1984/85. Ich musste eine Flut von Texten auswendig lernen, die mir weder inhaltlich etwas bedeuteten, noch in irgendeiner Weise hilfreich für mein Leben schienen.

Auswendiglernen wird heute in der Konfirmandenzeit kaum noch praktiziert. Aber ist es denn nicht sinnvoll, ein gewisses Konvolut von Liedern, Psalmen und Katechismusartikeln auswendig zu können?

Marcell Saß: Natürlich ist es sinnvoll, einige Texte by heart zu haben, wie es im Englischen heißt, aber die Frage ist doch: Wie erreiche ich Nachhaltigkeit? Manchmal habe ich den Verdacht, hinter diesem Auswendiglernen steckt der alte Gedanke: Mir hat im Schützengraben der Psalm 23 ja so viel Trost gegeben …

Das stimmt für diese Generation doch auch.

Marcell Saß: Zumindest wird das immer so gesagt. Aber das beweist doch gerade, dass ich mich an bestimmte Texte und Lieder nur erinnere, wenn sie für mein Leben eine Bedeutung erhalten. Dann erinnere ich sie, und dann sind sie in einer bestimmten Lebenssituation hilfreich. Völlig sinnlos ist es aber, etwas um des Auswendiglernens willen auswendig zu lernen, das mit unserer Existenz und unserem Leben nichts zu tun hat. Wichtig hingegen ist es, Texte und Lieder so in Gebrauch zu nehmen, dass sie erinnerungswürdig werden können.

Welche wären das denn?

Marcell Saß: Das kann ganz unterschiedlich sein. Mir sind in meiner Zeit als Pfarrer immer wieder Brautpaare begegnet, die mir sagten, dass sie sich an nichts mehr aus ihrem Konfirmationsunterricht erinnern, aber zu ihrer Hochzeit solle „Laura Tussi“ gesungen werden …

Wie bitte?

Marcell Saß: … sie meinten natürlich das Lied „Laudato si“, das sie häufig bei Konfirmandenfreizeiten gesungen hatten und das von daher eine Bedeutung in der Lebensgeschichte dieses Paares hatte. Das zeigt aber: Nichts kann nachhaltig sein, was nicht regelmäßig in Gebrauch genommen wird. Hier gelten die Merksätze: Sage es mir – und ich werde es vergessen. Zeige es mir – und ich werde mich erinnern. Beteilige mich – und ich werde es verstehen. Insofern ist die Debatte um das Auswendiglernen eine Scheindebatte. Die Frage muss vielmehr lauten: Wie nehme ich Lieder, Texte und Geschichten so in Gebrauch, dass sie in der Lebensgeschichte junger Leute nachhaltig eine Rolle spielen können?

Geht es in der Konfirmandenzeit um Inhalte oder eher um die Weckung oder Bestärkung eines religiös-kirchlichen Grundgefühls?

Marcell Saß: Es gibt spätestens seit den Sechzigerjahren, dem Beginn der Reformdebatte, zwei Grundsatzpositionen: Die eine legt großen Wert darauf, eine Weitergabe einer wie auch immer gearteten Tradition wesentlich über kognitive Vollzüge zu ermöglichen, also die Bestandsicherung des Christentums dadurch, dass junge Menschen im Konfirmandenunterricht etwas über Kirche und Glaube lernen. Diese katechetische Position hat eine lange Tradition und ist bis heute in Entwürfen und Materialien präsent. Die Gegenposition vertritt – salopp gesagt – die Meinung: Wenn die jungen Leute in ihrer Konfirmandenzeit eine schöne Erfahrung mit Kirche gehabt haben, dann haben wir schon Wesentliches erreicht.

Wo sollte Ihrer Meinung nach der Schwerpunkt liegen?

Marcell Saß: In einem plausiblen Bildungsbegriff. Religiöse Bildung hat mit Inhalten zu tun, aber eben auch mit der eigenen Person, ist also immer Selbst-Bildung. Was Pfarrerinnen und Pfarrer, die einen katechetischen Schwerpunkt bevorzugen, zudem häufig vergessen, ist die Tatsache, dass – zumindest in vielen Regionen – die meisten Jugendlichen schon mehrere hundert Stunden Religionsunterricht in der Schule gehabt haben. Was die Konfirmandenzeit vom schulischen Religionsunterricht unterscheidet, ist die Dimension des gemeinsamen gottesdienstlichen Feierns. In der Konfirmandenzeit sollten Liturgie- und Diakoniedidaktik im Mittelpunkt stehen, das heißt eine Konzentration auf die Grundthemen: Gemeinsam feiern und „Wie können wir gemeinsam leben“ und weniger die unterrichtliche Vermittlung von vermeintlichen Traditionssträngen.

Ist der normale 10-Uhr-Gottesdienst am Sonntagmorgen den Konfirmanden überhaupt noch zumutbar?

Marcell Saß: Ihre Frage zeigt, dass wir meist, wenn wir „Gottesdienst“ sagen, eine spezifische agendarische Form meinen, die sich ganz bestimmten Reformen des vergangenen Jahrhunderts verdankt. Eine Form also, die sich keineswegs unmittelbar auf eine lange Tradition berufen kann, auch wenn natürlich viele traditionelle Stücke des Gottesdienstes schon sehr alt sind. Oft wird jedoch übersehen, dass sich die evangelische Kirche durch eine Vielzahl von Gottesdienstformen konstituiert, zum Beispiel Taufen, Trauungen, Beerdigungen und andere besondere Gottesdienste, zum Beispiel Schulgottesdienste. Die haben insgesamt viel mehr Teilnehmer als ein sogenannter normaler Gottesdienst am Sonntag Invokavit. Natürlich ist es gut, dass es den gibt, denn die Kerngemeinde – also etwa fünf Prozent der Mitglieder – mag diese Form und ist sie gewöhnt. Aber im Grunde wissen wir seit langer Zeit, dass spezifische, jugendgemäßere Gottesdienstformen für Konfirmanden auch für eine Vielzahl der anderen Gottesdienstbesucher höchst erfreulich sind.

Sollten wir also alle Sonntagsgottesdienste zu Jugendgottesdiensten für Konfirmanden umbauen?

Marcell Saß: Nein, das muss gar nicht sein. Mein Kollege Karlo Meyer hat in seiner Studie „Gottesdienst in der Konfirmandenarbeit“ gezeigt, dass weniger die Veränderung von Formen ein nachhaltig positives Erleben befördert, sondern eine plausible Gemeinschaftserfahrung in und um den Gottesdienst. Wenn junge Menschen das Gefühl haben, sie werden erstgenommen, wertgeschätzt, und es geschieht etwas Gemeinsames, dann bewerten sie für sich die Teilnahme am Gottesdienst durchaus positiv. Schon ein Gedanke in der Predigt für Jugendliche, nur ein Lied, das sie kennen, kann den Ausschlag für dieses positive Empfinden geben!

Trotzdem werden so aber nur wenige Konfirmanden über die Konfirmandenzeit hinaus für die Kerngemeinde gewonnen werden, oder?

Marcell Saß: Die Konfirmanden kommen regelmäßig zusammen, lesen in der Bibel, sprechen über Fragen des Glaubens und besuchen Gottesdienste. Damit tun sie exemplarisch etwas, was die übergroße Mehrzahl der Mitglieder der evangelischen Kirche empirisch gesehen nicht tut. Dass in vielen Regionen Deutschlands ein hoher Prozentsatz von Jugendlichen die Konfirmandenzeit wahrnimmt und sich konfirmieren lässt, ist eine Erfolgsgeschichte. Auf der anderen Seite sollte man gelassen sein: Die Konfirmandenzeit hat einen definierten Anfang und ein definiertes Ende, und das ist auch gut so!

Wie wichtig ist die Konfirmation als Passageritus im Familienleben heute noch?

Marcell Saß: Die Konfirmation ist im kulturellen Gedächtnis unserer Gesellschaft seit langem als etwas verankert, was Bedeutung hat. Früher markierte die Konfirmation den Übergang von der Kindheit ins Erwachsenenalter, also das, was die Ritualtheoretiker als rite de passage bezeichnen. Heute ist die Lage differenzierter: Wir haben ja eine Ausdehnung der Jugendphase bis in die Dreißiger hinein. Heutzutage wird mit der Konfirmation nicht die Jugend beendet, sondern sie wird „entbunden“, wie es mein Kollege Kristian Fechtner einmal beschrieben hat.

Was soll das heißen?

Marcell Saß: Es meint die Phase, wo man kein Kind mehr ist, die ersten romantischen Verliebtheitserfahrungen hat, sich von den Eltern abgrenzt, wo also die Jugend als eigenständige Lebensphase entbunden wird. Am Anfang bringen die Eltern die Kinder vor einer Konfirmandenfreizeit noch zum Bus und verabschieden sie. Ein Jahr später passiert das kaum noch, denn das ist das letzte, was die Jugendlichen wollen. Aus demselben Grund wollen sie dann auch nicht gemeinsam mit den Eltern im Gottesdienst sitzen, sondern mit ihrer Peergroup zusammen sein. Das ist entwicklungspsychologisch gesehen ein völlig normaler Vorgang. Und die Konfirmation ist das Fest, wo Jugendliche zum ersten Mal in ihrem Leben eine große Menge Geld bekommen. Das wird oft diskreditiert nach dem Motto „Die machen das ja nur wegen des Geldes“. Gleichzeitig aber ist das ein Stück Integration ins Erwachsenwerden, nämlich durch einen nicht mehr kindlichen Umgang mit Geld. Diese Beispiele zeigen, dass die Konfirmandenzeit in einer wesentlichen Lebensphase liegt, in der neue Spielräume im Umgang mit der Peergroup, den Eltern und dem eigenen Leben ausgelotet werden. In dieser Phase der beginnenden Pubertät, wo alle sagen: „Oh Gott, sind die schwierig!“, ist es doch wunderbar, dass die evangelische Kirche genau in dieser verletzlichen Zeit mit den Jugendlichen ein Stück unterwegs ist.

Wie wichtig ist für das Gelingen der Konfirmandenzeit eigentlich die Person des Konfirmators beziehungsweise der Konfirmatorin?

Marcell Saß: Wie in allen Lernprozessen ist die Bedeutung der Person häufig bedeutender als der Inhalt. Insofern liegt im Pfarrer, in der Pfarrerin ein wichtiger Schlüssel für die Konfirmandenzeit. Sie sind als Kundige von Glauben und Kirche Bewohner einer Welt, die für die Konfirmanden meist sehr unbekannt ist. In dieser Rollendifferenz liegen große Chancen. Es ist überraschend, dass viele Kolleginnen und Kollegen, die die Konfirmandenzeit gestalten, von den jungen Leuten gemocht und geschätzt werden, obwohl sie gar nicht den Eindruck erwecken, sie seien besonders jugendbewegt. Andererseits kann natürlich auch viel schiefgehen zwischen einer 13-Jährigen und einem oder einer Jahrzehnte älteren Pfarrer oder Pfarrerin.

Woran liegt das?

Marcell Saß: Ein Problem liegt in der professionsbezogenen Bildung von Pfarrerinnen und Pfarrern. Dieser Berufsgruppe wird eine pädagogische Tätigkeit zugemutet, für die sie eigentlich nicht angemessen ausgebildet ist – jedenfalls im Vergleich zu Lehrerinnen und Lehrern. Zudem sehen viele Pfarrerinnen und Pfarrer ihre persönlichen Schwerpunkte eher im Bereich der Seelsorge, der Predigt und der Liturgie und sind daher bemüht, den Aufwand für die Konfirmanden in einem überschaubaren Rahmen zu halten. Das ist verständlich, zudem benötigen neue Modelle der Konfirmandenzeit wie zum Beispiel K3/K8 (siehe Seite 36) viel mehr Zeit, als wenn man sich nur alle 14 Tage eineinhalb Stunden mit den Konfirmanden trifft. Dies alles spricht dafür, dass wir als Kirche über Sinn und Zweck und die sinnvolle Art der Gestaltung der Konfirmandenzeit permanent nachdenken müssen.

In welche Richtung?

Marcell Saß: Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob die Konfirmation von einem Mindestmaß an kognitiven Fähigkeiten abhängt, oder ob sie, wie die Taufe, eine Handlung ist, in der Gott den Menschen Segen zuspricht, völlig unabhängig davon, was sie individuell leisten und tun können. Zugespitzt gefragt: Ist die Konfirmandenzeit eigentlich wesentlich eine gymnasiale Veranstaltung? Ich glaube nicht, sondern sie folgt vielmehr notwendig aus dem in der Taufe für das ganze Leben zugesprochenen Segen. Hier gebe ich – theologisch gesprochen – der Rechtfertigung den Vorzug vor der Heiligung. Das ist wichtig, gerade wenn wir dies im Zusammenhang mit dem Inklusionsgedanken und im Zusammenhang mit anderen Formen als Lernen über kognitive Vollzüge bedenken.

Welche Inhalte und Themen sollten im Konfirmandenunterricht beziehungsweise in der Konfirmandenzeit unbedingt vorkommen?

Marcell Saß: Es müssen die grundsätzlichen Fragen vorkommen, die junge Menschen in der Adoleszenz beschäftigen, zum Beispiel „Was ist gerecht?“, denn junge Menschen haben ein sehr sensibles Gerechtigkeitsempfinden. Dann die Frage „Wer bin ich eigentlich?“ oder „An wen wende ich mich, wenn ich nicht mehr weiter weiß“ und „Wie bekomme ich mal eine Auszeit vom Alltag?“

Muss es aber nicht auch etwas spezifisch Kirchliches geben?

Marcell Saß: Diese Fragen führen direkt zu kirchlichen Grundvollzügen, die in der Konfirmandenzeit ausführlich behandelt werden sollten. Zum Beispiel sollte unbedingt die Taufe Thema sein – einerseits praktisch als gottesdienstliche Feier, denn es gibt ja immer eine große Anzahl von ungetauften Konfirmanden, die noch vor der Konfirmation getauft werden müssen – aber auch inhaltlich, denn die Kernfrage von Taufe lautet: „Was macht mich eigentlich aus?“, oder „Wer sagt mir, wie und wer ich bin?“; dann die wichtige Frage: „Wie habe ich Gemeinschaft?“ beziehungsweise „Wie gehen wir miteinander um?“ – das alles hat auch etwas mit gemeinsam essen und trinken und gemeinsam feiern zu tun. Da trifft es sich gut, dass wir im Christentum etwas haben, das sich daran ausrichtet, nämlich das Abendmahl. Schließlich die ganz existenzielle Frage, an wen ich mich wenden kann in Freud und Leid, in Angst und Hoffnung – das führt in das Feld des Gebetes.

Taufe, Abendmahl, Gebet als drei Grundweisen christlicher Existenz sollten also unbedingt in der Konfirmandenzeit Thema sein?

Marcell Saß: Ja, und von da kann man zum Beispiel den Bogen schlagen zu dem grundlegenden Gebet des Christentums, dem Vaterunser und von dort dann zur Christologie. Wenn wir über Abendmahl reden, sollte deutlich werden, dass das etwas anderes ist, als wenn ich mit meinen Eltern vor dem Fernseher ein Brot esse, und beim Thema Taufe muss natürlich der Frage nachgegangen werden, warum wir Menschen taufen, und dann sind die biblischen Horizonte von Taufe in den Blick zu nehmen.

Und dabei sollten die Konfirmanden schon auch etwas auswendig lernen?

Marcell Saß: Warum nicht? Und ich glaube, dass dies auch einfach durch regelmäßigen Gebrauch von Liedern und Texten geschieht. Keinen Sinn sehe ich allerdings darin, dass Konfirmanden die Einsetzungsworte des Abendmahls auswendig lernen müssen, denn wozu brauchen sie das? Wenn sie mal Theologie studieren wollen, dann lernen sie das alles noch rechtzeitig. Und warum sollen Konfirmanden nur Gebetstexte aus dem Gesangbuch auswendig lernen? Es sollte doch vielmehr um die Entwicklung einer eigenen Gebetspraxis gehen. Viele junge Leute praktizieren wie auch immer geartete Gebetsformen, auch unter Zuhilfenahme Neuer Medien. Sie tun es meist nicht in der uns vertrauten Sprachgestalt, aber Anliegen zu formulieren und sie in welcher Form auch immer abzugeben von sich selbst, ist auch in der Adoleszenz wichtig. Ein weiterer ganz wichtiger Komplex ist natürlich das diakonische Element des christlichen Glaubens.

Wie kann das vermittelt werden?

Marcell Saß: Als Pfarrer bin ich mit meinen Konfirmanden in ein Seniorenzentrum gegangen, und wir haben Weihnachtslieder gesungen – sicherlich nicht besonders gut, aber die Begegnung mit den Menschen dort und den 13 bis 14-Jährigen, die eine Weihnachtskarte dabei hatten und den alten Menschen „Frohe Weihnachten“ wünschten, hinterließ bei meinen Konfirmanden, die sonst durchaus nicht einfach waren, einen ganz tiefen, positiven Eindruck. Das Moment der intergenerationellen Begegnung ist wesentlich für diakonisches Lernen. Aus dem Genannten ergeben sich so viele wichtige und schöne Themen, dass sich die Frage nach der Vermittlung von Tradition gar nicht mehr so explizit stellt. Vor diesem Hintergrund sehe ich viele Materialien und Arbeitshilfen für die Konfirmandenzeit kritisch, denn sie richten sich von der Textmenge und dem intellektuellen Anspruch her immer noch sehr an Gymnasiasten und bewegen sich häufig sogar auf Oberstufenniveau.

Wie sehen sie die Zukunft des Konfirmandenunterrichts beziehungsweise der Konfirmandenzeit in Deutschland?

Marcell Saß: Der Protestantismus hat eine Schwäche für Untergangsszenarien. Natürlich wird es hierzulande langfristig weniger junge Leute geben, weniger Selbstverständlichkeit der Kindertaufe, und die alte Idee der Konfirmation als Abendmahlszulassung hat schon jetzt kaum mehr Bedeutung. Andererseits ist die Konfirmandenzeit ein Schatz, denn weit, sehr weit über das kerngemeindliche Milieu hinaus kommen Menschen in Kontakt mit der evangelischen Kirche und dem christlichen Glauben. Wir sollten uns mehr an Erfolgsgeschichten orientieren, und damit meine ich die Kirchengemeinden, in denen die Konfirmandenzeit ein Erfolg ist. Zum Beispiel sind „Konfi-Camps“, das heißt Freizeiten, die eine Woche und länger dauern, in den vergangenen Jahren eine absolute Erfolgsgeschichte. Demgegenüber halte ich von einem wöchentlichen Treffen von 45 bis 60 Minuten nur wenig, zugespitzt gesagt: Es wäre besser, wenn man das ließe.

Das Gespräch führte Reinhard Mawick am 18. Februar 2016 in Marburg.

Marcell Saß

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