Wo Angst auf Hoffnung trifft

In Fürstenwalde bekommen Jugendliche eine neue Perspektive
Foto: Sascha Montag
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Ihre Lebensgeschichten sind geprägt von Gewalt, Flucht und Trauer. Minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge werden in Brandenburg im Jugendprojekt "Alleinreisende Jugendliche" (ALREJU) untergebracht. Über das Ankommen in der Fremde berichten die Journalisten Kristin Oeing und Sascha Montag.

Ein abgewetzter roter Fußball fliegt durch die Luft und landet im Nacken eines somalischen Jungens, der ihn geschickt auffängt und mit ausgestreckten Armen auf seinem Rücken balanciert. Der geglückte Fußballtrick lässt den Jungen lächeln. Sechs andere Jungen gucken ihm gespannt zu, bis einer "Yallah, Yallah" ruft, "los jetzt", das Spiel soll weitergehen. Die letzten warmen Sonnenstrahlen des Tages haben die Jugendlichen aus dem zweistöckigen Gebäude, in dem sie wohnen, nach draußen gelockt. Während die einen den Fußball hin und her kicken, sitzen zwei andere Jungs auf der Tischtennisplatte und hören kurdische Musik, auf der Bank daneben tippt ein Mädchen aus Kenia mit geübten Fingern auf ihrem Handy rum. Eine beschauliche Szene, die nicht erahnen lässt, was die jungen Menschen in ihrem Leben bereits erlebt haben.

Gewalt und Verlust

Es sind bewegende und nicht selten grauenvolle Lebensgeschichten, die in dem Jugendprojekt ALREJU in Fürstenwalde, einer Kleinstadt etwa sechzig Kilometer südöstlich von Berlin, erzählt werden. Sie sind geprägt von Krieg, Gewalt und Verlust. Einige Kinder haben ihre Familien bei der Flucht verloren, andere sind alleine aus ihrem Heimatland aufgebrochen, haben tausende Kilometer in den grausamen Händen von Schleppern verbracht, bis sie irgendwann in Europa strandeten. Seit über zwanzig Jahren finden die minderjährigen, unbegleiteten Flüchtlinge im ALREJU eine vorrübergehende Heimat, sie ist die einzige Einrichtung dieser Art in Brandenburg. "Wir sind damals mit vierzig Plätzen gestartet", erinnert sich Heimleiterin Mathilde Killisch (60): "Zu Beginn kamen vor allem Vietnamesen und rumänische Straßenkinder zu uns, Mitte der Neunzigerjahre dann viele afghanische Kinder."

Foto: Sascha Montag
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Sara stammt aus dem Iran. Sie hat schon Pläne für ihre Zukunft, denn sie möchte als Schwimmlehrerin arbeiten.

Die Zugangszahlen stiegen in den vergangenen Jahren stetig an, momentan leben 63 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in der Fürstenwalder Einrichtung. "Und alle sind traumatisiert." Die meisten stammen aus den Krisenregionen der afrikanischen und arabischen Länder. Somalia, Afghanistan, Eritrea, Tschad, Syrien - die Liste ist lang. Nach dem mehrwöchigen Clearingverfahren können die jungen Flüchtlinge meist langfristig in eine der zehn Wohngruppen einziehen. Einzelzimmer gibt es nicht, niemand soll sich alleine fühlen. Die meisten Kinder sprechen nicht darüber, was ihnen zugestoßen ist, deuten nur an, was sie erlebt haben, und brauchen etwa neun Monate, bis sie hier wirklich angekommen sind.

Ein Stück Normalität

Nach dem Erstunterricht in deutscher Sprache, der in der Einrichtung stattfindet, gehen die jungen Flüchtlinge auf die Spree-Oberschule im Ort, sobald ihr Deutsch gut genug ist, werden sie in die Regelklassen eingegliedert. Ein Stück Normalität, das wichtig ist und ihnen eine Perspektive bietet. "Die größte Angst der Kinder ist, nicht zu wissen, wo sie in zwei Jahren sind", sagt Heimleiterin Killisch, "und wir können ihnen nichts garantieren. Die Aufenthaltspapiere der Kinder werden immer nur für ein halbes Jahr verlängert." Das Schreckensszenario, zurück in die Heimat oder einen Schengen-Staat abgeschoben zu werden, haben die Kinder tagtäglich vor Augen. Diese neue Angst überschattet die Erleichterung, dem Krieg, der Armut und Perspektivlosigkeit entkommen zu sein.

Foto: Sascha Montag
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Deutschunterricht.

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Einkaufen.

Und die Zahl der jungen Flüchtlinge steigt weiter an. Der "Bundesfachverband Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge" zählte im Jahr 2014 über 10.000 unbegleitete Minderjährige, die von deutschen Jugendämtern in Obhut genommen wurden. Ein Anstieg um 45 Prozent gegenüber den Vorjahren. "Bei uns ist der Platz ausgereizt", sagt Mathilde Killisch. Wer in Fürstenwalde nicht aufgenommen werden kann, wird erst einmal in die Gemeinschaftsunterkünfte nach Cottbus, Potsdam oder Brandenburg an der Havel geschickt. Die Jugendlichen, die im ALREJU wohnen, sind momentan zwischen 13 und 19 Jahre alt. Viele Kinder kommen ohne Papiere in Deutschland an, verjüngen sich auch schon mal. Heimleiterin Killisch zuckt mit der rechten Schulter, "Flüchtlingskinder fallen in ihrer Entwicklung sowieso ein bis zwei Jahre zurück". In der Einrichtung lernen sie ihren Alltag zu organisieren. Sie sollen selbstständig werden, Verantwortung übernehmen, das Leben meistern. Etwa drei Viertel der Jugendlichen machen einen Schulabschluss in Fürstenwalde. "Die meisten haben konkrete Berufswünsche. Ob die realistisch sind, ist eine andere Frage."

Wünsche und Träume

Die drei Jugendlichen, die auf einer Fensterbank in der karg eingerichteten Küche sitzen, träumen von einer Zukunft in Deutschland. Sie haben das Fenster weit geöffnet, der laue Sommerwind spielt mit ihren dunklen Haaren. Bei einer Tasse Kräutertee reden sie über ihre Träume und Wünsche. Der Junge will Altenpfleger werden, eines der Mädchen Designerin. Sie lachen, necken sich, wirken unbeschwert. Ihre Gesichter verraten nichts über die Odyssee, die hinter ihnen liegt. Fatemeh möchte Erzieherin werden, sagt sie. Die 19-Jährige geht in die neunte Klasse der Spree-Oberschule, und macht gerade ein Praktikum im Asylbewerberheim. "Ich liebe es, Menschen zu helfen", sagt sie. Gerade heute habe sie eine afghanische Familie zum Amt begleitet, "aber ich habe sie erst nicht so gut verstanden, weil sie aus einer anderen Region Afghanistans kommen als ich. Da habe ich mich ganz schlecht gefühlt."

Foto: Sascha Montag
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Fatemeh ist in einem Dorf nahe der afghanischen Stadt Herat aufgewachsen, sie wurde jung an die Taliban verkauft, ihre Mutter verhalf ihr später zur Flucht. Ein Schlepper brachte sie bis nach Griechenland, am Ende der langen Reise landete sie in Berlin-Schönefeld. Damals war sie 15 Jahre alt. Die Grenzpolizei schickte sie zunächst ins Auffanglager nach Eisenhüttenstadt, bis sie schließlich in Fürstenwalde ankam. Sie ist zufrieden mit ihrem Leben, sagt sie, sucht ihr Handy und findet es schließlich unter einem dicken, weißen Teddybär, der auf ihrer Bettdecke liegt. Auf dem Display ist ein junger Mann zu sehen, der auf einer Bühne steht. Fatemeh lächelt: "Das ist mein Ehemann. Er arbeitet als Schauspieler am Deutschen Theater". Nach muslimischem Recht ist Fatameh seit einem Jahr verheiratet. Ihr Mann ist genau wie sie ein Flüchtling, hat zunächst in Griechenland gelebt, bevor er vor drei Jahren nach Deutschland kam. "Wir kannten uns vor der Hochzeit schon acht Monate, wir haben also nicht schnell geheiratet", sagt sie und lacht. Fatameh weiß, dass viele Deutsche das anders sehen.

Schwimmlehrerin?Malerin?

Von der Hochzeit der Tochter wissen ihre Eltern nichts, seit ihrer Flucht hat Fatameh keinen Kontakt mehr zu ihrer Familie. Dafür aber seit einigen Monaten eine neue Mitbewohnerin, die Iranerin Sara (17) die sich das Zimmer mit ihr teilt. "Salem aleikum", ruft das Mädchen in den Raum hinein, als sie durch die Tür hereinschneit. Auch Sara hat schon Pläne für ihre Zukunft, sie ist eine gute Schwimmerin und könnte sich vorstellen, später als Schwimmlehrerin zu arbeiten, "oder ich werde Malerin". Sara ist mit ihrem Vater nach Deutschland geflohen. "Aber er ist kein guter Mensch", flüstert sie, "ich möchte nicht, dass er mich besucht." Im Zimmer hängen ihre selbst gemalten Bilder, eine japanische Anime-Figur, eine bunte Eule, die starr geradeaus blickt. Auf dem Fensterbrett daneben sitzen ein Dutzend Teddybären. Es sind keine Kinder mehr, die hier wohnen, aber auch noch keine Erwachsenen. Trotzdem muss Saras Mitbewohnerin Fatemeh bald ausziehen. Die Wochenenden verbringt sie bereits in Berlin bei ihrem Mann, doch in der Woche geht sie in Fürstenwalde zur Schule und braucht hier eine Unterkunft. Eine Wohnung hat die 19-Jährige schon gefunden, doch sie hat Angst vor dem Alleinsein, Angst vor der Stille und Dunkelheit der Nacht. "Alleine einzuschlafen, kann ich mir einfach nicht mehr vorstellen."

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Gemeinsames Kochen.

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Fatameh macht ihre Hausaufgaben, eine Praktikantin unterstützt sie dabei.

Christina Czapla kennt die Ängste und Nöte der Kinder: Heimweh, Schmerz, Trauer. Die kräftig gebaute Frau mit den kurzen blonden Harren und einem Gesicht, das gerne lacht, arbeitet seit einem guten Jahr als Betreuerin in dem Wohnprojekt. In ihrem Büro hängt eine große Weltkarte an der Wand, an der Tür ein Plakat, auf dem steht: "Kinder haben Rechte". Zur Begrüßung schließt sie die Jugendlichen in ihre Arme. Der Jüngste in ihrer Wohngruppe, Siyabonga, der mit seinen zwei Geschwistern aus Südafrika geflohen ist, strahlt über das Gesicht, als er "Frau Christina" sieht. Seine Bettwäsche zieren Figuren aus der Sesamstraße, auf dem Regal über seinem Bett reiht sich ein Plastikspielzeug an das andere. Der 13-Jährige läuft in kurzen Hosen rum, bei 13 Grad Außentemperatur eigentlich zu kalt, aber die Kinder müssen früh lernen, auf sich selbst aufzupassen. Sie bekommen Taschen- und Essensgeld und jede Hilfe, die sie benötigen, doch all die alltäglichen Aufgaben - Kochen, Waschen, Putzen - liegen in ihrer Verantwortung. "Diese Selbstständigkeit ist wichtig, damit sie lebensfähig werden", sagt die Betreuerin. Nach dem Einzug muss jeder einen zweiwöchigen Kochkurs mitmachen. "Wir geben ihnen einen Grundstock an Fertigkeiten mit, beispielsweise auch, was die Reinigungsarbeiten angeht", sagt Christina Czapla und zieht die Augenbrauen hoch, "aber das sauber machen ist ein heikler Punkt, gerade bei den Jungen."

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Wo pubertierende Jugendliche aus so vielen Kulturen aufeinandertreffen, sind Auseinandersetzungen unvermeidlich. "Sobald die Familie ins Spiel kommt, eskaliert jeder Konflikt", sagt Heimleiterin Mathilde Killisch. Viele Kinder kommen aus Regionen, in denen Krieg herrscht und es keine friedvollen Konfliktlösungen gibt. "Manche sagen, hau mir einfach eine runter und gut ist. Die Jugendlichen müssen erst lernen, dass die Abstinenz von Gewalt kein Zeichen von Schwäche ist."

Wie ein Versprechen

Doch oft entwickeln sich über kulturelle Grenzen hinweg auch Freundschaften, so wie bei Bilawal (16) und Hai (17). Bilawal kommt aus Pakistan, Hai aus Vietnam. Sie reden Deutsch miteinander. "Ich habe versucht, Vietnamesisch zu lernen", sagt Bilawal, "aber es ist eine schwere Sprache." Auf dem Weg zum Supermarkt sitzen sie im Bus nebeneinander. Heute Abend will Hai kochen, Pho-Suppe und Frühlingsrollen. Im ALREJU fühlen sie sich wohl.

Dennoch hoffen sie, irgendwann nach Berlin ziehen zu können. Die Stadt klingt in ihren jungen Ohren wie ein Versprechen. Doch noch bleiben sie hier, an einem Ort an dem Teddybären auf Rap-Musik treffen, vietnamesische Pho-Suppe auf Tiefkühlpizza und Angst auf Hoffnung.

Text: Kristin Oeing / Fotos: Sascha Montag

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