Spurensuche

Neue Formen der Gemeinde
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Nicht forsch und selbstsicher, sondern tastend geht es bei dieser Spurensuche zu. Und dies aus gutem Grund.

"Gemeinde neu denken" - dazu lädt das Buch von Isabel Hartmann und Reiner Knieling vom Gemeindekolleg der VELKD auf faszinierende Art und Weise ein. Vor dem Hintergrund kirchlicher Struktur- und Finanzkrisen und abseits gängiger Antworten wagen die Autoren einen neuen und ungewöhnlichen Weg. So geht es ihnen nicht darum, der zahlreichen "Handbuch-Literatur" eine weitere "Schritt-für-Schritt-Anleitung" zur Bewältigung der Krise hinzuzufügen. Stattdessen laden sie zu einer "biblisch-theologischen und geistlichen Spurensuche" ein, die Einsichten der Komplexitätsforschung ebenso aufnimmt wie die jahrelangen Erfahrungen aus der Praxis des Gemeindekollegs.

Nicht forsch und selbstsicher, sondern tastend geht es bei dieser Spurensuche zu. Und dies aus gutem Grund. Zeigt sich doch, dass die bisherigen Lösungswege von Strukturreformen bis zu Optimierung und Qualitätssteigerung angesichts einer wachsenden Komplexität, in der die "Unübersichtlichkeit wächst (...) und der Glaube an die Machbarkeit schrumpft", längst nicht mehr greifen.

Eine neue Herangehensweise ist daher notwendig und wird im Unterschied zur klassischen Krisenbewältigung durch Analyse und daraus folgende Reaktion in einem Dreischritt von "probieren - wahrnehmen - reagieren" einzuüben sein. Denn "auf komplexem Terrain ist die Lösung nicht vorhersagbar, sondern sie entwickelt sich auf dem Weg". Es geht um eine immer wieder neu zu wagende "Emergent Practice", eine "dem Prozess erwachsende Lösung". Die Situation der Kirche gleiche daher, so die Autoren, einer Landschaft, für die es noch keine Karte gebe und die dazu herausfordere, im "unbekannten Gelände Pfade zu finden, mit denen wir noch nicht vertraut sind und auf denen zu gehen wir noch nicht geübt sind".

Im Blick auf die damit zusammenhängende Frage, wie man sich in solch einem unübersichtlichen, komplexen Gelände orientieren kann, plädieren die Autoren für eine Rezeption biblischer Texte, spiritueller Quellen sowie der Bekenntnisse der Kirche und beziehen damit innerhalb der gegenwärtigen Diskussion um die Bedeutung von Spiritualität in der Gemeindeberatung deutlich Position. Biblische Entdeckungen, theologische Reflexionen und eine geistliche Ausrichtung auf Gott verschränken sich. Dies geschieht nicht zuletzt in der gelungenen Auslegung der Reich-Gottes-Gleichnisse, die in ermutigender Art und Weise auf die kirchliche Praxis hin bedacht werden und dazu einladen, Zukunft als einen Raum zu entdecken, in der jederzeit mit Gottes Geist und seinem Handeln gerechnet werden kann.

In der Deutung kirchlicher Krisenerfahrungen als geistlicher Herausforderung wie in der daran anknüpfenden rechtfertigungstheologischen Reflexion dieser Krise, liegt eine der Stärken dieses Buches. So bietet der zweite Teil eine Fülle von Einsichten. Dabei wissen beide Autoren sehr wohl um die methodischen Unsicherheiten solch einer "geistlichen Orientierung in wachsender Komplexität" und bleiben stets selbstkritisch in Bezug auf die von ihnen herausgearbeiteten Ergebnisse und praktischen Hinweise, so zum Beispiel im Blick auf das Verhältnis von Gottes Wirken und menschlicher Mitarbeit.

Das "Tastende", das diesen Versuchen einer geistlichen Orientierung eignet, bestimmt auch den dritten Teil, der sich zuletzt der Frage widmet, "wie wir uns im komplexen Gelände bewegen" können. In Form "sinnvollerweise nicht logisch aufeinanderfolgender Skizzen" geben die Autoren inspirierende Anregungen, nach eigenen Wegen und Lösungen zu suchen, und kommen auch hier zu überraschenden Entdeckungen. So wird beispielsweise das "Zaudern und Innehalten" als ein erster Schritt, "Komplexität als solche Ernst zu nehmen" und zugleich neu als "Potenzialitätsraum für Gottes Wirken" zu verstehen, gewürdigt.

Auch der "Intuition" wie dem vertieften "Wahrnehmen" als "Gespür für die Wahrheit der Gegenwart" werden neue Rollen als Schlüsselkompetenzen zugewiesen, die in der Verbindung mit der kontemplativen Praxis des Herzensgebets geistlich vertieft werden. Bei all diesen hier genannten Überlegungen, wie zum Beispiel auch beim Einsatz des "Pro Action Cafés", warnen jedoch beide Autoren davor, diese methodischen Vorschläge als "Best-Practice-Modelle" misszuverstehen. Es geht nicht um ein Kopieren, sondern um eigenes Ausprobieren neuer Wege und um die Ermutigung, im Vertrauen auf Gottes Geist und gegenwärtiges Handeln selbst Pfade im "unbekannten Gelände" zu finden und zu erproben.

Das Buch macht Mut, kirchliches "Neuland zu entdecken und Experimente zu wagen". Es besticht durch einen neuen, frischen Blick auf wohlbekannte Problemlagen und ist zur persönlichen Lektüre ebenso zu empfehlen wie für die Arbeit in der gemeindlichen Praxis, in Presbyterien wie in anderen Leitungsgremien.

Isabel Hartmann/ Reiner Knieling: Gemeinde neu denken. Geistliche Orientierung in wachsender Komplexität. Gütersloher Verlagshaus 2014, 240 Seiten, Euro 19,99.

Andreas Isenburg

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