Beten im Babylon

Junge Kreative finden im Berlinprojekt eine geistliche Heimat
Wo man sonst eher auf Kirchenskepsis trifft, feiert die wachsende Gemeinde Gottesdienste: Der Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin-Mitte, an dem auch das Kino "Babylon" liegt. Foto: Natascha Gillenberg
Wo man sonst eher auf Kirchenskepsis trifft, feiert die wachsende Gemeinde Gottesdienste: Der Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin-Mitte, an dem auch das Kino "Babylon" liegt. Foto: Natascha Gillenberg
Im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg schafft eine freikirchliche Gemeinde das, was andere vergeblich versuchen: Seit ihrer Gründung vor neun Jahren wächst sie kontinuierlich. Mittlerweile gibt es beim "Berlinprojekt" sonntags drei Gottesdienste für rund 500 Mitglieder - auch im Kino.

Gut, Popcorn gibt es hier heute nicht. Aber neben den großen Filmplakaten und Flyern, die fürs aktuelle Kinoprogramm Werbung machen, steht am Tresen frischer Kaffee bereit. Eigentlich keine schlechte Idee am Sonntagmorgen, oft kann man selbst um elf Uhr noch einen kleinen Wachmacher gebrauchen. Im Berliner Kino "Babylon", wo sonst Stummfilme gezeigt werden und Buchlesungen stattfinden, feiert das Berlinprojekt heute Gottesdienst.

Einen Altar gibt es nicht, auch kein Kreuz, keine Kerze, keine Kanzel und der Pfarrer wird nachher weder Talar noch Stola tragen. Auf der Bühne vor der großen Leinwand hat lediglich jemand einen frischen Blumenstrauß auf einen Tisch gestellt. Am Flügel spielt sich schon mal der Pianist Ludger Ferreiro warm, ein bisschen Jazz. Später werden zwei Gitarristen dazukommen, eine Sängerin, ein Sänger. Es wird viel gesungen werden in diesem Gottesdienst - neue geistliche Musik, leicht zu lernen, Anbetungslieder, in die man sich fallen lassen kann. Aber auch Paul Gerhardts "Ich singe Dir mit Herz und Mund" steht auf dem Programm, in der alten Melodie, wenn auch überraschend und wie neu gestimmt.

500 Mitglieder

Wer seinen Kaffee noch nicht ganz ausgetrunken hat, bringt ihn mit in den Kinosaal und stellt ihn in den Halter der blauen Plüschsessel; eine Frau kommt mit ihrem Hund herein. Einige tippen noch auf ihren Smartphones herum, andere blättern in den Flyern, die sie beim Hereingehen erhalten haben - die Liedtexte für den Gottesdienst sind hier zu finden, die gemeinsamen Gebete, ein paar Erläuterungen zur Liturgie.

Rund 500 Mitglieder hat das Berlinprojekt, und ein großer Teil davon ist heute hier zusammengekommen. Am Abend wird außerdem im Betahaus - eine Art Bürohaus mit so genannten Co-Working-Räumen - in Kreuzberg ein weiterer Gottesdienst stattfinden. Einen weiteren gibt es in der Christuskirche, ebenfalls in Kreuzberg. Und nach dem Sommer nutzt das Berlinprojekt voraussichtlich das Ballhaus Rixdorf.

Foto: Natascha Gillenberg
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Pastor Christian Nowatzky, einer der beiden Gründer des Projekts, will "Orte zum Auftanken" anbieten.

Das Wachstum der Gemeinde überrascht viele, die gerade von einer säkularen Stadt wie Berlin eher Kirchenskepsis gewohnt sind. Während auch andernorts in den meisten Kirchenbänken nur wenige, vor allem ältere Menschen, sitzen, kommen hierher überwiegend junge Erwachsene zwischen 20 und 40 Jahren. Journalisten, die sich dem Phänomen nähern wollen, schreiben gern von "Hipstern" in engen Jeans, über "Latte-Macchiato-Mütter" mit teuren Kinderwagen, über schwäbische Sehnsüchte eines "Bionade-Biedermeiers".

Viele Singles

All diese Zuschreibungen sind so treffend und so falsch, wie es Klischees eben sind. In der Tat ist der Prenzlauer Berg einer der Stadtteile Berlins, die sich nach der Wende am stärksten verändert haben. Es gibt heute besonders viele junge Familien. Die Mieten sind nach der Sanierung der Häuser so angestiegen, dass es vorwiegend Besserverdienende sind, die sich das Leben hier leisten können. Und doch leben auch sie hier: die jungen Akademiker, die sich eine WG gesucht haben, weil sie anders die Miete nicht zahlen könnten. Oder die Profi-Musiker, die nicht wissen, ob ihre mehr schlecht als recht bezahlten Engagements reichen werden, sie über den Sommer zu bringen.

Was sie in den Augen von Christian Nowatzky, 36, einem der beiden Pastoren des Projekts gemein haben: Sie haben meist eine akademische Ausbildung, arbeiten unter großem Leistungsdruck und mit großer Professionalität - "die erwarten sie dann auch von der Kirche" - , legen Wert auf Freiheit und Unabhängigkeit, sind sozial interessiert. Vor allem kommen viele Singles, die sich in traditionelleren Kirchengemeinden oft etwas verloren fühlen. Hier sind sie keine Randerscheinung.

Foto: Natascha Gillenberg
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Die wenigsten der Gottesdienstbesucher sind Ur-Berliner, die meisten erzählen davon, wie sie in die Hauptstadt gekommen sind, wegen des Studiums, des Partners, des Jobs. Und dann sind sie auf das Berlinprojekt gestoßen. "Viele von ihnen", erzählt Pastor Nowatzky, "haben irgendwie einen kirchlichen Hintergrund, haben ihn aber in der Großstadt verloren." Man mag hinzufügen: Vielleicht auch als Teil einer biographischen Entwicklung, die oft dazu führt, dass man den Glaubensformen und -vorstellungen seiner Kindheit und Jugend entwächst und dafür keine neue Sprache finden kann.

Doch nicht nur das Berlinprojekt - gegründet vor neun Jahren unter dem Dach des Bundes Freier Evangelischer Gemeinden - hat Zulauf. Auch die benachbarten landeskirchlichen Gemeinden, wie zum Beispiel die der Gethsemane-Kirche, wachsen. Wer dies nur auf eine Mode oder einer um sich greifenden nostalgischen Sehnsucht nach bürgerlichen Werten zurückführt, übersieht die Ernsthaftigkeit, mit der viele hier wieder neu nach Glauben und Sinn in ihrem Leben fragen.

Zum Glauben gefunden

Es gibt auch nicht wenige, die im Berlinprojekt überhaupt erst zu Glauben und Kirche finden. Für Katja Wegner war das zum Beispiel der Fall. Sie arbeitet in einem Verlag für Bildungskommunikation, ist irgendwann mit einer Freundin hierhin zum Gottesdienst gekommen. "Die Predigt hat mich sofort angesprochen", erinnert sie sich. Die Botschaft, die sie hier Sonntag für Sonntag neu erfährt: Du musst nichts erreichen, um angenommen zu werden. Du bist gut so, wie Du bist. Du musst nicht erst jemand anders werden. Nimm das an - und mach was draus. "Das war unglaublich befreiend", sagt sie.

Foto: Natascha Gillenberg
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Wo sonst Filme laufen, wird am Sonntagvormittag gebetet und gesungen: Gottesdienst im "Babylon".

Ähnlich empfindet das auch Dirk. Der 38-Jährige ist als Flugbegleiter viel unterwegs - das Berlinprojekt bietet einen Ankerpunkt in seinem Leben, und er selbst kann entscheiden, wie stark er sich einbringt oder Kontakte knüpft. "Man kann auch einfach in den Gottesdienst gehen, ohne, dass man mit jemandem reden muss. Es ist nicht irgendwie aufdringlich." Vor allem aber hat er das Gefühl: Er wird so akzeptiert, wie er ist - auch in seiner Homosexualität. Das hat er in einer früheren Gemeinde schmerzhaft sehr anders erfahren.

Verschiedene Strömungen

Das heißt nicht, dass man im Berlinprojekt einer Meinung ist, was das Thema angeht - hier stoßen unterschiedliche liberal-säkulare, landeskirchliche und freikirchliche Strömungen aufeinander. Pastor Nowatzky sieht die Frage theologisch noch nicht geklärt. Wenn ihn jemand wegen seiner Homosexualität um ein seelsorgerliches Gespräch bittet, bietet er ihm den Kontakt zu zwei befreundeten schwulen Pfarrern an: Der eine lebt seine Homosexualität offen, der andere hat geheiratet und eine Familie gegründet - zwei radikal unterschiedliche Weisen, damit umzugehen. Nowatzky will damit dem Ratsuchenden die Möglichkeit bieten, sich an denjenigen zu wenden, bei dem er den Eindruck hat, er könne ihm am ehesten helfen. Das Thema ist aber nicht zentral, wird nicht zum identity marker im Gemeindeleben. Trauungen homosexueller Paare gibt es hier zwar nicht. Doch jeder ist willkommen als der Mensch, der er ist.

"Auftanken nach einer schwierigen Woche" sollen die Besucher im Gottesdienst hier, sagt Nowatzky. Seine Aufgabe als Pastor sieht er darin, "die Leute zu ermutigen, zu erfrischen, sie an das zu erinnern, was sie schon haben - alles andere wäre nicht gnadenzentriert".

Foto: Natascha Gillenberg
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Soziales Engagement ist Teil der Gemeindearbeit. So organisierten Ehrenamtliche ein Kinderfest im Soldiner Kiez, einem sozialen Brennpunkt im Stadtteil Wedding.

Foto: Natascha Gillenberg
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Nowatzky selbst ist in der Landeskirche großgeworden, in Erfurt, noch zu DDR-Zeiten. Das hat ihn geprägt, sagt er: Das Gemeindeleben als Versuch, sich Freiräume gegenüber dem Regime zu schaffen. Christsein auch als politische Haltung. Seine Eltern brachten ihn in Kontakt mit einer freikirchlichen Gemeinde, weil sie wollten, dass er einen lebendigeren Glauben kennen lernte. Er ist dabei geblieben, studierte Theologie an der Freien Theologischen Hochschule Gießen und der University Gloucestershire in England - ihm war ein theologischer Abschluss in Exegese von einer staatlichen Hochschule wichtig.

Nowatzky suchte nach einem Weg, wie er den christlichen Glauben normalen Zeitgenossen vermitteln könnte, ohne das in erster Linie über Fragen von Ethik und Moral zu tun. Prägend wurde für ihn seine Zeit bei Timothy Keller an der Redeemer Presbyterian Church in New York: Was bedeutet es, Kirche im urbanen Kontext zu sein, wie engagiert man sich für Gemeindegründungen, wie bringt man die Gnade Gottes als zentrale Botschaft des Glaubens zur Sprache? Er sagt: "In dieser Gemeinde habe ich gelernt, was es heißt, den Glauben existenziell zu verstehen, ihn an die Lebens- und Alltagserfahrungen der Leute anzubinden."

Mit Sündenbekenntnis und Abendmahl

Das Schriftverständnis von Keller teilt er aber nicht, sondern weist darauf hin, dass man im Bund Freier evangelischer Gemeinden dem Bekenntnis zur "Irrtumslosigkeit der Schrift" kritisch gegenüberstehe. Hier habe man sich darauf geeinigt: "Verbindliche Grundlage für Glauben, Lehre und Leben in Gemeinde und Bund ist die Bibel, das Wort Gottes." Ein genaues Inspirationsverständnis folge daraus nicht.

Der Gottesdienst dauert rund zwei Stunden, ist schlicht und hat sich seit der Gründung der Gemeinde (Christian Nowatzky rief das Berlinprojekt mit einem befreundeten Studienkollegen, Konstantin von Abendroth, ins Leben) nicht geändert. Eher ungewöhnlich für eine Freikirche: Sündenbekenntnis (oft formuliert in direkter Anlehnung an die Agende der Evangelisch-Reformierten Kirchen) und die wöchentliche Feier des Abendmahls (die Einleitung entstammt der Übersetzung des "Book of Common Prayer") gehören selbstverständlich dazu.

Foto: Natascha Gillenberg
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Haribo und Bibeltexte: In den Sofagruppen treffen sich Gemeindemitglieder, um über den Glauben zu sprechen.

Foto: Natascha Gillenberg
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So findet zum Beispiel an einem heißen Sonntag im Juni im Berliner Stadtteil Wedding, im Soldiner Kiez, ein Sommersportfest statt. Hier, wo viele Migranten leben, wo es viel Armut gibt, packen die Helfer des Berlinprojekts bei der Veranstaltung des "Kinderclubs" mit an. Eierlaufen, Seilchenspringen, Dosenwerfen - einen ganzen Nachmittag lang strömen die Kinder aus den Nachbarstraßen zusammen.

Insgesamt vier Projekte werden von der Gemeinde mit Spenden, ehrenamtlicher Arbeit und Gebeten unterstützt: Die "bluboks" in Lichtenberg, wo Kinder mit Musik, Tanz und Schauspiel Selbstbewusstsein und Gemeinschaft entdecken können, ein christliches Kinderheim in El Salvador und die "Music Road", ein Musikschulprojekt im vom Völkermord traumatisierten Ruanda. Daneben finden regelmäßig Plenumstreffen statt, auf denen über soziale Belange informiert wird und zu denen Vertreter von Organisationen wie Transparency International eingeladen werden.

Auf der Couch

"Die Sozialprojekte sind eine Möglichkeit, in der Gemeinde besser Fuß zu fassen", stellt Katja Wegner fest. "Bei den Gottesdiensten mit mehreren hundert Menschen bleibt doch alles irgendwie anonymer."

Eine andere Möglichkeit, engere Kontakte zu knüpfen, sind Sofagruppen - andernorts eher als "Hauskreise" bekannt. Rund 20 davon gibt es im Berlinprojekt.

Einmal in der Woche, wie hier am Dienstagabend, trifft sich dann irgendwo eine kleine Runde wie die, zu der Corinna, 29, gehört. Heute Abend sitzen sie bei ihr im Wohnzimmer und haben es sich bei ihr auf der Couch bequem gemacht. "Die Sofagruppe ist der Ort, an dem es auffällt, wenn Du nicht da bist", sagt sie. Sie sprechen über die vergangene Woche, lesen gemeinsam in der Bibel, beten miteinander. Das Buch Maleachi haben sie sich zur Zeit vorgenommen - keine leichte Lektüre, und lange diskutieren sie darüber, ob die Verse ihrem Bild von Gott entsprechen. Verbindlichkeit, Freundschaften, Impulse für ihren Glauben - das ist es, was die jungen Leute hier suchen.

Natascha Gillenberg (Text und Fotos)

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Natascha Gillenberg

Natascha Gillenberg ist Theologin und Journalistin. Sie ist Alumna und Vorstand des Freundes- und Förderkreises der EJS.


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