Respektvolle Koexistenz

Gespräch mit dem Vorsitzenden der UEK, Christian Schad, über den Berliner Dom
Foto: Archiv
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Der Berliner Dom war eng mit Preußens Herrschern verbunden und hat heute eine besondere Beziehung zu der Union Evangelischer Kirchen in der EKD - kurz UEK. Warum? Das erläutert deren Vorsitzender, der pfälzische Kirchenpräsident Christian Schad.

zeitzeichen: Wie kommt es zur engen Beziehung der Union Evangelischer Kirchen in der EKD (UEK) zum Berliner Dom?

Christian Schad: Diese Beziehung hat historische Gründe. Die UEK ist Rechtsnachfolgerin der früheren Preußischen Landeskirche. Dadurch hat die UEK bis heute aufsichtliche Befugnisse über den Berliner Dom.

Wie kam es dazu?

Christian Schad: Die heutige "Oberpfarr- und Domkirche zu Berlin" wurde 1905 ihrer Bestimmung übergeben und nach den Kriegszerstörungen 1993 wieder in Dienst gestellt. Sie war wie schon ihre Vorgängerbauten seit dem 15. Jahrhundert die Hof- und Domkirche zunächst der brandenburgischen Kurfürsten, dann des Königreichs Preußen. 1539 hatte Kurfürst Joachim die Reformation in Brandenburg eingeführt. Zunächst lutherisch, trat der Hof im 17. Jahrhundert zum reformierten Bekenntnis über. Schon damals war dem Landesherrn an einer respektvollen Koexistenz zwischen Lutheranern und Reformierten gelegen. Daran konnte König Friedrich Wilhelm III. in seinem berühmten Unionsaufruf 1817 anknüpfen. Gemäß dem landesherrlichen Kirchenregiment war der preußische König zugleich oberster Bischof der evangelischen Kirche seines Landes. Nach 1918 fielen die episkopalen Befugnisse des Regenten an die Kirche selbst zurück. Die frühere Preußische Landeskirche konstituierte sich 1922 neu als Evangelische Kirche der Altpreußischen Union. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die einstigen preußischen Kirchenprovinzen wie zum Beispiel Berlin-Brandenburg, Rheinland oder Westfalen selbstständige Landeskirchen. Sie blieben aber in der Evangelischen Kirche der Union (EKU) verbunden, die sich in den Jahrzehnten der deutschen Teilung besonders als Einheitsband zwischen Ost und West bewährte. Ohne die finanzielle Unterstützung der EKU wäre auch der Wiederaufbau des Domes undenkbar gewesen. Im Jahr 2003 erweiterte sich die EKU zur Union Evangelischer Kirchen in der EKD (UEK), zu der heute zwölf Landeskirchen gehören.

Peter Beier, der frühere rheinische Präses und damalige Ratsvorsitzende der EKU, hat 1993 in seiner Predigt zur Einweihung des wiedererrichteten Doms die Berliner eingeladen, den Dom zu füllen. Wie sieht es jetzt, zwanzig Jahre später aus?

Christian Schad: Es ist der Initiative und dem Engagement des Domkirchenkollegiums und den zahlreichen beruflichen und ehrenamtlich Mitarbeitenden zu danken, dass Beiers Aufruf nicht ungehört verhallt ist. Die UEK nimmt mit großer Freude die ungemein lebendige Arbeit der Domgemeinde und die Ausstrahlung des Domes wahr. Denn mit fast einer Million Besuchern im Jahr ist der Dom eine der größten Touristenattraktionen der Hauptstadt. Hier werden Woche für Woche, Tag für Tag gut besuchte, liturgisch sorgfältig gestaltete Gottesdienste und Andachten gefeiert - immer mehr auch zentrale Fest- und Gedenkgottesdienste aus den unterschiedlichsten Anlässen. Jüngst war es zum Beispiel der im Fernsehen übertragene Gedenkgottesdienst am 20. Juli mit dem Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider, der, 70 Jahre nach dem Attentat auf Hitler im Juli 1944, an die Widerstandsbewegung in der Zeit des Nationalsozialismus erinnerte. Im Dom erklingt darüber hinaus großartige Musik. Hier ist ein Ort künstlerischer Experimente und Ausstellungen. Hier werden aber auch Glaubenskurse angeboten, Menschen seelsorglich begleitet, Taufen und Trauungen gefeiert.

Was hat die UEK in Zukunft mit dem Berliner Dom vor?

Christian Schad: Vor allem dies: weiter zu unterstützen, dass die Botschaft von der Liebe Gottes durch den Dom und das Leben seiner Gemeinde ausstrahlt - einladend und glaubwürdig zugleich. Dabei bewährt sich immer wieder das vertrauensvolle Miteinander zwischen der UEK, der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) als der Landeskirche, zu der die Domgemeinde gehört, und der Leitung dieser Gemeinde, dem Domkirchenkollegium. Uns als UEK liegt besonders daran, dass das unierte Erbe des Doms, das sich in den Pfeilerfiguren der vier Hauptreformatoren Luther, Zwingli, Melanchthon und Calvin auch im Bauprogramm abbildet, und das breite Spektrum evangelischer Frömmigkeit lebendig bleiben.

Es gab vor einem Vierteljahrhundert heftige Diskussionen darum, dass der Berliner Dom wieder in wilhelminischer Pracht aufgebaut wurde. Wie sehen Sie den Bau heute?

Christian Schad: Natürlich gab es damals Vorbehalte: eine ästhetische Distanz zu einem Baustil, der schon während der Erbauung und bei der Indienststellung 1905 heftig kritisiert wurde, und geistliche Reserven gegenüber einem Gotteshaus, das nicht nur glänzende, sondern auch schmachvolle Erinnerungen birgt. Aber in den über zwanzig Jahren seit seinem Wiederaufbau hat sich der Dom als ein Ort erwiesen, "an dem Gäste zu Hausgenossen werden"; so hat es der Berliner Bischof Markus Dröge letztes Jahr in einer Predigt ausgedrückt. Es ist doch wunderbar, wie der Dom als Bauwerk und Begegnungsort so viele Menschen mit Gottes Wort in Berührung bringt. Das Berliner Schloss, das gegenwärtig als Stätte internationaler kultureller Begegnung wiedererrichtet wird, findet im Dom wahrlich mehr als ein nur bauliches Gegenüber!

Würden Sie sagen, dass der Berliner Dom die evangelische Hauptkirche Deutschlands ist?

Christian Schad: "Die" evangelische Hauptkirche würde ich nicht sagen - wenn es so etwas im Protestantismus überhaupt gibt. Aber zweifellos gehört der Berliner Dom als Hauptstadtkirche zu den evangelischen Kirchen mit der größten Ausstrahlung. Hier predigen regelmäßig Repräsentanten der UEK. Auch für Feiern aus politischen Anlässen und mit Beteiligung des Staates wird er immer wieder genutzt. Deshalb gibt es gute Gründe, dass die EKD bei Fragen zu Status und Ordnung des Berliner Doms beteiligt ist, wie auch die Bundesregierung und der Senat von Berlin je einen Vertreter ins Domkirchenkollegium entsenden. Man sieht, der Berliner Dom ist schon eine ganz besondere Kirche!

Seit 2008 ist Christian Schad Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in der Pfalz mit Sitz in Speyer. Im November 2013 wurde der 56-Jährige als Nachfolger des badischen Landesbischofs Ulrich Fischer neuer Vorsitzender der Vollkonferenz der UEK.

Reinhard Mawick: Ausstellung zur Geschichte des Doms

Christian Schad

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