"Wir fluten jetzt"

Zwischen Bornholmer Straße und St. Thomas: Ein Spaziergang und drei Begegnungen
Fassungslos am Tag danach: Ein DDR-Grenzer steht am 10. November 1989 am Grenzübergang Invalidenstraße. An ihm vorbei strömen die Menschen über die Grenze. Foto: Rolf Zöllner
Fassungslos am Tag danach: Ein DDR-Grenzer steht am 10. November 1989 am Grenzübergang Invalidenstraße. An ihm vorbei strömen die Menschen über die Grenze. Foto: Rolf Zöllner
Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer. Wieviel ist noch von ihr zu sehen? Woran erinnern sich die Menschen, die diesen Tag in Berlin erlebt haben? Ein Spaziergang mit drei Begegnungen.

Der Countdown läuft. Oder vielmehr: Ich laufe über den Countdown. Von Osten über die Bornholmer Straße in Richtung Bösebrücke. Sie überquert das Gleisgewirr, das sich von hier bis zum Bahnhof Gesundbrunnen erstreckt und verbindet die Stadtteile Prenzlauer Berg und Wedding. Ich laufe über den Countdown jenes 9. Novembers 1989. Er ist in den Fußweg eingelassen in Form von 14 bronzenen Markierungsstreifen, auf denen jeweils ein Satz eingeprägt ist. "09:00 h - DDR-Ministerien arbeiten an neuer Reiseregelung" steht auf dem ersten. "12:30 h - Entwurf der Reiseregelung geht an DDR-Ministerrat" auf dem zweiten und so weiter.

Der Abstand zwischen den Streifen changiert je nach der Zeitdauer, die damals zwischen den Ereignissen lag. Zuerst sind es noch mehr als 15 Meter, gegen Abend wird es kürzer und bei den letzten beiden Bronzestreifen ganz kurz: "23:20 Uhr - Tor auf, Tor auf. Wir kommen wieder, wir kommen wieder", kündet Streifen 13 von den Rufen der wartenden Menge, und kurz dahinter liegt der letzte: "23.30 h - Wir fluten jetzt! Wir machen alles auf!" Berühmte Worte eines Stasi-Offiziers, der schließlich die Tore öffnen ließ. Wahnsinn!

Fest der Freiheit

Ich treffe Bernd Albani. Er war damals Pfarrer an der Gethsemanekirche am Prenzlauer Berg und an jenem Abend an der Bornholmer Straße dabei. Niemals hätte Albani, Jahrgang 1944, gedacht, dass die Mauer sich so bald öffnen würde. Zwar ahnte er, besonders nach der großen Demo am 4. November auf dem Alexanderplatz, dass ein Weg eingeschlagen worden war, der nicht mehr umkehrbar war. Aber was dann geschah - damit hatte er nicht im Traum gerechnet: "Wir waren gerade erst umgezogen und hatten noch längst nicht alle Kisten ausgepackt. Am Abend des 9. Novembers hatte ich begonnen, Bücherregale aufzubauen. Dann sagte meine Frau, sie hätte im Radio gehört, der Grenzübergang Bornholmer Straße solle geöffnet werden, sie würde da doch gerne mal hingehen. Also zogen wir los. Schon auf der Wichertstraße herrschte Volksfeststimmung. Die Leute kamen aus den Kneipen, drückten uns Sektgläser in die Hand und riefen: 'Die Grenze ist offen!'

Auf der Bösebrücke zogen wir inmitten eines Menschenstromes an fassungslosen Grenzern vorbei - und auf einmal stand da einer in anderer Uniform, da waren wir in West-Berlin. Wir fuhren zum Kurfürstendamm, der war voller Menschen - ein irres Fest der Freiheit. Morgens musste ich früh los zu einer Tagung nach Dresden. Die Dresdner wollten mir gar nicht glauben, dass ich in der Nacht zuvor auf dem Kudamm gewesen war. Dass die 'Gefängniswärter' einfach kapitulierten - das war irgendwie genial. Andererseits hatte ich schon in dieser Nacht so eine Ahnung, dass sich die Dinge von nun an ganz anders weiter entwickeln würden, als wir uns das vorgestellt hatten."

Foto: Rolf Zöllner
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Grenzübergang Invalidenstraße, 10. November 1989: Der Strom der Menschen reißt nicht ab.

Albani stand dem System der DDR kritisch gegenüber. Zwar sah er ein, dass man Kompromisse eingehen musste, wenn man in der DDR leben wollte, aber es musste Grenzen für diese Kompromisse geben. Diese Grenze war für Albani erreicht, als 1977 Rudolf Bahro verhaftet wurde. "Wir hatten sein Buch 'Die Alternative' gelesen, in dem er das Instrumentarium der marxistischen Gesellschaftsanalyse auf die DDR angewandt hatte und zu dem Schluss kam, dass das gar kein Sozialismus ist, sondern höchstens einer im 'Larvenstadium'. Ich fand da viele meiner Gedanken und Ansichten auf den Punkt gebracht." Nachdem Bahro ein Jahr lang in Haft verschwunden war, reichte es Bernd Albani. Er wollte, dass die Öffentlichkeit den Namen Bahro nicht einfach vergisst. Also lief der Theologiestudent durch die Leipziger Innenstadt, um den Hals trug er ein großes Schild mit der Aufschrift "Freiheit für Bahro".

War diese Ein-Mann-Demo nicht ein Risiko? "Mir war schon klar, dass ich wahrscheinlich erstmal 'zugeführt' würde. Aber ich dachte, sie müssten mich wieder laufen lassen, weil in der Verfassung der DDR ausdrücklich das Recht auf freie Meinungsäußerung garantiert war, und etwas anderes hatte ich ja nicht in Anspruch genommen. Ich hatte keine staatsfeindliche Gruppe gebildet - ich war allein, ich hatte niemandem davon erzählt, auch nicht den Westmedien - also konnte man es nicht als staatsfeindliche Hetze auslegen. Eigentlich hätten sie mich gleich wieder rauslassen müssen."

Sechs Wochen Haft

Es wurden dann doch sechs Wochen Haft, denn die DDR war eben kein Rechtsstaat. Sechs Wochen lang durfte Albani keinen Besuch empfangen, auch nicht von seiner Familie, und er bekam nicht die Möglichkeit, einen Anwalt zu sprechen. Als er entlassen wurde erfuhr Albani, dass sich kirchliche Stellen für ihn eingesetzt hatten. Auch die Solidarität war überwältigend gewesen: "Wer da alles geholfen hat, sich um die Kinder gekümmert hat, wer Geld gespendet hat - das war schön zu erfahren und das erlebt zu haben war viel wert." Insgesamt habe ihn die Haft nicht eingeschüchtert.

Nach dem Studium wurde Albani Pfarrer in Frauenstein im Erzgebirge. Durch seine Tätigkeit im Fortsetzungsausschuss des Netzwerkes "Konkret für den Frieden" fuhr er seit 1987 jeden Monat nach Berlin. Deshalb war er mit den Aktivitäten der Oppositionsgruppen, die aus den Kirchen heraus und in deren Umfeld entstanden waren, vertraut.

Foto: Rolf Zöllner
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Atemlos durch die Nacht am 9./10. November 1989 am Grenzübergang Bornholmer Straße. Hier öffnete sich kurz vor Mitternacht die Grenze für alle.

Foto: Rolf Zöllner
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Am Ostende der Behmstraßenbrücke verlief die Grenze.

Mitte September 1989 siedelten er und seine Familie nach Berlin um, und am 1. Oktober 1989 begann sein Dienst in der Gethsemanegemeinde. Seit dem 2. Oktober fanden hier Mahnwachen statt, und die Gethsemanekirche wurde zum Zentrum der Demokratiebewegung in Ost-Berlin. Hier erlebte er auch hautnah das brutale Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen gewaltfrei demonstrierende Bürger. An Wiedervereinigung dachte er nicht. Sein Traum war eine demokratische DDR als ökologische, gerechte und soziale Alternative zur Bundesrepublik Deutschland. Heute sagt er: "In der DDR waren wir als Kirche eine Minderheit, aber wir hatten etwas zu sagen, wir wurden gehört. Heute ist es ungleich schwieriger, als Kirche eindeutig zu reden und dabei glaubwürdig zu sein, weil wir als reiche Kirche in einem reichen Land Teil der Probleme sind."

Munteres Treiben

Ich spaziere weiter auf dem "Berliner Mauerweg" gen Süden und durchquere den so genannten Mauerpark: Munteres Treiben, alle hundert Meter Musikanten, Volksfeststimmung am Sonntagnachmittag, links liegt der Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark und die alte Hinterlandmauer, die über weite Strecken erhalten geblieben ist. Nach einem guten Kilometer erreiche ich die Bernauer Straße. Hier befindet sich über mehrere hundert Meter Länge die "Gedenkstätte Berliner Mauer". Unter anderem mit einem Abschnitt, in dem alles von früher erhalten ist: Hinterlandmauer, Grenzstreifen mit Kolonnenweg, Abschlussmauer und Wachturm. Der Abschnitt, etwa 150 Meter lang, kann nur durch Löcher in der Hinterlandmauer eingesehen werden. Betreten kann man ihn nicht - wie früher. Ein schräges Heiligtum. Merkwürdig.

Hinter dem Nordbahnhof führt der Mauerweg einen Kilometer nach Nordwesten, schnurstracks auf einem grünen Birkenstreifen, parallel zur Gartenstraße - der perfekte Hundeauslauf. Keine Touristen und keine Mauer, nicht der kleinste Rest. Wo ist sie nur geblieben? Da! Kaum biege ich in die Liesenstraße ab, taucht sie links oben auf: Die Mauer von einst, ein Dutzend Meter, vollständig mit runder Betonkrone - üppig begrünt, verwunschen aus dem Nichts - wie ein alter Mayatempel im Urwald. Wahnsinn! Dann ist sie wieder verschwunden

Foto: Rolf Zöllner
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Bernd Albani war 1989 Pfarrer an der Gethsemanekirche in Berlin, Prenzlauer Berg.

Foto: Rolf Zöllner
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Der Musiker Stephan Mai durfte schon vor 1989 in den Westen reisen.

Foto: Rolf Zöllner
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"Als die Mauer fiel, mussten wir erst wieder lernen, den Kopf zu drehen." Christian Müller, Pfarrer an der Kreuzberger St. Thomaskirche von 1987 bis 2011.

Ich treffe Stephan Mai. Seit 1976 ging er als Geiger des Radiosinfonieorchesters Berlin, dem RSO, regelmäßig auf Tournee in den Westen. Musiker seines Niveaus gehörten eben zum Reisekader. 1982 gründete er mit einigen Gleichgesinnten die Akademie für Alte Musik Berlin, deren Konzertmeist er lange Jahre war und deren Mitglied er bis heute ist. Auch mit "AkaMus" durfte er bald in den Westen. Und 1987 gab er seine Stelle im RSO auf, um sich ganz der Alten Musik zu widmen.

Gehörte Stephan Mai, Jahrgang 1953, zur politischen Opposition? "Wir waren damals keiner wirklichen Drangsal ausgesetzt. Natürlich sympathisierten wir mit den oppositionellen Gruppen, aber das konkrete Engagement war dann doch die Sache von anderen, von Intellektuellen wie zum Beispiel Wolfgang Thierse." Mai gehörte Mitte der Achtziger im Prenzlauer Berg zu seinem Freundeskreis. "Über Thierse haben wir viel erfahren. Wir sind jedes Jahr in einem größeren Kreis in den Herbstferien in evangelische Tagesheime gefahren und haben uns dort getroffen, so eine Art "Familienfreizeit". Wir trafen uns einfach, weil wir uns gut verstanden. Wir haben Spiele gemacht, Theater improvisiert und dabei natürlich auch viel über die politischen Dinge erfahren. Letztlich waren wir Musiker alle Staatsfeinde, aber es war uns nichts nachzuweisen."

"Du brauchst nicht mehr zu üben!"

Mai weiß gar nicht mehr genau, wie er die Nachricht der Maueröffnung bekam. "Wahrscheinlich habe ich es im Radio gehört - einen Fernseher hatten wir nicht! Als das Gerücht zur Gewissheit wurde, weckte ich meine schlafende Tochter, die war damals zwölf, und sagte: "Liebe Rahel, du brauchst jetzt nicht mehr Geige zu üben, jetzt kommst Du auch so in den Westen!" Am nächsten Tag fuhr Stephan Mai mit der ganzen Familie nach West-Berlin. Alle fünf über den Checkpoint Charlie rüber und dann zum U-Bahnhof Hallesches Tor. "Es war wahnsinnig gefährlich, weil es so voll war, und wir hatten Angst um die Kinder, unser Jüngster war erst drei Jahre alt. Unglaublich viele Menschen, es war wie bei einer Demo, und natürlich waren wir sehr glücklich!" Wenige Tage nach dem Mauerfall rief dann der Geschäftsführer des berühmten RIAS-Kammerchors aus West-Berlin an: "Können wir nicht etwas zusammen machen?" Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, in deren Folge die "AkaMus" in sehr kurzer Zeit zu einem der weltweit führenden Barockorchester aufstieg. Eine Mauer war gefallen.

Foto: Rolf Zöllner
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Mauerspecht in den Wochen danach.

Foto: Rolf Zöllner
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Die Grenztruppen erledigen den Abriss.

Nichts mehr zu sehen ist von der Mauer hinter dem ehemaligen Grenzübergang Invalidenstraße. Ich gehe am Wasser entlang, am Humboldthafen: In der Ferne der Reichstag. Bevor ich ihn erreiche sehe ich links eine gläserne, durchsichtige Mauer, auf der die Artikel 1 bis 19 unseres Grundgesetzes geschrieben sind, angefangen mit "Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt." Sehr nah schmiegte sich die Mauer damals von hinten an den Reichstag.

Kurz vor dem Brandenburger Tor hängen viele weiße Kreuze am Zaun zum Tiergarten - Gedenken an die Opfer. Darunter auch der letzte Mauertote: Chris Gueffroy, erschossen am 5. Februar 1989. Er war 20 Jahre alt. Der nächste Kilometer ist erlaufen: Am Potsdamer Platz begegnet mir die Mauer nur noch als Artefakt, einige bemalte Mauerteile sind aufgestellt im spacigen Ambiente aus Glas und Beton, das den Platz prägt - über allem der Tower der Deutschen Bahn. Die Mauer kriecht als schmale Kopfsteinpflasterschlange über den Boden, und wenn es dazu nicht gereicht hat, dann ist der ehemalige Verlauf eingefräst in den Asphalt.

An die Mauer gewöhnt

Ein paar hundert Meter weiter ein ganz anderes Bild: An der Niederkirchner Straße steht ein zusammenhängendes Mauerstück. Es verläuft, geschützt durch kleine Zäune zu beiden Seiten, etwa 150 Meter parallel zur Gedenkstätte für das ehemalige Gestapo-Hauptquartier in der Prinz-Albrecht-Straße, sie heißt "Topografie des Terrors". Auf einmal lärmender Trubel, Reisebusse stehen am Straßenrand, Hupen tönen, Stimmengewirr: der Checkpoint Charlie kann nicht weit sein. Touristen lassen sich dort mit Grenztruppen-Statisten der US-Army in originalgetreuen Uniformen fotografieren, eine heitere Fotosession reiht sich an die andere, und rechts steht ein Restaurant von McDonalds. Schnell weg.

Ich treffe Christian Müller. Der gebürtige Franke, Jahrgang 1948, war von 1987 bis 2011 Pfarrer an der St. Thomaskirche in Kreuzberg. Die große Kirche im spätklassizistischen Stil ist mit ihrer mächtigen 56 Meter hohen Kuppel und den beiden 48 Meter hohen Türmen schon von weitem zu sehen. Die Mauer verlief seit 1961 direkt vor der Nase der Kirche und ein Teil der Gemeinde war abgeschnitten worden.

Ende der Achtzigerjahre hatte man sich in Kreuzberg eigentlich an die Mauer gewöhnt, sagt Christian Müller. "Als die Mauer abgetragen war, mussten wir erst wieder lernen, den Kopf in diese Richtung zu drehen." Heute verlaufen auf dem ehemaligen Mauerstreifen zwei Straßen, der Bethaniendamm und der Engeldamm, von der Mauer ist nichts mehr zu sehen. Es waren bewegte Jahre in Kreuzberg, die Kirchengemeinde engagierte sich in den Konflikten um die Hausbesetzer. "Wir fanden damals, es wäre Mieterberatung dran und keine hochliturgischen Gottesdienste. Kontakte nach Ost-Berlin gab es kaum, uns beschäftigte die Frage, wie es zum Nationalsozialismus hatte kommen können und wir waren überzeugt, die deutsche Teilung sei eine Konsequenz des 'Dritten Reiches'. Irgendwann aber stand ich doch mal auf der Ostseite der Mauer und sah von dort unsere Kirche, da habe ich zum ersten Mal die Absurdität der ganzen Situation gespürt."

Foto: Rolf Zöllner
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Bizarr: Die Gedenkstätte Günter Litfin in Mitte.

Foto: Rolf Zöllner
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Verwunschene Mauer an der Liesenstraße.

An jenem 9. November 1989 tagte in St. Thomas der Gemeindekirchenrat. "Es kam jemand in die Sitzung und sagte: 'Ich habe gerade im Fernsehen gehört, die Mauer wird geöffnet'. Wir haben gar nicht darauf reagiert, so vertieft waren wir in unsere lange Tagesordnung. Aber als ich nachts nach Hause ging, war so ein eigentümliches Summen in der Luft. Morgens merkten wir natürlich, was los war. Dann kam jemand heulend ins Gemeindehaus, ein Mann Mitte fünfzig. Ich fragte ihn: 'Was ist denn los?' Ja, er käme aus Ostberlin, aus Prenzlauer Berg, sei Alkoholiker und viele Jahre trocken gewesen, aber als er eben über die Grenze gekommen war, habe er den angebotenen Flaschen Begrüßungssekt nicht widerstehen können. Wir haben ihn mit Kaffee abgefüllt und zu trösten versucht. Schließlich bin mit ihm zurückgegangen an der Mauer lang zur Übergangsstelle Oberbaumbrücke. Alle strömten in den Westen, und er kämpfte sich unter Tränen zurück in den Osten. Ich habe nie mehr etwas von ihm gehört."

Zu Pflaumenkuchen eingeladen

Kurz vor der Wiedervereinigung begannen noch die Grenztruppen der DDR die Mauer hinter St. Thomas abzubrechen. Müller: "Wir haben sie zu Pflaumenkuchen in die Gemeinde eingeladen. Nachdem sie ihren Vorgesetzten gefragt hatten, durften sie. Es war aber immer noch eine sehr seltsame Atmosphäre, ein richtig lockeres Gespräch kam noch nicht zustande. Beim Gottesdienst zum einjährigen Gedenken an den Mauerfall vermengte der Kirchenmusiker die Internationale und das Deutschlandlied beim Orgelvorspiel - das war gelungen!"

In der Folgejahren wurde die Gemeinde, die lange der "letzten Zipfel" West-Berlins war, wieder zu einer normalen Gemeinde. Eins aber schmerzt Christian Müller: "Leider gehört der 1961 abgetrennte Teil unserer Gemeinde auch heute immer noch zur Marienkirche am Alexanderplatz, und die ist weit weg. Alle Versuche, das zu ändern, sind gescheitert. Zuletzt sogar vor dem kirchlichen Verwaltungsgericht. Traurig, die Mauer ist vor 25 Jahren gefallen, aber die St. Thomasgemeinde wartet immer noch auf ihre Wiedervereinigung!"

Text: Reinhard Mawick / Fotos: Rolf Zöllner

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