"Hitler hat nicht gewonnen"

Erstmals kann man an einer deutschen Universität jüdische Theologie studieren
Gruppenarbeit über Psalm 92. Foto: Rolf Zöllner
Gruppenarbeit über Psalm 92. Foto: Rolf Zöllner
Im vergangenen Jahr wurde an der Universität Potsdam die "School of Jewish Theology" eröffnet. Wer dort studiert und liberaler Rabbiner oder Kantor werden will, erhält gleichzeitig eine berufsbezogene Ausbildung am Abraham-Geiger-Kolleg. Jürgen Wandel und Rolf Zöllner haben sich dort umgesehen.

Wer vom Berliner Bahnhof Zoo kommend die Kantstraße entlanggeht, stößt innerhalb von hundert Metern auf das Auf und Ab deutsch-jüdischer Geschichte der vergangenen hundert Jahre. An der Ecke Fasanenstraße erhob sich ab 1912 die zweitgrößte Synagoge der deutschen Hauptstadt. Hier predigte Rabbiner Leo Baeck (1873-1956), ein bedeutender Vertreter des liberalen Judentums. 1938 wurde die Synagoge angezündet. Und 1942 schlossen die Nazis die "Hochschule für die Wissenschaft des Judentums", an der Kantoren und Rabbiner - auch von Baeck ausgebildet worden waren.

1945, inzwischen waren nicht nur Gotteshäuser vernichtet worden, stellte Baeck fest: "Die Epoche der Juden in Deutschland ist ein für alle Mal vorbei." Für die wenigen Juden, die noch oder wieder in Berlin lebten, wurde Ende der Fünfzigerjahre dort, wo er gepredigt hatte, das Jüdische Gemeindehaus errichtet. Es ist aber nur so groß wie ein evangelisches Dorfgemeindehaus.

Foto: Rolf Zöllner
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Gastdozentin Dalia Marx lehrt am liberalen Hebrew Union College in Jerusalem Liturgik.

Foto: Rolf Zöllner
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Der Ungar Armin Langer studiert jüdische Theologie im ersten Semester. Der 23-Jährige, der sich in Berlin zu Hause fühlt, möchte Rabbiner werden.

Was Baeck wohl sagen würde, würde er heute die Fasanenstraße überqueren und das Haus betreten, in dessen Erdgeschoss die legendäre "Paris Bar" liegt? Der Rabbiner wäre vielleicht überrascht, in einem der schmucklosen Räume des Obergeschosses eine Kollegin zu treffen. Dalia Marx hält ein Seminar über den Sabbat. Die Israelin stellt sich auf Englisch vor. Sie beherrscht es besser als Deutsch. Die 16 Studierenden kommen aus Deutschland, Israel, Norwegen, Polen, Schweden, der Ukraine, Ungarn und den USA. Theologie studieren sie an der Universität Potsdam, an der vor einem Jahr gegründeten "School of Jewish Theology". Und gleichzeitig erhalten sie, die das Rabbinat oder Kantorat in einer liberalen Gemeinde anstreben, eine berufsbezogene Ausbildung am Abraham-Geiger-Kolleg, das - mit der Universität Potsdam verbunden - seinen Sitz in Berlin hat. Die Ausbildung angehender jüdischer Geistlicher unterscheidet sich also von der evangelischer Kollegen, die erst an der Universität studieren und dann am Predigerseminar die praktische Ausbildung bekommen.

Foto: Rolf Zöllner
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Amnon Seelig, angehender Kantor aus München, hat seine Tochter mitgebracht, die selig schläft.

Leo Baeck habe Humor gehabt und Kinder gemocht, erinnerten sich Zeitzeugen. So hätte er wohl geschmunzelt, als seine Kollegin Marx "auch Babys willkommen" heißt. Schließlich hat der angehende Münchner Kantor Amnon Seelig seine Tochter mitgebracht. Aber im Tragetuch an den Vater gekuschelt verschläft sie das Seminar. Dabei ist das, was die Rabbinerin erzählt und wie sie es tut, nicht zum Einschlafen. Im Gegenteil: Ihre Stimme füllt den Raum. Mit den Händen unterstreicht sie ihre Aussagen. Und in der Diskussion teilt die 47-Jährige auch schon einmal einen ironischen Seitenhieb aus. Als es um irgendeine Feinheit der Sabbatliturgie geht, sagt Marx, die aus einer alten sephardischen Familie stammt, zu Seelig, der mehrmals seine Kenntnis aschkenasischer Traditionen herausgestellt hat: "Das würden Sie als Aschkenase natürlich nicht tun."

Dass die Gemeinde im Freitagabendgottesdienst die "Braut Sabbat" empfängt, sei natürlich für Schwule und heterosexuelle Frauen ein Problem, meint Marx lächelnd. Aber das Geschlecht des Sabbats könne wechseln, was sie anhand mittelalterlicher Handschriften zeigt.

Foto: Rolf Zöllner
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Natalia Verzhbovska, die mit einem Kommilitonen diskutiert, stammt aus Kiew. Im Hintergrund das Porträt Abraham Geigers (1810-1874), eines wichtigen Vordenkers des Reformjudentums.

Foto: Rolf Zöllner
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In dem Seminar geht es aber, wie Marx betont, nicht nur um den Sabbat als Zentrum jüdischer Spiritualität, sondern auch um das "geistliche Wachstum" der angehenden Geistlichen und die "Klärung eigener Fragen". "Sie können kein guter Geistlicher sein, wenn Sie nicht mit eigenen Zweifeln umgehen können", meint die Rabbinerin und ermuntert die dreizehn Männer und drei Frauen zur Diskussion. Schließlich heiße das jüdische Volk "Israel, weil wir auch mit Gott streiten".

Streitbar wirkt Armin Langer nicht, eher zurückhaltend, still. Der 23-Jährige, der im ersten Semester an der "School of Jewish Theology" studiert, möchte Rabbiner werden. Geboren wurde der Sohn ungarischer Eltern in München. Dass er Deutsch ohne Akzent spricht, verdankt er nicht nur der Grundschulzeit in Wien, wo sein Vater eine Stelle fand, sondern dem Besuch der Deutschen Schule im westungarischen Ödenburg, ungarisch: Sopron.

Säkulare Eltern

Seine Eltern waren "vollkommen säkular". Was ihn als Jugendlichen trotzdem an der Religion anzog, kann er kaum in Worte fassen. Jedenfalls kaufte er sich mit 13 Jahren eine christliche Bibel und besuchte oft den Gottesdienst in einer römisch-katholischen Kirche, denn andere Gotteshäuser gab es in der Stadt nicht. Aber da habe er "Gott nicht gefunden", sagt Langer mit leiser Stimme. Ihn störte das Herunterleiern der Messliturgie. Erst als er 16 Jahre alt war, erfuhr er, dass der Vater Jude ist und ein Teil der Vorfahren von den Nazis ermordet worden war. Die Mutter entstammt einer römisch-katholischen Familie.

Foto: Rolf Zöllner
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Mit 19 begann Armin Langer in Budapest Philosophie und Religionswissenschaft zu studieren. Er lernte die Rabbinerin der liberalen jüdischen Gemeinde kennen und engagierte sich dort in der Jugendarbeit - auch weil er als "Vaterjude" akzeptiert wurde. Sonst gelten im Judentum, auch im deutschen liberalen, nur Kinder einer jüdischen Mutter als Juden. Bevor Langer seine Rabbinerausbildung in Deutschland aufnehmen konnte, musste er sich einem Glaubensgespräch mit Rabbinern unterziehen. Und er ließ sich beschneiden, um auch so seine Zugehörigkeit zum jüdischen Volk zu zeigen.

Das Judentum schätzt Langer als Religion, für die nicht nur das Ritual wichtig ist, sondern auch die Ethik. Als Rabbiner möchte der ernsthafte junge Mann "für die Schwachen eintreten" und "die Welt besser machen". Und so hat er in seinem Wohnbezirk Neukölln mit jungen Christen und Muslimen die Gruppe "Salaam-Shalom" gegründet.

Foto: Rolf Zöllner
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Dass er ausgerechnet in dem Land studiert, von dem der Massenmord an den Juden ausging, ist für Langer kein Problem. Zum einen sei es ein anderes Land geworden, "ich fühle mich hier zu Hause", und so werde auch deutlich: "Hitler hat nicht gewonnen."

Religion war kein Thema

Natalia Verzhbovska ist 24 Jahre älter als Armin Langer. Wenn sie Deutsch spricht, verrät ihr Akzent, dass sie in Kiew aufgewachsen ist. Und Augenbrauen und Hände bewegen sich lebhaft. So sehr sie sich in Alter und Temperament von Langer unterscheidet, so ähnlich verlief ihre religiöse Sozialisation. Auch für ihre Eltern war Religion kein Thema, sie wusste nur, dass der Vater Jude ist. Im Musikgymnasium, das sie während der Sowjetzeit besuchte, faszinierten sie die Werke von Bach und Händel. Aber den Schülerinnen und Schülern wurde nicht richtig erklärt, was sie da auf Deutsch oder Englisch sangen. So habe sie sich Informationen über Religion aus atheistischen Propagandaschriften besorgt, erzählt die angehende Rabbinerin und lacht. In der Gorbatschowzeit getraute sie sich, russisch-orthodoxe Kirchen zu besuchen. Aber dort fühlte sie sich fremd, im Unterschied zu der liberalen jüdischen Gemeinde Kiews, in die sie eine Freundin mitnahm.

Foto: Rolf Zöllner
Foto: Rolf Zöllner
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Foto: Rolf Zöllner

Anders als in der Kirche wurde hier erklärt, was im Gottesdienst geschieht. Und als sie einen Diskussionsabend zum Thema Sexualität besuchte, faszinierte sie die Offenheit der Beteiligten. "Ich hatte das Gefühl, ich kann Fragen stellen, ohne Angst haben zu müssen", erinnert sich die 47-Jährige. In der Gemeinde lernte sie ihren Mann kennen, der Rabbiner wurde. Sie arbeitete in seiner Gemeinde in St. Petersburg mit und merkte, dass es ihr "Spaß macht, Menschen zu unterrichten". So festigte sich die Idee, Rabbinerin zu werden. Bei einer Fortbildung traf sie Walter Homolka, den Leiter des Abraham-Geiger-Kollegs. Und damit fiel die Entscheidung für Potsdam. Im kommenden Jahr wird Verzhbovska ordiniert, und sie möchte dann eine deutsche Gemeinde übernehmen.

Wenn Leo Baeck 1945 das Ende des deutschen Judentums feststellte, bezog er sich nicht nur darauf, dass in Deutschland fast keine einheimischen Juden mehr lebten. Für ihn hatte die Nazizeit vielmehr den Glauben als "Illusion" erwiesen, "dass deutscher und jüdischer Geist auf deutschem Boden sich treffen und durch ihre Vermählung zum Segen werden könnten". Die Potsdamer "School of Jewish Theology" bietet erstmals in der deutschen Geschichte die Möglichkeit, an einer Universität jüdische Theologie zu studieren, unabhängig davon, ob jemand das geistliche Amt anstrebt und Jude ist. Die Einrichtung, die Teil der Philosophischen Fakultät ist, könnte die von Baeck vermisste "Vermählung" bewirken. Aber angesichts von Studierenden aus aller Welt dürfte diese internationaler ausfallen, als das vor 1933 denkbar war.

Text: Jürgen Wandel / Fotos: Rolf Zöllner

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