Talar in Orange

Interview zur Ausstellung über die Kulturgeschichte des evangelischen Pfarrhauses
Foto: privat
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Ab dem 25. Oktober ist im Deutschen Historischen Museum in Berlin die Sonderausstellung "Leben nach Luther - Eine Kulturgeschichte des evangelischen Pfarrhauses" zu sehen. Sie entstand in Kooperation mit der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Über Inhalt und Ziel der Ausstellung sprach zeitzeichen-Redakteur Stephan Kosch mit Bodo-Michael Baumunk, einem der Kuratoren.

zeitzeichen: Herr Baumunk, den Reformatoren ging es vor 500 Jahren vor allem um theologische Fragen. Sie nähern sich dem Thema über das evangelische Pfarrhaus. Warum haben Sie diesen Ansatz gewählt?

Bodo Baumunk: Diese Ausstellung ist nicht die einzige geplante mit Blick auf das Reformationsjubiläum, sondern soll eher ein Auftakt sein. Aber das Thema ist ja auch ein theologisches. Das Pfarrhaus mit der darin lebenden Familie stand durchaus im Kontext reformatorischer Ziele und kirchlicher Erneuerung. Der heilige Stand des Priestertums wurde zumindest auf evangelischer Seite aufgehoben, das war eine bedeutende kirchen- und sozialgeschichtliche Zäsur.

Denn der Pfarrer war nun ein Mann wie andere, mit Frau und Familie und all dem Freud und Leid, das damit zusammenhängt?

Bodo Baumunk: Nein, Pfarrer und ihre Familien hatten über Jahrhunderte hinweg eine ganz besondere Stellung in der Dorf- oder Stadtgemeinde. Sie waren auf dem Land Pioniere der bürgerlichen Lebensform und wurden immer wieder dazu ermahnt, dass sie nicht zu sehr "verbauern" sollten. In den Städten, wo sie als Bürger unter Bürgern lebten, durften sie wiederum nicht zu stark verbürgerlichen, also all die Zerstreuungen und Vergnügungen teilen, die eine Stadt ihren Bürgern bietet. Insofern war das Pfarrhaus eben nicht wie alle anderen Häuser, sondern im Gegenteil über Jahrhunderte hinweg ein mit vielen Erwartungen aufgeladener, nahezu überhöhter Ort.

Inwiefern überhöht?

Bodo Baumunk: Das Pfarrhaus hatte in jeder Hinsicht exemplarisch zu sein, die Pfarrersfamilie hatte die Rolle der Beispielfamilie am Ort. Deswegen wurde auch besonders auf ihre Erscheinung, ihren Habitus, ihr ganzes Verhalten in sittlichen Fragen geachtet. Das ist heute wohl nicht mehr flächendeckend der Fall. Aber wir finden noch bis in die Sechzigerjahre des 20. Jahrhunderts hinein Äußerungen von Pfarrerskindern, die sehr unter dieser ewigen Beobachtung gelitten haben.

Dennoch haben viele Kinder aus Pfarrhäusern, auch wenn sie nicht selber Theologen wurden, in der Geisteswissenschaft, in der Kunst und in der Politik erneut eine herausragende Stellung eingenommen. Woran liegt das?

Bodo Baumunk: Das ist auch Teil des Mythos, der das Pfarrhaus als Pflanzstätte des deutschen Geistes sieht. Es ist insofern was dran, als dass die protestantische Kultur des Wortes wohl sehr prägend ist. Deshalb finden wir in den Berufen Deutschlands, in denen Wort und Sprache wichtig sind, auch in der Geschichtsschreibung, viele Vertreter, die aus einem Pfarrhaus stammen. Andererseits waren die akademischen Berufe bis ins 19. Jahrhundert hinein nicht besonders stark ausdifferenziert. Es stammen auch deshalb so viele Gelehrte und Literaten der Vergangenheit aus Pfarrhäusern, weil es gar nicht so viele andere akademische Berufe gab, die ihre Väter hätten ausüben können. So zeigen wir auch Beispiele von Pfarrerskindern, die eben nicht dem Klischee entsprechen und als Naturwissenschaftler oder bildende Künstler erfolgreich wurden.

Wie ist die Ausstellung gestaltet?

Bodo Baumunk: Die große Überraschung, auch für uns, war, dass wir eine große visuelle Vielfalt präsentieren können. Das ist bei einer nicht gerade sehr sinnlichen Kultur und Religion nicht unbedingt zu erwarten. Der Protestantismus setzt ja mehr auf das Wort als auf Bilder. Dennoch gibt es eine Vielzahl von Genrebildern, die Pfarrersfamilien in den verschiedenen Epochen und Ländern zeigen. Natürlich sind auch viele Dokumente und die Amtstrachten in all ihrer Vielfalt zu sehen.

Vielfalt? Der Talar sieht doch fast immer gleich aus: schwarzes Tuch, weißer Kragen...

Bodo Baumunk: Es gibt schon Unterschiede. So zeigen wir die ersten Talare für Pfarrerinnen aus den Sechzigerjahren mit ganz besonderen Kragenformen. Und einen orangefarbenen Talar aus dem Jahr 1971!

Wer hat sich den denn schneidern lassen?

Bodo Baumunk: Ein schwäbischer Pfarrer. Er wollte damit den provozierenden und anstößigen Charakter seiner Prüfungspredigt unterstreichen...

Bodo-Michael Baumunk

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